BAAR: Vier fliegende Klassenzimmer

Die prekären Platzverhältnisse im Wiesentalschulhaus haben den Gemeinderat zum Handeln bewegt. Parallel dazu läuft eine fast unendliche Geschichte weiter.

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Auf dieser Wiese gegenüber vom Wiesentalschulhaus (Hintergrund links) soll ein Provisorium für mehr Schulraum zu stehen kommen. (Bild Stefan Kaiser)

Auf dieser Wiese gegenüber vom Wiesentalschulhaus (Hintergrund links) soll ein Provisorium für mehr Schulraum zu stehen kommen. (Bild Stefan Kaiser)

Der Bedarf an neuem Schulraum steigt in Baar stärker, als das Wiesentalschulhaus in die Erde sinkt. Deshalb hat die Gemeinde jetzt die Beschaffung eines Provisoriums ausgeschrieben. Damit flögen sozusagen vier Klassenzimmer vom Hauptschulhaus in das Gebäude über die gegenüberliegende Strassenseite auf die Wiese neben dem Kindergarten. «Die Schule platzt aus allen Nähten», beschreibt der Bauchef Paul Langenegger die Situation. Das Handeln verdeutlicht die mittlerweile prekären Platzverhältnisse. Schon vor zwölf Jahren nämlich hiess es in dieser Zeitung, dass die «Kapazitätsgrenze» des Schulhauses erreicht sei. Seither ist die Gemeinde weiter stark gewachsen und zählt mittlerweile über 24 000 Einwohner. Das Provisorium soll auf Ende Juni 2017 bezugsbereit sein. Die Gemeindeversammlung vom kommenden 23. Juni wird darüber entscheiden.

Jetzt schon Räume dazugemietet

Besonders froh über die Pläne des Gemeinderats ist Bruno Schwegler. Der Schulleiter im Wiesental erlebt die sich zuspitzende Situation seit rund 20 Jahren mit, auch als Lehrer. «Wir haben momentan 17 Klassen und noch ein einziges Ausweichzimmer. Dieses fällt mit Beginn des neuen Schuljahrs auch weg», schildert Schwegler die Verhältnisse. Er und seine Kollegen hätten aus der Not eine Tugend gemacht und improvisiert: Es werde auf Fluren gearbeitet, und es würden durch kreatives Platzieren von Pulten Nischen geschaffen. Allerdings: «Dabei kommen wir in Konflikt mit feuerpolizeilichen Vorschriften.» Das textile Werken findet in zwei Räumen statt, die von der Gemeinde in nahe gelegenen Privatüberbauungen gemietet worden seien.

Reklamationen von Elternseite hätte Schwegler bislang keine erfahren – im Gegenteil: «Sie erkennen unsere Kreativität an.» Für die Lehrer sei die Situa-tion zwar «unbefriedigend», Kündigungen hätte der Schulleiter deshalb aber keine hinnehmen müssen. «Es braucht von den Lehrern halt ein grosses Verständnis für die starken Einschränkungen, die diese Platzverhältnisse mit sich bringen», erklärt Schwegler. Durch das Provisorium erhielten Lehrer und Schüler «etwas Luft», sagt er und ergänzt: «Dies aber nur kurz, denn die Schule wächst von Jahr zu Jahr. Dies zeigt auch die Schulraumplanung.» Was den geplanten Neubau anbelangt, ist der Schulleiter Realist. Er weiss, dass ein solches Vorhaben seine Zeit braucht.

Das Wiesentalschulhaus geriet 2013 in die Schlagzeilen. Nicht wegen der Platzverhältnisse, sondern wegen einer spektakulären Stützmassnahme: 25 Holzstämme sollten die Einsturzgefahr im Aulatrakt (Singsaal und weiterer Raum) abwenden, die dem im nassen Grund millimeterweise einsinkenden Gebäudes droht. Die anderen fünf Trakte der bald 50-jährigen Anlage sind zwar tragfähig und nicht einsturzgefährdet, sinken aber ebenfalls ein und sind teilweise nicht erdbebensicher. An der Wintergemeindeversammlung 2014 stimmten die Baarer über den Planungskredit von 280 000 Franken für die Schulraumplanung, die Machbarkeitsstudie sowie Organisation des Wettbewerbsverfahrens ab. Dass wegen Verzögerungen keine Schulraumplanung vorhanden war, sorgte für Missstimmung. Über ein Jahr später befindet sich das Projekt nun erst in der Machbarkeitsstudie.

Abriss sinnvoller als Sanierung

Der Grund für die Langwierigkeit seien gemäss Langenegger die umfassenden Abklärungen in den verschiedenen Kommissionen, wie viel Raum wofür tatsächlich benötigt wird. Diese sollen «im Frühling» abgeschlossen sein. Fakt ist: Es kommt ein Neubau. «Zwei Ingenieurbüros sind unabhängig voneinander zum Ergebnis gelangt, dass ein Abriss sinnvoller ist als eine Sanierung», erklärt der Bauchef. Apropos Ingenieurbüro: Langenegger sagte im Jahr 2013 gegenüber dieser Zeitung, dass die Räume im gestützten Schultrakt dank der Pfähle noch «bis zu sieben Jahren normal benutzt» werden könnten. Das heisst also, dass das neue Schulhaus – so es angenommen wird – bis im Jahr 2020 stehen müsste, will man nicht auf den Singsaal verzichten. Jetzt sagt Langenegger, dass besagter Trakt auch über 2020 hinaus genutzt werden könne. Und: Drängen lassen würde sich die Gemeinde ohnehin nicht: «Wir machen vorwärts, aber wir brechen nicht in Panik aus», sagt der routinierte CVP-Politiker.

Ein Projekt dieser Grössenordnung stellt die sparorientierte Gemeinde vor eine zusätzliche Herausforderung, gerade vor dem Hintergrund des Neubaus des Altersheims Bahnmatt. Über den Schulhausneubau wird die Gemeindeversammlung in diesem Jahr befinden.

Raphael Biermayr