BAAR: Handwerker kritisieren Vergabepolitik

Berücksichtigt der Kirchenrat der Katholiken jeweils Betriebe aus dem familiären Umfeld? Nicht nur bei der Kirche St. Thomas steht dieser Vorwurf im Raum.

Rahel Hug
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Soll im März eingeweiht werden: die sanierte Kirche St. Thomas in Inwil. (Bild Stefan Kaiser)

Soll im März eingeweiht werden: die sanierte Kirche St. Thomas in Inwil. (Bild Stefan Kaiser)

Rahel Hug

Die Arbeiten am neuen St.-Thomas-Zentrum in Inwil sind in der Endphase. Am 20. März soll die sanierte Kirche im Baarer Ortsteil anlässlich des Palmsonntags eingeweiht werden. Endlich, ist man versucht zu sagen, denn bei der Planung und der Realisierung war es zu zahlreichen Verzögerungen gekommen. Das ursprüngliche Neubauprojekt wurde an der Urne bachab geschickt. Der Kirchenrat musste nochmals über die Bücher. Beim abgespeckten Projekt, das eine Sanierung und einen Anbau beinhaltet, kam es zu Verzögerungen beim Baustart. Im vergangenen November schliesslich teilte die Kirchgemeinde mit, dass die Arbeiten aus verschiedenen Gründen länger gedauert hätten, als sie ursprünglich geplant waren.

Protokoll nachträglich erstellt?

Nun, da dieser steinige Weg fast beendet ist, kommt eine neue Unstimmigkeit ans Licht. Dabei geht es um die Vergabe von Aufträgen für das neue Kirchenzentrum. Ein Handwerksbetrieb, dessen Inhaber seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, wirft der Bauherrschaft vor, bei der Vergabe nicht korrekt vorgegangen zu sein. Er, nennen wir ihn Handwerker A, habe für einen Auftrag für allgemeine Arbeiten als Einziger rechtzeitig eine Offerte eingereicht – das sei ihm nach der Offertöffnung telefonisch mitgeteilt worden. Den Auftrag über rund 70 000 Franken habe jedoch schlussendlich ein anderer Betrieb erhalten – jener des Sohns des Kirchenratspräsidenten Martin Hotz. Handwerker A vermutet, dass dessen Offerte zu spät einging. Nachträglich sei ein zweites Protokoll erstellt worden, in dem das Angebot des besagten Unternehmers als fristgerecht eingereicht aufgenommen worden sei. Ausserdem bemängelt der Unternehmer, dass Kirchenratspräsident Hotz in dieser Sache nicht in den Ausstand getreten sei. «Er hat das Absageschreiben unterzeichnet, war also beteiligt», sagt der unterlegene Handwerker.

Nach einer Aussprache der beiden Parteien räumte die Kirchgemeinde Fehler ein, wie aus einem Schreiben an Handwerker A hervorgeht. «Wir haben in der Folge Ihre zum Teil gerechtfertigte Kritik geprüft und unsere Praxis in verschiedenen Punkten geändert», heisst es. Namentlich betreffe dies die Terminierung der Offerteingabeunterlagen und die Unterschriftenregelung im Kirchenrat. «Auch bei der Durchführung der Offertöffnung haben wir im Rahmen dieser Diskussion Optimierungsmöglichkeiten erkannt», schreiben die Verantwortlichen weiter.

«Moralisch verwerflich»

«Es ist nicht das erste Mal, dass die Kirchgemeinde Baar ihr nahestehende Betriebe begünstigt», sagt der betroffene Handwerker und spricht dabei die Sanierung des Gasthauses Adler in Allenwinden in den Jahren 2009 und 2010 sowie den Umbau des Hauses an der Landhausstrasse 15 vor drei Jahren an. Auch wenn das Vorgehen des Kirchenrats in den meisten Fällen wohl nicht illegal sei, so sei die Vergabepolitik doch «moralisch verwerflich», gibt er zu Bedenken.

Rechtlich gegen die Bauherrschaft vorzugehen, kommt für Handwerker A allerdings nicht in Frage. «Die Kirchgemeinde kann sich wohl auf das Submissionsrecht stützen.» Die Interkantonale Vereinbarung über das öffentliche Beschaffungswesen sieht vor, dass im Baunebengewerbe Aufträge unter 150 000 Franken freihändig vergeben werden dürfen. Es sei jedoch üblich, bestätigt ein Mitarbeiter der kantonalen Baudirektion, auch bei tieferen Beträgen ein Einladungsverfahren durchzuführen. In der Regel würden freiwillig mehrere Offerten eingeholt.

Die Vergabepolitik des Kirchenrats Baar gibt in der Branche zu reden. Das bestätigen zwei weitere angefragte Handwerksbetriebe. «Man hört, dass es bei mehreren Projekten Unstimmigkeiten gegeben hat», sagt ein Unternehmer, hier Handwerker B genannt, dem der Fall der Kirche St. Thomas ebenfalls bekannt ist. «Das ist schon heikel. Man sollte alle Bietenden gleich behandeln.»

Architekt kennt die Vorwürfe

Ein weiterer Unternehmer, Handwerker C, der damals bei der «Adler»-Sanierung involviert war, ergänzt: «Das ist für mich überhaupt nichts Neues. Bei der Sanierung des Gasthauses waren wir für einen Auftrag zunächst an günstigster Stelle. Schliesslich hat dann das Unternehmen vom Sohn des Präsidenten den Zuschlag erhalten.» Die Vergabepraxis der Kirchgemeinde werde immer wieder kritisiert. Auch Handwerker C hat dabei «moralische Bedenken»: «Kirchenräte sind öffentliche Ämter. Wenn man da seine eigene Familie begünstigt, ist das schon problematisch.» Neben dem Unternehmen des Sohns von Martin Hotz werde jeweils auch die Firma des Bauchefs der Kirchgemeinde Erwin Bortis bevorzugt, ist aus der Branche zu hören.

Ebenfalls Kenntnis von den Vorwürfen hat ein renommierter Zuger Architekt, der bereits mit der Kirchgemeinde Baar zusammengearbeitet hat. «Zug ist klein. Über dieses Thema redet man in der Branche schon seit längerem», schildert er. Er kenne den konkreten Fall «St. Thomas» jedoch nicht und könne sich deshalb nur allgemein äussern. «Wenn öffentliche Bauherren das Submissionsgesetz wissentlich oder unwissentlich unsorgfältig handhaben, bedauere ich das sehr», gibt er zu bedenken. So stehe gerade eine Kirchgemeinde als öffentliche Institution in der Pflicht, mehrere verschiedene Unternehmer zu berücksichtigen. «Das ist aus meiner Sicht wichtig – auch um den attraktiven Werkplatz in der Region zu erhalten.»

Wie steht die katholische Kirchgemeinde Baar zu den Vorwürfen? «Bei der freihändigen Vergabe arbeitet der Kirchenrat regelmässig mit verschiedenen Unternehmern zusammen», nimmt Andreas Weber, Vizepräsident und Finanzchef des Kirchenrats, Stellung. Beim Unterhalt bestimmter Liegenschaften würden regelmässig dieselben Unternehmer aufgeboten, da diese Gebäude und Anlagen von früheren Aufträgen her bereits kennen würden. Es sei richtig, so Weber, dass man die beiden genannten Unternehmen bei verschiedenen Einladungsverfahren berücksichtigt habe. «Bei dieser Art von Verfahren entscheidet am Ende jedoch der tiefste Preis», erklärt der Kirchenrat.

Das Gremium habe in seiner Vergabepraxis die gesetzlichen Bestimmungen stets eingehalten – auch bei den Bauprojekten Adler und Landhausstrasse. «Dies kann von aussen natürlich unterschiedlich betrachtet werden», räumt Andreas Weber ein. «Der Kirchenrat ist sich bewusst, dass es sich um ein sensibles Thema handelt, und er wird versuchen, dies künftig noch besser zu berücksichtigen.» Man habe die Kritik registriert und Massnahmen zur Verbesserung umgesetzt. Die nach der Aussprache mit dem betroffenen Handwerker gemachten Überlegungen würden auch in die künftige Vergabepraxis einfliessen.