Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

BAAR: Die Brockitante nimmt Abschied

Bald wird Schluss sein mit dem Brockenhaus an der Langgasse. Luisa Mazzacane und ihr Mann Pasquale blicken zurück auf zehn lehrreiche Jahre – nicht zuletzt in Bezug auf die Natur des Menschen.
Raphael Biermayr
Im Wimmelbild: Luisa und Pasquale Mazzacane führen in insgesamt drei Räumen Tausende Artikel. (Bild: Stefan Kaiser (Baar, 31. Oktober 2017))

Im Wimmelbild: Luisa und Pasquale Mazzacane führen in insgesamt drei Räumen Tausende Artikel. (Bild: Stefan Kaiser (Baar, 31. Oktober 2017))

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Der Satz «Ich bin offen für Neues» hat aus dem Mund von Luisa Mazzacane eine amüsante Note: Sie führt ein Brockenhaus. Allerdings nicht mehr lang. Mit dem Jahr 2017 läuft nach zehn Jahren auch ihre Zeit im Laden gegenüber der Spinnerei Baar aus.

Luisa Mazzacane sitzt mit ihrem Mann Pasquale hinter der kleinen Theke im Brockenhaus, um von dieser Zeit zu erzählen. Wer sich im Laden umschaut, setzt sich einer Reizüberflutung aus, wie sie solchen Läden eigen ist. Neben wahrscheinlich Tausenden anderen Artikeln allein in diesem einen von drei Räumen stehen ein singender Samichlaus, ein Glas mit einzelnen Knöpfen («Preis nach Absprache»), ein Windspiel in Fischform und eine Kiste mit Langspielplatten, auf der vordersten blickt einem das Gesicht der amerikanischen 60er-Jahre-Protestsängerin Joan Baez entgegen. «Es ist wie ein Kind für mich», sagt Luisa Mazzacane über ihr Sammelsurium, das sie mittwochs bis samstags mit Leben erweckt.

Eine Möglichkeit zur Integration

Sie strahlt eine leichte Wehmut aus, wenn sie an das Ende denkt. Aber vor allem eine grosse Dankbarkeit, die sie auch in Worten ausdrückt. Für die 55-Jährige hat das «Brocki» auch eine integrative Komponente. Nachdem sich ihr Mann, der ein Entsorgungs- und Räumungsunternehmen führt, und sie sich kennen gelernt hatten, zog sie vom Luzernischen nach Baar. Hier kannte sie niemanden, was sich mit dem Laden änderte. «Man kennt mich jetzt als Brockitante – und ich fühle mich mittlerweile in Baar zu Hause», erklärt sie. Pasquale Mazzacane (57) nickt zufrieden. «Es war die Idee, dass sich Luisa durch das Geschäft hier sozialisiert.» Durch die Haus- und Wohnungsräumungen gelangt er an Gegenstände, die sich im Brockenhaus veräussern lassen.

Die Mazzacanes sind folglich direkt mit den Auswüchsen der sogenannten Wegwerfgesellschaft konfrontiert. «Das hat in den letzten zehn Jahren schon zugenommen», sagt die emotionale Luisa Mazzacane. Ihr Mann – er macht den Eindruck des pragmatischen Parts in der Ehe – führt aus: «Das ist logisch, denn unsere Wirtschaft ist so aufgebaut, dass man immer wieder zum Kauf von neuen Sachen animiert wird. Man stelle sich nur mal vor, man würde ein Leben lang dasselbe Auto fahren. Das würde für die Wirtschaft nicht aufgehen.»

Auch sie würden das Sortiment immer wieder erneuern. Gegenwärtig warten neben dem singenden Samichlaus auch weitere Weihnachtsartikel auf Abnehmer. Pasquale Mazzacane bezeichnet sich als Verkäufertypen, der alles an den Mann bringt, also keinen tieferen Bezug zu einem Artikel haben muss. Seine Frau sei da anders. «Sie kann nur durch Liebe verkaufen», sagt er. Sie lächelt daraufhin wie so oft während des Gesprächs. «Das Schönste ist, wenn jemand glücklich aus der Tür geht und den Kauf wie eine Trophäe in den Händen hält.» Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr eine betagte Frau, die eine Porzellanpuppe erstanden hat: «Sie ist im Krieg aufgewachsen und hat sich als Kind vergeblich eine solche Puppe gewünscht. Es machte den Eindruck, dass sie im Alter ihre Sehnsucht stillen konnte – das hat mich sehr berührt.»

Sind Schätze darunter?

Es gebe zwei Grundtypen von Kunden eines Brockenhauses: die Respektvollen und die Gierigen. Das äussere sich mitunter im Feilschen. «Ich habe hier nebenbei ein Psychologiestudium gemacht», sagt Luisa Mazzacane schmunzelnd. Gelernt habe sie zudem vieles über die Gegenstände, die sie verkauft. «Sammler lassen einen gern an ihrem Wissen teilhaben – nach dem Kauf, versteht sich», wirft Pasquale Mazzacane ein. Ob sie auch Schätze verkauft haben, wissen die beiden nicht. Manches hätten sie zur Sicherheit schätzen lassen. Ein paar Bilder aus einer Räumung seien schliesslich nicht im Brockenhaus, sondern auf einer Auktion gelandet. Und manche Artikel hätten sie sogar mehrfach verkauft, nachdem sie nach einigen Jahren wieder zurückfanden. Gegenwärtig steht eine Ägypterinnenstatue im Schaufenster zum zweiten Mal im Angebot. Ob sie sich bis Ende Jahr nochmals verkauft, ist genauso offen, wie das «Neue», das Luisa Mazzacane erwartet.

Neben anderen Gründen hätten sie auch die beiden Fünfen in ihrem Altersjahr dazu verleitet, «loszulassen». Langweilig wird es ihr nicht, bis sie eine Herausforderung erreicht. Denn Pasquale Mazzacane wird sein Entsorgungsunternehmen weiterführen. Dabei würden auch immer wieder Gegenstände abfallen, die der Verzierung ihres Zuhauses dienten oder die auf dem Flohmarkt einen neuen Besitzer finden, sagt sie.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.