BAAR: Mario Greco: «Wir bekennen uns zum Schweizer Markt»

Der CEO der Zurich Versicherungen, Mario Greco, war im Kanton zu Gast. Er steuert den Konzern durch einen Veränderungsprozess. Der Manager erklärt, wie sich der Versicherungsmarkt verändern dürfte.

Daniel Zulauf/Harry Ziegler
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Zurich-CEO Mario Greco (rechts) und der Zuger Generalagent Karl-Johannes Ehrat vor der Agentur.Bild: Stefan Kaiser (Baar, 5. Dezember 2016)

Zurich-CEO Mario Greco (rechts) und der Zuger Generalagent Karl-Johannes Ehrat vor der Agentur.Bild: Stefan Kaiser (Baar, 5. Dezember 2016)

Mario Greco (58) ist seit Mai CEO des weltweit operierenden Versicherungskonzerns Zurich. Greco hat kürzlich die Generalagentur Zug besucht (siehe Box). Unsere Zeitung hatte Gelegenheit, dem Manager Fragen zu stellen.

Mario Greco, die Zurich Versicherung hat eine neue Strategie. Sie wurde von einem 40-köpfigen Team eigener Leute erarbeitet. Warum haben Sie keine externen Berater einbezogen?

Wir wollten, dass diese Strategie wirklich unsere eigene ist. Etwas, an das wir glauben und bereit sind, in den kommenden Jahren dafür zu arbeiten. Dieses interne Engagement wäre kaum möglich, wenn wir eine Beraterfirma unsere Strategie hätten schreiben lassen. Überdies glaube ich, dass unsere Mitarbeitenden – mehr als alle anderen – die nötigen Fähigkeiten und Kenntnisse haben, um über unsere Zukunft nachzudenken.

Sie waren einst selber Berater und sind auf diesem Weg in die Versicherungswirtschaft gekommen. Was ist der Unterschied zwischen einem Mandatsverhältnis und einer festen Anstellung?

Als Berater arbeitet man, um Lösungen für die Klienten zu finden. Als Angestellter oder Manager hat man die Entscheidungsverantwortung und die Verantwortung, dass die Aufgaben erledigt werden. Das ist für den Unternehmenserfolg ausschlaggebend.

Sie sagten kürzlich, die Zurich schaffe kaum mehr neue Arbeitsplätze (Interview «NZZ am Sonntag» vom 20. November). Aber bauen Sie denn Arbeitsplätze ab?

Die gesamte Versicherungsindustrie befindet sich in einem umfassenden Transformationsprozess, angetrieben durch die Kunden. Wir müssen alle digitaler und effizienter werden. Dieser Prozess wird natürlich dahin führen, dass weniger Personen in der Branche arbeiten. Zurich bildet da keine Ausnahme.

Ihr Präsident Tom de Swaan hatte im Februar noch verkündet, die nötige Transformation der Zurich werde weltweit 8000 Mitarbeiter betreffen. Die Ankündigung hat viele Mitarbeiter verunsichert und war auch nicht motivierend. Haben Sie eine motivierendere Botschaft dabei?

Unsere Strategie besteht nicht darin, Jobs zu streichen. Wir wollen ein Topplayer in der Branche sein, indem wir mit unseren Kunden zusammenarbeiten, wie sie es von der Zurich erwarten. Das ist ein ehrgeiziges, aber auch aufregendes Ziel, für das wir alle zusammenarbeiten. Und darauf sind meine Kollegen und ich sehr stolz.

Das Prämienvolumen der Zurich ist weltweit in den vergangenen zehn Jahren nur um insgesamt rund 2 Prozent gestiegen. Hat die Zurich geschlafen?

Das Prämienvolumen in der Versicherungsindustrie ist abhängig von der Entwicklung des Bruttoinlandprodukts. Die Hauptmärkte, in denen wir arbeiten, wurden in den letzten zehn Jahren von der Rezession getroffen. Deshalb fokussieren wir auf die Kundenbindung – mit ermutigenden Resultaten: In der Schweiz beispielsweise haben wir unseren Marktanteil in den letzten beiden Jahren gesteigert.

Die Zurich hat in den vergangenen Jahren in vielen Märkten Kunden und teilweise auch Marktanteile verloren. Warum setzen Sie dem Unternehmen mit Ihrer neuen Strategie nicht ehrgeizigere Ziele beim Prämienwachstum?

Man kann Wachstum nicht als Ziel setzen, wenn kein Wachstum vorhanden ist. Wir müssen realistisch bleiben. Natürlich wollen wir wachsen und unseren Marktanteil steigern, wenn die Möglichkeit besteht. Um unsere Ziele zu erreichen, werden wir jährlich 800 Millionen US-Dollar in neue Technologien und kundenorientierte Innovationen investieren.

In der Schweiz hat die Zurich erst in den vergangenen zwei Jahren wieder etwas Boden gutgemacht und angefangen, die in den vergangenen zehn Jahren verlorenen Marktanteile wieder aufzuholen. Welche Ziele haben Sie für den Schweizer Markt?

Wir bekennen uns zum Schweizer Markt, und wir wollen den positiven Wachstumstrend fortsetzen, unseren Kundenfokus weiter schärfen sowie unsere Stellung im Markt stärken.

Grosse Internetfirmen verfügen inzwischen über immense Datensammlungen zu Privatpersonen. Ist es verwegen anzunehmen, dass Google schon mehr über die Kunden von Zurich weiss als die Zurich selber?

Das Vorhandensein von Daten ist massiv und steigend. Für jeden Versicherer ist das Wissen, wie mit solchen Daten umgegangen werden muss, um die Kunden noch besser bedienen und um Risiken abschätzen zu können, ein Schlüssel zum Erfolg. Wir verarbeiten und analysieren bereits Daten mit modernsten Instrumenten und werden dies auch in Zukunft tun. Dafür arbeiten wir mit Partnern zusammen, die sowohl über das nötige Wissen aus der Versicherungsbranche als auch in der Datenanalyse verfügen. Also, wenn Google bereits mehr über unsere Kunden wüsste als Zurich, würden wir das eher als Möglichkeit denn als Bedrohung betrachten.

Warum hat Google noch nicht angefangen, konkret Versicherungen gegen eine Gebühr zu vermitteln? Apple verlangt 30 Prozent vom Umsatz für Musik und viele andere Inhalte, die sie über ihre Apple-Stores verkaufen.

Google hat dieses Geschäftsmodell bereits in England ausprobiert, aber nach einem Jahr wieder aufgegeben. Das heisst, wir müssen künftig unsere Kunden über den Kanal bedienen, über den sie eine Versicherung abschliessen wollen. Wenn sie eine Versicherung über Google abschliessen möchten, werden wir sie durch diesen Kanal bedienen.

Wie könnte sich die Rolle der Versicherer in der Zukunft verändern?

Die Branche befindet sich, wie bereits gesagt, in einem starken Transformationsprozess. Die Kunden möchten mit ihrer Versicherung in derselben Weise interagieren, wie sie es mit Unternehmen wie Amazon oder Ebay tun. Die Versicherungen haben also für die Kunden da zu sein. Die Technologie ändert die Art der Risiken, die wir versichern. Zum Beispiel bei der Motorfahrzeugversicherung: Sicherheitssysteme senken die Zahl und Schwere der Fälle. Das ist sicher gut für die Gesellschaft. Für Versicherer aber bedeutet das, dass der Markt für Motorfahrzeugversicherungen in Zukunft deutlich kleiner sein wird. Eine Herausforderung sind auch selbstfahrende Autos. Wir könnten in Zukunft allenfalls die Hersteller statt den einzelnen Fahrer versichern. Neue Risiken verlangen nach neuen Versicherungslösungen. Ich denke da beispielsweise an Cyberrisiken, einem Bereich, in dem Zurich führend in der Branche ist. Das ist zweifellos ein aufregender Moment für die Branche.

Was würde das für die Arbeitsplätze bedeuten?

Veränderungen eröffnen einerseits Möglichkeiten, andererseits verändern sie andere Teile des Geschäfts. Das bedeutet, dass sich auch die Jobs verändern. Das wird zu einem Rennen um die besten Talente führen. Es wird aber auch neue, interessante Jobs geben, obwohl die Branche effizienter werden muss. Das wird in der Gesamtbetrachtung kaum mehr Arbeitsplätze schaffen.

Wo würden Sie Ihre Karriere beginnen, wenn Sie 30 Jahre jünger wären?

Kein Zweifel, in der Versicherungsbranche.

Hinweis

Mario Greco (58) ist seit dem 1. Mai 2016 CEO der Zurich Versicherungen. Davor war der italienische Manager unter anderem für das Beratungsunternehmen McKinsey und die Versicherer RAS und Generali tätig.

Interview: Daniel Zulauf/Harry Ziegler