BAAR: Kranker Tochter drohen Jahre hinter Gittern

Eine 19-jährige, psychisch stark angeschlagene Frau verletzt ihre Mutter mit einem Küchenmesser. Nun droht der Täterin eine Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren. Die Eltern sind verzweifelt.

Thomas Heer
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Hier ist die Tochter derzeit im vorzeitigen Strafvollzug: Frauengefängnis Hindelbank. (Bild: Keystone/Marcel Bieri (Hindelbank, 17. Februar 2012))

Hier ist die Tochter derzeit im vorzeitigen Strafvollzug: Frauengefängnis Hindelbank. (Bild: Keystone/Marcel Bieri (Hindelbank, 17. Februar 2012))

Thomas Heer

thomas.heer@luzernerzeitung.ch

Die kurze Video-Sequenz, die mit einer Handykamera aufgezeichnet wurde, zeigt Erschütterndes. Ein Teenager sitzt in seinem Zimmer, weint, schreit und will im Zustand höchster Verzweiflung sich ein Leid antun und droht, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. In den Händen hält die psychisch Kranke ein Küchenmesser. Die Klinge ragt bedrohliche 17 Zentimeter aus dem Schaft. Aufgenommen wurden diese Begebenheiten vom Bruder der potenziellen Selbstmörderin und späteren Täterin.

Dieses Drama trug sich vor gut einem Jahr, am 22. Februar um zirka 19 Uhr in einer Baarer Mietwohnung zu. An diesem Ort empfängt die Mutter diese Woche den Reporter und erzählt, was an jenem Tag noch weiter vorfiel: «Meine Tochter kam stark alkoholisiert nach Hause.» Bei einer später durchgeführten Messung wurde im Blut des Teenagers ein Alkoholgehalt von mehr als 2 Promille gemessen. Nach ihrer Heimkehr begab sich die junge Frau als erstes in die Küche, öffnete eine Schublade und holte ein Messer hervor. Sie gab vor, sich Essen zubereiten zu wollen.

Frühzeitig nach Hindelbank verlegt

Dazu kam es nicht. Denn die Mutter erklärte sich bereit, ihrem Kind etwas gegen den Hunger aufzutischen. Die junge Frau verzog sich darauf in ihr Zimmer. Irgendwann – niemand hatte das registriert – kehrte die 19-Jährige aber in die Küche zurück und behändigte sich des Messers. Wenig später ereigneten sich jene, eingangs beschriebenen, Szenen. Die Mutter erinnert sich: «Es war unmöglich, ihr das Messer wegzunehmen.»

Auch der Vater war an jenem Abend zu Hause. Er musizierte in einem Nebenraum. Als dieser realisierte, dass die Sache aus dem Ruder lief, alarmierte er die Polizei. Die Sicherheitskräfte waren rasch vor Ort und verlangten mittels Klingeln Eintritt in die Wohnung. Das war der Moment, als die Mutter beschloss, sich zurückzuziehen. Den Anblick von der Verhaftung ihrer Tochter wollte sie sich ersparen. Die heute 53-Jährige drehte sich sodann von ihrem Kind ab. In diesem Moment erhob die junge Frau jedoch das Küchenmesser, stach mehrfach zu und fügte ihrer Mutter insgesamt drei Stichverletzungen im Schulterbereich zu.

In einem Arztzeugnis zuhanden des Gerichtes wird von einem Facharzt für Innere Medizin festgehalten: «Ich bestätige hiermit, dass die (...) zugefügten Stich­verletzungen vom 22. 2. 2016 nicht lebensgefährlich waren.» Im Bericht wird aber auch fest­gehalten, dass die Stiche bei anderer Klingenführung lebens­gefährliche Formen hätten annehmen können.

Nach der Tat wurde die damals 19-Jährige verhaftet und verbrachte anschliessend 92 Tage in Untersuchungshaft. Mittlerweile hat sie den vorzeitigen Strafvollzug angetreten und befindet sich, psychiatrisch betreut, im Frauengefängnis Hindelbank.

Damit können Mutter wie offenbar auch die Tochter leben. Die Mutter sagt: «Mein Kind hält sich dort getrennt von den anderen Gefangenen auf und hat kaum Kontakt zu denen.»

Hoffen, das Schlimmste trifft nicht ein

Was die ganze Familie aber sehr beunruhigt, ist folgende Tatsache: Die Staatsanwaltschaft Zug hat für die Tochter eine Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren beantragt. Im Raum steht unter anderem der Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung. Die Familie der in Hindelbank Einsitzenden befürchtet nun, dass ihre Tochter respektive Schwester für Jahre weggesperrt wird. Ihrer Meinung nach habe die Täterin an jenem Februarabend überrea­giert und dabei gefährlich gehandelt. Aber nie und nimmer sei es der jungen Frau darum gegangen, ihre Mutter umzubringen.

Die vom Schicksal gebeutelte Familie hofft nun, dass das Gericht bei der Urteilsfindung mildernden Umständen Rechnung trägt und von der Maximalforderung der Staatsanwaltschaft abrückt. Für die junge Täterin wird es in Zukunft auch darum gehen, in der beruflichen Entwicklung Fortschritte zu erzielen. Vor Jahren hat sie in einer Sonderschule im Kanton Luzern eine Ausbildung zur Printmedienpraktikerin Fachrichtung Werbetechnik aufgenommen. Die Dringlichkeit weiterer beruflicher Entwicklungsschritte wird auch in einem psychiatrischen Gutachten deutlich hervorgehoben. Im Bericht, erstellt im Mai 2016, ist festgehalten, dass eine berufliche Integration dazu beitragen dürfte, dass die junge Frau künftig weniger Gefahr läuft, zur Wiederholungstäterin zu werden.