BAAR: Die riskante Strategie von Glencore

Die Turbulenzen um den Zuger Rohstoffkonzern Glencore halten an. Trotz hoher Schulden glaubt ein Rohstoffexperte nicht, dass die Firma akut gefährdet ist.

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Die Preise für Rohstoffe verharren auf tiefem Niveau. Besonders der Kohlepreis ist stark gefallen. Das Bild zeigt eine Kohlemine von Glencore in Australien. (Bild: Getty)

Die Preise für Rohstoffe verharren auf tiefem Niveau. Besonders der Kohlepreis ist stark gefallen. Das Bild zeigt eine Kohlemine von Glencore in Australien. (Bild: Getty)

Glencore kommt nicht aus den Schlagzeilen. Praktisch täglich sind in den letzten Wochen Berichte über den Rohstoffkonzern mit Sitz in Baar zu lesen. Die Aktie sackte im September massiv ab. Von der grössten Krise in der Geschichte war die Rede von einem immensen Schuldenberg, sogar über einen möglichen Verkauf der Firma wurde spekuliert. Glencore – als ­börsenkotiertes Unternehmen inzwischen einer gewissen Informationspflicht unterworfen – gibt sich gewohnt verschlossen, sah sich aber zweimal gezwungen, eine Stellungnahme zu veröffentlichen. Zum einen musste Glencore die enormen Kursgewinne seiner Aktie am 5. Oktober an der Hongkonger Börse erklären (wir berichteten). Zum anderen publizierte Glencore einen Tag später ein Faktenblatt zu seiner finan­ziellen Lage, um die Anleger zu beruhigen. Wie steht es also um den Zuger Rohstoffgiganten? Wo liegen die Probleme und die Risiken?

BONITÄTS-EINSTUFUNG

Ein grosses Fragezeichen setzen Analysten hinter die Kreditwürdigkeit: Sollten die massgebenden Ratingagenturen das Kreditrating von Glencore runterstufen, werden höhere Zinsen fällig. Nicolas Bürkler, Finanz- und Rohstoffexperte sowie Dozent an der Hochschule Luzern, sagt dazu: «Das grösste Risiko für Glencore stellen meines Erachtens zurzeit die eigenen Finanzierungskosten dar: Sobald das Kreditrating von Glencore zu stark fällt, werden die Finanzierungskosten zu hoch und der Handel droht, nicht mehr gewinnbringend zu werden. Gehen die Gewinne aus dem operativen Geschäft zurück, kommt das Kreditrating noch mehr unter Druck, und ein Teufelskreis kommt in Gang.» Für Glencore sei es daher enorm wichtig, ein «anständiges» Rating beizubehalten, so Bürkler. Umso mehr, wenn man einem Bericht der Wirtschaftszeitung «The Wall Street Journal» glauben will, demzufolge Glencore seine Handelsaktivitäten mit knapp 18 Milliarden US-Dollar an kurzfristigen Krediten finanziert.

Die Ratingagentur Standard & Poor’s erteilt Glencore aktuell ein Rating von BBB, Moody’s stuft Glencore mit Baa2 ein; beide Agenturen fügen den Zusatz «negativer Ausblick» an. Übersetzt bedeuten diese Einstufungen etwa «investmentwürdig mit mittlerer Sicherheit». Eine baldige Herabstufung ist momentan nicht absehbar. Entscheidend, so Bürkler, sei aber, dass Glencore vor allem Banken als Gläubiger und laut dem Finanzierungs-Faktenblatt uneingeschränkten Zugang zu 15,25 Milliarden US-Dollar habe. «Das war beispielsweise damals bei Petroplus nicht der Fall», erklärt der Experte. Die Petroplus Holdings AG war eine börsenkotierte, international tätige Erdölfirma, ebenfalls mit Sitz in Zug. Dem Unternehmen wurden Ende 2011 Milliardenkredite von mehreren Banken gesperrt. Petroplus ging im Frühjahr 2012 in Konkurs und verschwand von der Börse.

Schliesslich habe Glencore etwa mit seiner Hausbank Credit Suisse und dem Grossaktionär Qatar Holding, der Investmentsparte des Staatsfonds von Katar, zahlreiche grosse und starke Partner, die laut Bürkler alle ein «sehr grosses Interesse haben, dass es Glencore gut geht».

SCHULDEN

Am meisten berichtet wurde in den letzten Wochen über den Schuldenberg von Glencore. Bis zu 100 Milliarden US-Dollar soll dieser hoch sein, sagen einige Analysten, etwa jene der Bank of America. Andere wiederum schätzen die Verbindlichkeiten des Rohstoffgiganten auf knapp die Hälfte. Glencore selbst beziffert seine Schulden auf rund 30 Milliarden Dollar. Ein grosser Teil stammt aus der Übernahme des britisch-schweizerischen Bergbaukonzerns Xstrata vor zwei Jahren. Dass Glencore damit beinahe doppelt so viele Schulden hat, wie das Unternehmen aktuell an der Börse wert ist, schätzt Experte Bürkler als weniger gewichtig ein. Wichtig sei für Glencore einzig, dass die Einnahmen sprudelten und dass die Firma ihre Zinsen bezahlen könne. Dieser Punkt führe jedoch zum Kern in der «Frage Glencore»: Ist Glencore mit seinem Geschäftsmodell langfristig gut aufgestellt?

GESCHÄFTSMODELL & AUSBLICK

Das Glencore-Geschäftsmodell ist im Rohstoffbusiness einmalig: Der Konzern deckt vom Rohstoffabbau über den Transport bis hin zum Vertrieb die ganze Wertschöpfungskette ab. Die Idee dahinter: In schwierigen Zeiten – wie jetzt – soll der Rohstoffhandel das schleppende Geschäft in der Produktion abfedern. Damit diese Rechnung aber aufgeht, müssten die Glencore-Händler hohe Risiken eingehen. Jeder einzelne Händler sei deshalb angehalten, das Risiko so weit raufzufahren und möglichst viel Gewinn zu erwirtschaften, jedoch mit der Einschränkung, dass die gesamte Glencore das Rating von BBB beibehalten kann. Darauf basiere das gesamte Geschäftsmodell von Glencore, erklärt Experte Bürkler. Doch wie sicher ist dieses ergänzende Modell? Anhand der Entwicklung von Glencore-Obligationen lasse sich einiges ablesen, sagt Nicolas Bürkler: «Der Markt schätzt die Wahrscheinlichkeit eines totalen Ausfalls – sprich: einer Pleite – von Glencore in den nächsten fünf Jahren bei 45 Prozent ein. Das ist sehr hoch und zeigt auf, dass der Markt extrem skeptisch ist.» Laut Bürkler sehen die Marktteilnehmer die grössten Risiken für Glencore innerhalb der nächsten 12 Monate. Doch eins zu eins spiegelten die Kurven die Realität nicht wider, erklärt der Finanz- und Rohstoffexperte. Meistens werde das Ausfallrisiko im Vergleich zur Realität vom Markt dramatisiert, erklärt Bürkler.

Daneben habe Glencore, wie alle Rohstofffirmen, vor allem auf Wachstum gesetzt: «Die Strategie blieb stets die gleiche: Glencore hat immer auf eine steigende Rohstoffnachfrage und auf steigende Rohstoffpreise gesetzt – auf eine wachsende Weltwirtschaft also», so Bürkler. Das sei lange gut gegangen, auch weil China als grösster Rohstoffverbraucher fleissig die Nachfrage angekurbelt hat. Nun geht diese Nachfrage massiv zurück, und weil Glencore stets sehr risikoreich handelt, zeigen sich die Probleme nun umso klarer.

Zum befürchteten Kollaps von Glencore äussert sich Nicolas Bürkler gelassen: «Zusammengefasst kann man sagen: Wenn das heutige Kredit- und Finanzsystem so weiterläuft wie jetzt und die Weltwirtschaft nicht in eine gigantische Krise stürzt, überlebt auch Glencore. Wenn das System kollabiert, dann verschwindet auch Glencore.»

Livio Brandenberg