BAAR: Ein Kindergarten entwaffnet Cowboys und Indianer

Spielzeugpistolen sind bei Montessori nicht erlaubt. Solche Vorschriften finden nicht alle sinnvoll.

Rahel Hug
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Einige Cowboys müssen an der Fasnacht ohne ihre Chäpslipistole auskommen. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Einige Cowboys müssen an der Fasnacht ohne ihre Chäpslipistole auskommen. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Es ist wieder Fasnachtszeit. Auch in den Schulen und Kindergärten wird es in den nächsten zwei Wochen bunt zu- und hergehen: Einmal im Jahr dürfen sich die Kinder auch zur Unterrichtszeit verkleiden und in eine andere Rolle schlüpfen. Der Cowboy kann dann seine Chäpslipistole zücken, der Pirat seinen Säbel und der Ritter sein Schwert schwingen. Doch das ist nicht überall erwünscht: Wie vorgestern in der «Sonntagszeitung» zu lesen war, haben Eltern von einem Zürcher Kindergarten ein Informationsschreiben mit einem «Dresscode» für die Kinderfasnacht erhalten. Darin sind erlaubte Kostüme wie beispielsweise ein Zauberer oder eine Prinzessin aufgeführt. Zudem heisst es, dass sämtliche Spielzeugwaffen verboten sind. Ähnliche Vorschriften kennt man auch in der Kita Luftibus in Winterthur oder im Kinderhaus Sunnehöfli in Kreuzlingen.

«Teil der Pädagogik»

Eine Regelung bezüglich Spielzeugwaffen herrscht auch im Montessori-Kindergarten in der Obermühle in Baar, wie Leiterin Barbara Weiss bestätigt. «Wir sind grundsätzlich gegen eine Verherrlichung von Gewaltdarstellung. Das ist Teil der Montessori-Pädagogik.»

Kommt ein Kind in einem entsprechenden Kostüm, beispielsweise als Räuber, mit einem Säbel, einem Schwert oder einer Chäpslipistole an die Kindergartenfasnacht, wird die Kleidung gewechselt. «Wir stellen dann den Kindern ein alternatives Kostüm zur Verfügung», sagt Barbara Weiss. Solche Fälle seien aber erst selten vorgekommen: «Wir erklären das im Voraus den Eltern und den Kindern.»

Denn im Montessori-Kindergarten will man bereits vorbeugen, bevor es überhaupt zu einem derartigen Fall kommt. «Wir überlegen gemeinsam mit den Kindern mögliche Verkleidungen», so die Leiterin, «das können Lieblingsberufe oder Lieblingstiere sein.» So kämen die Kinder gar nicht erst auf die Idee, sich als eine Figur zu verkleiden, die mit Gewalt in Zusammenhang gebracht werde. Die Eltern werden laut Weiss jeweils im Newsletter oder am Schwarzen Brett über die Grundsätze informiert. «Bis heute hatten wir keine Probleme damit», sagt die Kindergartenleiterin.

Sie sei gegen übertriebene Regeln, betont Barbara Weiss: «Die Kinder sollen kreativ sein und selber wählen können, was sie an der Fasnacht anziehen wollen.» Spielzeugwaffen im Kindergarten seien aber fehl am Platz.

Andere Regeln an der Fasnacht

Eine etwas andere Meinung hat eine Kindergärtnerin am Schulhaus Hänggeli in Zug. «Ein Pfeil gehört zum Indianer wie das Krönchen zur Prinzessin», findet Barbara Kurth-Weimer. Sie ist zudem Präsidentin des kantonalen Lehrerinnen- und Lehrervereins. Aus diesem Grund sei sie gegen ein generelles Verbot von Spielzeugwaffen. In ihrem Kindergarten gilt die Regel, dass unter dem Jahr keine Spielzeugwaffen ins Schulzimmer gelangen dürfen. «An der Fasnacht ist das etwas anderes», so Kurth. Mit Chäpslipistolen zu spielen sei jedoch nur draussen erlaubt. Eine Empfehlung zu diesem Thema gibt der Zuger Lehrerverein aber nicht ab: «Das ist Sache der Schulhäuser und der Lehrpersonen», sagt sie.

Spielerisch kämpfen

Von Verboten wie dem im Zürcher Kindergarten oder Vorschriften wie in Baar hört René Weber zum ersten Mal. Er ist Präsident der Organisation Schule und Elternhaus Schweiz und präsidiert auch die Zuger Sektion. «Bisher ist mir nicht zu Ohren gekommen, dass dies ein Problem sein soll», sagt er. Er stehe solchen Regelungen kritisch gegenüber, denn: «Kinder spielen seit Generationen mit Spielzeugwaffen. Solange sie spielerisch kämpfen, sehe ich kein Problem dabei.» Im Fernsehen seien täglich Szenen mit Mord und Totschlag zu sehen, und Computerspiele, die Gewalt verherrlichen, gebe es zuhauf, sagt René Weber. «Wie sollen Kinder da begreifen, warum ausgerechnet das Spielen mit Spielzeugwaffen verboten sein soll?»

Sinn und Unsinn von Gewalt

Der Unterägerer spricht auch die kontraproduktive Wirkung von Verboten an: «Kinder verstehen nicht, weshalb sie nicht einfach mit einer Chäpslipistole ein bisschen knallen dürfen.» Deshalb würden sie dann eher versuchen, ein solches Verbot zu umgehen. Weber nimmt dabei Eltern und Lehrer in die Verantwortung: «Man sollte den Kindern erklären, dass sie Spielzeugwaffen mit einer gewissen Vorsicht benutzen sollten.» Diese Gelegenheit könne man auch nutzen, um über Sinn respektive Unsinn von Gewalt zu sprechen.

Chams Schulpräsident Beat Schilter hat bis anhin keinen Grund für ein Verbot von Spielzeugwaffen in der Gemeinde gesehen. «Bislang gab es noch nie Probleme mit den Verkleidungen der Kinder an den Umzügen», sagt Schilter. Und fügt an: «In der Regel gestalten die Eltern die Kostüme auch mit, sodass die Kinder wissen, dass es sich lediglich um eine Verkleidung mit Accessoires handelt.»