BAAR: Die Stuntmen der anderen Art

Sie klettern Wände hoch. Sie machen Salti von Mauern. Sie balancieren auf schmalen Geländern. Gefährlich sei das nur bedingt, sagen sie, die coolen Parkourer.

Wolfgang Holz
Drucken
Teilen
Die Jungs von Parkour Baar nutzen ihre Umgebung für athletische Einlagen. (Bild Stefan Kaiser)

Die Jungs von Parkour Baar nutzen ihre Umgebung für athletische Einlagen. (Bild Stefan Kaiser)

Spaziergänger mit Hund drehen den Kopf und bleiben stehen. Buben aus der Nachbarschaft kommen neugierig angeradelt. Und auch die junge Dorfschönheit von nebenan auf ihrem Waveboard spürt sofort, dass hier was Cooles läuft. Ja selbst die Musikschüler und ihre Lehrer unterbrechen kurz ihre Etüden, um sich die Nasen an den Fensterscheiben platt zu drücken.

Kein Wunder. Was die drei jungen Männer, einheitlich im grauen T-Shirt mit schwarzem Schriftzug gekleidet, da gerade an der Einfahrt der Parkgarage an der Inwilerstrasse treiben, hat so mancher sicher noch nicht gesehen. Sie rennen Wände hoch, drücken kühne Handstände in die Luft, machen waghalsig wirkende Sprünge oder rollen gekonnt geduckt wie James Bond bei einem Schusswechsel gegen die Bösen über Mauersimse ab. Auf den ersten Blick weiss man nicht, ob es sich hier um ein Aufwärmtraining eines Polizeisondereinsatzkommandos handelt oder ob eine Stadtguerilla den Aufstand probt.

Verein gegründet

Dabei dient das, womit sich Linus Potter, Gowreson Yogesworan und Marut Kiatprasert hier am Feierabend beschäftigen, zu eigentlich nichts anderem als der körperlichen Ertüchtigung. Zugegeben der etwas anderen Art. Denn was sie da schlicht als Parkour bezeichnen, sieht bei aller Gelenkigkeit der drei Akteure gefährlich aus. Doch die Jungs lächeln nur relaxed. «Es kann schon mal sein, dass man sich eine Prellung oder eine Zerrung holt», sagt Marut (23), der mit der Mütze. Man trainiere ja wöchentlich in der Turnhalle und wisse daher, was man sich zumuten könne. «Man steigert langsam die Schwierigkeiten und tastet sich vorsichtig an neue Grenzen heran.» Eigentlich haben die sympathischen drei auch ganz bürgerliche Berufe. Linus und Gowreson sind Handwerkerlehrlinge, Marut hat das KV gemacht und studiert nun Informatik. Mit rund 20 Gleichgesinnten der TSV Concordia Baar haben sie auch ganz bürgerlich einen Verein gegründet: Parkour Baar, ein Verein im Verein quasi und der erste seiner Art im Kanton Zug.

Parkour ist in den 1980er-Jahren in den französischen Agglos entstanden und bezeichnet eine Fortbewegungsart, deren Ziel es ist, nur mit den Fähigkeiten des eigenen Körpers möglichst direkt von A nach B zu gelangen. Der Parkour-Läufer bestimmt seinen eigenen Weg durch den urbanen oder natürlichen Raum – auf eine andere Weise als von Architektur und Kultur vorgegeben. Es wird so versucht, Hindernisse durch Kombination verschiedener Bewegungen so effizient wie möglich zu überwinden.

Vor allem Freestyle

Dabei nehmen es die Baarer Jungs ganz locker. Ihnen gefällt das Zwanglose, das kreative Moment. «Parkour ist kein Wettkampfsport, das Ziel ist einfach, immer wieder für jede neue Situation eine Lösung zu finden», sagt Linus (18). «Es ist auch kein Ego-Sport, sondern ein sehr kollegialer Sport, weil man sich gegenseitig inspiriert und hilft.» Der 19-jährige Gowreson kann Parkour sogar etwas Philosophisches abgewinnen. «Immer neue Ziele und Lösungen zu finden, um Grenzen zu überwinden, kann einem auch im Leben helfen.» Aber warum turnen sie nicht einfach ganz normal wie andere auch? «Das wäre mir zu wenig cool. Ausserdem kann man es draussen machen und den öffentlichen Raum nutzen», sagt Linus. Ein gewisser Narzissmus ist dabei sicher auch im Spiel. Denn wenn man wie Marut gerade bei einem Straight über eine Hecke mit anschliessender Hechtrolle auch noch cool auf dem Foto lächelt, macht das natürlich Laune. Und man kann das Ganze schliesslich auch noch auf Youtube stellen.

Noch keine Probleme bekommen

Mit der Zuger Polizei oder mit Anwohnern hätten sie bis jetzt noch keine Schwierigkeiten gehabt. «Wir gehen jeweils an verschiedene Orte, um zu trainieren, und noch hat sich niemand beschwert», sagen die drei unisono. Wäre es dann nicht die ultimative Herausforderung, über die Dächer von Baar zu balancieren? Die drei grinsen. «Dann würden wir wohl wirklich Probleme mit der Polizei bekommen.» Sie versuchen vielmehr, ein anderes Hindernis zu überwinden. «Wir suchen nämlich in Zug eine spezielle Halle, die wir für unseren Freestyle-Sport richtig nutzen können.»

Wolfgang Holz

Linus Potter zeigt einen Wall-Flip. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Linus Potter zeigt einen Wall-Flip. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Marut Kiatprasert macht einen Straight über die Hecke (Bild Stefan Kaiser)

Marut Kiatprasert macht einen Straight über die Hecke (Bild Stefan Kaiser)

Gowresan Yogeswaran im Höhenflug. (Bild Stefan Kaiser)

Gowresan Yogeswaran im Höhenflug. (Bild Stefan Kaiser)