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BAAR: Sie wurde am helllichten Tag zusammengeschlagen: «Irgendwie tut er mir ja auch leid»

Am helllichten Tag wurde Anika Gasser diesen August vor der Postfiliale von einem Mann auf den Boden geworfen und mit Schlägen und Tritten malträtiert. Der Fall sorgte national für Schlagzeilen. Heute geht es ihr wieder besser. Sie redete viel, um zu verarbeiten.
Christopher Gilb
Leidet noch unter der Tat: Anika Gasser. (Bild: Stefan Kaiser (Baar, 23. November 2017))

Leidet noch unter der Tat: Anika Gasser. (Bild: Stefan Kaiser (Baar, 23. November 2017))

Christopher Gilb

christopher.gilb@zugerzeitung.ch

Es fällt einem schwer, zu glauben, dass die schlanke, scheu lächelnde Frau, die die Wohnungstür in Baar öffnet, wirklich Anika Gasser ist. Zum letzten Mal, als der Reporter die damals 25-Jährige traf, war sie gerade aus dem Spital entlassen worden. Ihr Gesicht war dick geschwollen. Sie hatte diverse Blutergüsse. Ihre Augen konnte sie während des Gesprächs aus Erschöpfung, aber auch wegen der Schmerzen nur halb offen halten.

Zwei Tage zuvor am Nachmittag des 16. August 2017 war sie vor der Postfiliale in Baar von einem 34-Jährigen angegriffen worden. Der Mann, der von Zeugen als schwarz gekleidet mit Glatze beschrieben wurde, warf sie zu Boden und trat unaufhörlich auf sie ein, vor allem auf ihren Kopf, dazu hätte er sie laut angeschrien, sie habe sein Leben zerstört. Doch zuerst hatte er ihre 14-jährige Stieftochter angegriffen. Gasser war dazwischen gegangen. Dann verlor sie gemäss eigenen Angaben das Bewusstsein. Auch ihr damals zehn Monate altes Baby und ihr zweijähriges Kind hatte sie dabei. Beide konnten durch Postangestellte in Sicherheit gebracht werden. Nur durch das beherzte Eingreifen mehrerer Passanten wurde dann Schlimmeres verhindert. Diese hielten den 34-Jährigen fest, bis die Polizei eintraf. Er ist geständig. Bis zu einer Verurteilung gilt aber die Unschuldsvermutung.

Das Gleichgewicht bereitet ihr Probleme

Der Vorfall ging damals durch die Medien. Ein solches Ausmass an roher Gewalt entsetzte. Gasser kannte den Täter. Schon seit vier Jahren stalkte er sie, ihren Freund und dessen Tochter. «Ja, ich hab mir im Nachhinein schon überlegt, ob ich seine Drohungen vielleicht hätte ernster nehmen sollen, jetzt, wo ich leider weiss, wie ernst sie gemeint waren», sagt Anika Gasser heute. «Ich dachte immer, ja der wieder, mehr nicht.» Sie hat auf der Couch Platz genommen, wie sich zeigt, hat sie noch sichtlich Probleme, sich hinzusetzten oder aufzustehen. «Ich habe seit dem Vorfall zum Teil starke Gleichgewichtsprobleme, wahrscheinlich gehen sie irgendwann weg, es besteht aber auch das Risiko, dass sie bleiben.» Sonst gehe es ihr eigentlich physisch wieder recht gut. Oberflächlich erinnert einzig eine kleine Narbe auf ihrer Nasenspitze an die unzähligen Tritte. «Und viele meiner Zähne sind abgebrochen. Da muss ich noch warten, bis mit der Versicherung alles geklärt ist. Aber dann sollten sie repariert werden.» Rund ein Monat sei es gegangen, bis sie sich körperlich wieder einigermassen wohl gefühlt habe. «Mir hat es sehr geholfen, wie viele Menschen mich in dieser Zeit unterstützt haben.» Die Mutter ihrer 14-jährigen Stieftochter habe sich beispielsweise eine Woche freigenommen, um ihr zu Hause zu helfen. Alle drei Kinder leben bei ihr und ihrem Freund. Berufstätig ist derzeit nur ihr Freund. Sie kümmert sich um die Kleinen.

Und wie steht es um ihre seelische Befindlichkeit? Viel zu reden, sei ihre Verarbeitungsstrategie gewesen, sagt sie. «Es gibt sicherlich Menschen, die so eine Erfahrung lieber im Stillen verarbeiten. Mir hat es aber gut getan, mich mit vielen Menschen darüber auszutauschen.» Zweimal habe sie sich auch mit jemandem von der Opferberatung getroffen. Die Gespräche mit dem Umfeld hätten ihr aber in diesem Fall mehr geholfen. An die Zeit erinnern, während der sie auf dem Boden lag, könne sie sich bis heute nicht. «Manchmal wünsche ich mir, mich erinnern zu können, und versuche es dann auch mit aller Kraft. Manchmal denke ich aber auch, es ist vielleicht besser so. Vielleicht erspart mir dies die Albträume.» Solche hatte sie in den Wochen nach der Tat zwar keine, aber Angst. «Wenn ich allein zu Hause war, traute ich mich beispielsweise nicht zu lüften. Ich hatte Angst, er könnte dies nutzen und einsteigen.» Zwei-, dreimal habe sie dann ihren Anwalt angerufen, um sich zu versichern, dass der Täter wirklich noch hinter Gittern ist. Auch in der Öffentlichkeit sei es nicht einfach gewesen. «Ich sehe auf die Distanz nicht gut, und jedes Mal, wenn ich jemanden sah, der ihm ähnlich sah, beispielsweise weil die Person eine Glatze hat, zuckte ich erst mal zusammen, weil ich dachte, dass er es ist.»

Mitleid mit dem Täter , aber die Angst bleibt

Auch an den Kindern ging das Erlebnis nicht spurlos vorbei. «Sie hatten beide im Anschluss kurz nacheinander Fieber, das hing sicher mit dem Erlebten zusammen.» Und die 14-Jährige, die habe anfänglich Probleme gehabt, in die Schule zu gehen, auch betreffend der Konzentration. «Auch sie hat dann aber das Wissen beruhigt, dass der Täter für die nächste Zeit hinter Gittern ist. Wie uns andere auch.» Obwohl es ihr zwischenzeitlich weniger darum gehe, dass dieser eine Strafe erhält. «Von mir aus könnte er in Freiheit leben, aber nicht hier, sondern auf Hawaii.» Der Grund, dass sie ihm persönlich nicht mehr so Vorwürfe macht, ist auch der Befund. «Wie uns der Psychologe, der ihn im Gefängnis untersuchte, bestätigt hat, ist er psychisch krank. Er dachte, wir verfolgen ihn, und hat aus dieser Wahrnehmung heraus ­reagiert.» Scheinbar wurde beim Täter unter anderem eine paranoide Schi­zophrenie diagnostiziert. «Vielleicht kommt er in eine Klinik. Irgendwie tut er mir ja auch leid», sagt sie. Die Sicherheit ihrer Familie ginge aber vor. Abgeschlossen seien die Ermittlungen gegen den Täter noch nicht. Dies bestätigt auch die Polizei: Es werde frühestens Anfang 2018 weitere Informationen zum Fall geben, so die Sprecherin der Zuger Polizei, Judith Aklin.

Und wie geht das Leben von Anika Gasser weiter? Sie zeigt sich optimistisch: «Mein Freund und ich haben schon vieles miteinander durchgemacht, das wirft uns nicht aus der Bahn.» Und auch mit den Kindern sei alles gut. Der Kinderarzt habe gemeint, es sei nicht mit Spätfolgen zu rechnen, sagt sie und lächelnd scheu.

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