BAAR: Sika ist erfolgreich trotz turbulentem Jahr

Der Zuger Bau- und Industriezulieferer wächst kräftig. Trotz Übernahmekampf führt CEO Jan Jenisch die Firma zu neuen Rekorden – seine Zuversicht bleibt ungebrochen.

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Sika-CEO Jan Jenisch im Entwicklungslabor am Firmensitz in Zürich. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Sika-CEO Jan Jenisch im Entwicklungslabor am Firmensitz in Zürich. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Die ersten neun Monate des Geschäftsjahres verkauften Sie weltweit mehr Produkte, der Gewinn stieg um 9 Prozent. Die nachlassende Weltkonjunktur scheint Sika nicht zu treffen.

Jan Jenisch: Wir sind sehr zufrieden, dass wir unser Wachstum halten konnten, obwohl auch wir in China vom Markteinbruch des Baubereichs betroffen sind. In der Region Asien/Pazifik verlangsamte sich das Wachstum auf 1,3 Prozent. Ohne diesen Rückgang wären wir gesamthaft um knapp 7 Prozent gewachsen.

Laut 5-Jahres-Strategie wollen Sie bis ins Jahr 2018 um jährlich 6 bis 8 Prozent wachsen. Bleibt dies realistisch?

Jenisch: Wir sind zuversichtlich, dass wir die vorgegebenen Ziele erreichen werden. Gerade in diesem Jahr haben wir acht neue Fabriken eröffnet, eine neunte folgt im November in Philadelphia. Die USA sind ein wichtiger Wachstumsmarkt. Die US-Konjunktur erholt sich. Weiter haben wir 2015 drei neue Ländergesellschaften eröffnet und sind nun in 93 Ländern direkt vertreten. Wir haben kräftig investiert und legen ein hohes Tempo vor.

Seit drei Jahren rückt Sika Afrika stark in den Vordergrund. Weshalb?

Jenisch: Wir haben den Vorteil, dass wir mit unseren Sika-Produkten sehr früh in Wachstumsmärkte einsteigen können. Sobald sich Länder entwickeln und in neue Strassen, Flughäfen, Brücken, Gebäude usw. investieren, braucht es unsere Produkte. Das geschieht derzeit in Afrika – und wir nutzen diese Chance. Die Zahl unserer afrikanischen Fabriken und Landesgesellschaften haben wir in den letzten drei Jahren verdoppelt. Seit diesem Jahr sind wir in Tansania und Äthiopien vertreten. Diese Strategie zahlt sich bereits aus. In den ersten neun Monaten 2015 sind wir in Afrika um 20 Prozent gewachsen.

Sika schrieb die letzten elf Monate vor allem Schlagzeilen wegen der drohenden Übernahme durch Saint-Gobain. Auch Sie und Ihre Kollegen von der Konzernleitung wehren sich vehement dagegen. Wie stark beansprucht Sie dieser Widerstandskampf in der Unternehmensführung?

Jenisch: Die Rollenverteilung bei uns ist klar geregelt. Der Verwaltungsrat unter der Leitung von Paul Hälg ist in der Pflicht, den Widerstand gegen den feindlichen Übernahmeversuch zu führen. Wir von der Geschäftsleitung müssen die Geschäfte führen und dafür sorgen, dass wir Sika auch in einem schwierigen Umfeld erfolgreich weiterbringen.

Trotzdem beansprucht der Übernahmekampf wohl auch Sie stark.

Jenisch: Der Erfolg von Sika beruht nicht auf irgendwelchen Einzelpersonen. Wir sind als Team unterwegs mit unseren weltweit 160 Geschäftsführern. Gemeinsam haben wir unsere Strategie 2018 entwickelt und setzen sie mit allen Kräften um. Natürlich war ich seit letztem Dezember besonders gefordert – vor allem was die interne Kommunikation betrifft. Es gab und gibt nach wie vor viele Fragen bei der Belegschaft. Ich habe mehr Gespräche mit Mitarbeitern geführt als sonst. Allerdings hat dies unsere Zusammenarbeit noch weiter verstärkt.

Was bewegt die Mitarbeiter?

Jenisch: Die Leute wollen vor allem wissen, wie es weitergeht. Man muss verstehen: Alle 17 000 Sika-Angestellten wurden am 8. Dezember 2014 vom Übernahme-Deal total überrascht. Zu Beginn waren die Enttäuschungen riesig, die Frustrationen ebenso. Ich denke, wir haben das gut aufgefangen, indem wir immer offen kommunizierten und als Führungsteam zusammenhalten.

Viel zitiert wurde in letzter Zeit der Geschäftsbereich Mörtel. Sie weisen darauf hin, dass Sika und Saint-­Gobain sich hier direkt konkurrieren. Die Wettbewerbsbehörden sehen dies bei einem möglichen Zusammenschluss aber nicht als problematisch.

Jenisch: Klar sind wir direkte Wettbewerber im Mörtelgeschäft – und das in 50 Ländern. Davon kann man sich nur schon ein Bild machen, wenn man in einen Baumarkt geht und die Mörtelsäcke von beiden Firmen nebeneinander liegen sieht. Es ist schon ziemlich abenteuerlich von Saint-Gobain, dies zu bestreiten. Mörtel ist aktuell mit einem Plus von 11,6 Prozent der wachstumsstärkste Geschäftsbereich von Sika.

Derzeit sieht es aus, als ob dereinst die Richter über die Zukunft von Sika entscheiden. Wie ist die Stimmung unter den Mitarbeitern?

Jenisch: Ich erlebe eine unglaublich hohe Identifikation unserer Mitarbeiter mit der Firma. Das äussert sich auch darin, dass 140 Führungskräfte ihre Bedenken direkt in einem Brief an den Saint-Gobain-Chef mitteilten. Kein Sika-Geschäftsführer hat in den letzten elf Monaten gekündigt.

Wie stehen Sie in Kontakt zu Saint-Gobain?

Jenisch: Was die feindliche Übernahme betrifft, bin ich mit niemandem bei Saint-Gobain im Gespräch. Hier liegt der Ball auf Stufe Verwaltungsrat. Leider gibt es aktuell keine Fortschritte, aber unser Verwaltungsrat ist aktiv bemüht, damit eine Lösung auf den Tisch kommt.

Als CEO standen Sie eng in Kontakt mit der Sika-Erbenfamilie Burkard. Wie ist heute Ihr Verhältnis?

Jenisch: Ich treffe regelmässig in den VR-Sitzungen die drei Familienvertreter. Wir haben soweit als möglich professionelle Sitzungen. Allerdings ist die Situation angespannt.

Sika ist auf Rekordkurs

Baar eme. Der Bauchemie- und Klebstoffhersteller Sika steigerte in den ersten neun Monaten 2015 den Betriebsgewinn (Ebit) um 7,2 Prozent auf 490,2 Millionen Franken – obwohl der starke Franken belastete. Betriebsergebnis und Reingewinn haben neue Rekordwerte erreicht und das vierte Jahr in Folge verbessert werden können. Der Umsatz kommt auf 4,1 Milliarden Franken. Das sind 1,9 Prozent weniger als im Jahr zuvor; in Lokalwährung resultierte aber eine Zunahme von 5,5 Prozent. Für das Gesamtjahr wurde die Prognose auf 5 Prozent gesenkt (statt 6 bis 8 Prozent).

Verkauf: Ausgang bleibt offen

Nach wie vor bleibt ungewiss, ob Sika eigenständig bleibt oder vom französischen Mischkonzern Saint-Gobain übernommen werden darf. Die Sika-Erbenfamilie Burkard gab im letzten Dezember den Verkauf ihrer Mehrheitsbeteiligung an Saint-Gobain bekannt. Die Transaktion bleibt wegen des juristischen Widerstands des Sika-Verwaltungsrates blockiert. Derzeit liegt der Streit vor dem Zuger Kantonsgericht. Ein Urteil erwartet man in frühestens sechs Monaten.

Stagnation bei Saint-Gobain

Wie nötig Saint-Gobain Sika hat, zeigen die Geschäftszahlen des französischen Konzerns, die am Mittwoch veröffentlicht wurden. In den ersten neun Monaten stieg der Umsatz wechselkursbereinigt mit 0,4 Prozent auf 28,7 Milliarden Euro nur leicht. Für das Gesamtjahr wurden die Prognosen deutlich gesenkt.

Jan Jenisch (48) arbeitet seit 20 Jahren bei Sika, seit vier Jahren ist der Deutsche CEO. Zuvor führte er das Asiengeschäft.