BAAR: «Es gibt keinen Grund, sich zu schämen»

Der Caritas-Markt gibt Lebensmittel vergünstigt an Menschen mit niederem Einkommen ab. Für solche bedeutet diese Möglichkeit eine grosse Erleichterung.

Andrea Muff
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Nadja Z.* wählt die Produkte mit Bedacht aus. Bild: Stefan Kaiser (Baar, 9. Dezember 2016)

Nadja Z.* wählt die Produkte mit Bedacht aus. Bild: Stefan Kaiser (Baar, 9. Dezember 2016)

Die Armut im Kanton Zug ist nicht offensichtlich und keineswegs an jeder Strassenecke zu beobachten, doch es gibt sie. Eher unsichtbar und versteckt hält sie sich im Hintergrund. Für Menschen mit niedrigem Einkommen gibt es Institutionen wie die Caritas. Vor fünf Jahren öffnete der Caritas-Markt in Baar in der Nähe des Bahnhofs. Es ist der einzige im Kanton Zug. In der Zentralschweiz gibt es jeweils einen in Luzern und in Sursee.

Heute nutzten über 1300 Personen das Angebot des Baarer Marktes, teilt die Institution mit. Zu den Kunden gehört auch Nadja Z.*: «Für mich war es vor allem eine Erleichterung, dass die Caritas einen Laden in Baar eröffnet hat.» Die 37-Jährige ist geschieden und hat fünf Kinder. Bereits vorher, als sie noch verheiratet war und in einem anderen Kanton lebte, reichte das Einkommen der beiden Eheleute nicht für die ganze Familie. «Wir gingen damals schon in den Caritas-Markt und hatten eine Karte dafür.»

Jedes Familienmitglied hat eine Einkaufskarte

Wie Nadja Z. erzählt, ist es nur möglich, verbilligt bei der Institution einzukaufen, wenn man eine solche Einkaufskarte besitzt. Diese könne man beantragen – anhand der Steuerrechnung werde geprüft, ob man eine bekomme. Diese Karte bescheinigt, dass man Sozialhilfe oder Ergänzungsleistungen bezieht oder mit einem Lohn am oder unter dem Existenzminimum lebt. «Jedes Familienmitglied hat eine eigene Karte mit Passfoto und muss diese bei einem Einkauf vorweisen.» Das heisst, auch die fünf Kinder der 37-jährigen Baarerin haben eine solche Karte. «Für meine Töchter war es nicht immer einfach. Sie fragten mich nach dem Grund, warum wir hier einkaufen und andere nicht.» Die eine Tochter wollte partout keine Freunde mitnehmen. «Sie sagte, dass sie stets allein in den Laden gehe», erzählt Nadja Z. und muss bei der Erinnerung schmunzeln. Sie ist eine sympathische Frau, die gerne lacht und ihre Lebensfreude zeigt, auch wenn ihr eigenes Leben nicht immer ganz einfach ist. Für Nadja Z. ist es kein Problem, über ihre Armut zu sprechen. Sie ist sehr aufgeschlossen und offen dem Thema gegenüber: «Es gibt keinen Grund, sich dafür zu schämen.»

Im Verlauf der fünf Jahre, seitdem der Caritas-Markt in Baar seine Pforten öffnete – und die Produkte ungefähr um die Hälfte billiger sind als im regulären Supermarkt –, hat die Kundin der ersten Stunde eine Veränderung bemerkt: «Es gibt mehr Leute, die hier einkaufen als noch vor fünf Jahren.» Durchschnittlich sind das laut Caritas 82 Personen täglich. Aber es gebe immer noch zu viele, die sich nicht getrauen würden, das Angebot zu nutzen, weiss die 37-Jährige. Das Sortiment im Baarer Markt wurde während der fünf Jahre ebenfalls ausgebaut: «Heute gibt es neben Lebensmitteln auch Kleider, Schulsachen, Bücher und manchmal sogar Schuhe.» Und sogar Weihnachtskarten seien momentan in der Auslage. Nadja Z. sagt zu ihren Gewohnheiten: «Ich kaufe meistens Lebensmittel, etwa Öl, Mehl und Gemüse.» Gewisse Waren seien aber nicht in Hülle und Fülle zu haben: «Beispielsweise Milch oder Mayonnaise sind nur beschränkt erhältlich, damit es für alle reicht, die hier einkaufen.»

Das Team, das im Laden arbeitet, kennt Nadja Z. gut und schätzt alle sehr. Neben den ungefähr 30 Freiwilligen unterstützen verschiedene Kirchgemeinden sowie regionale Lieferanten den Caritas-Markt in Baar. Die erste und gleichzeitig auch die schönste Erinnerung von Nadja Z. an den Markt ist die Eröffnungs­feier. Es habe ein Glücksrad gegeben, an dem die Kunden drehen konnten, um etwas zu gewinnen. «Meine jüngste Tochter hatte damals einen Korb mit Esswaren gewonnen», erzählt sie. «Sie war so stolz und hat es der ganzen Familie erzählt.»

Inzwischen hat Nadja Z. zwei Jobs und ist dank den beiden Stellen seit einem Jahr nicht mehr vom Sozialamt abhängig. «Es freut mich sehr, auf eigenen Beinen zu stehen.» Auch ihre Töchter seien auf einem guten Weg: «Es ist nicht einfach, aber ich habe es geschafft.»

* Name von der Redaktion geändert

Andrea Muffandrea.muff@zugerzeitung.ch