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BAAR: Violeta und Misret Neziri gehen erst nach Feierabend ins Büro

Violeta und Misret Neziri fegen im wahrsten Sinne des Wortes durch die Nacht. Das Ehepaar reinigt gemeinsam Bürogebäude. Die beiden sind ein eingespieltes Team.
Samantha Taylor
Misret und Violeta Neziri verbringen einen Teil ihrer Nächte in Zuger Büros.

Misret und Violeta Neziri verbringen einen Teil ihrer Nächte in Zuger Büros.

Samantha Taylor

samantha.taylor@zugerzeitung.ch

Violeta und Misret Neziri verlieren keine Zeit. Kaum betreten sie an diesem Donnerstagabend um 21.30 Uhr die Büroräume an der Zuger Poststrasse, legen sie los. Misret Neziri beginnt ganz hinten im grössten Raum des Büros. Er geht von Pult zu Pult, bückt sich, leert den Papierkorb und sammelt im Vorbeigehen stehen gelassene Gläser und Tassen ein. Viermal bückt er sich, dann geht er weiter in den Konferenzraum mit dem massiven edlen Holztisch und den schweren Ledersesseln, dann ins Chefbüro und schliesslich ins WC. Überall wiederholt er dieselben Handgriffe. Zackzack. Es vergehen nur wenige Minuten, und der 52-Jährige ist durch. Schritt eins ist erledigt.

Violeta Neziri nimmt sich in der Zwischenzeit die Küche vor. Eine klassische Büroküche – nicht ausgestattet, um ein Menü zu kochen, aber doch um sich zu verpflegen. Die 41-Jährige wischt über die Granitabdeckung, die Kästchenfronten, die Armaturen, die Kaffeemaschine, die Mikrowelle und am Ende durchs Lavabo. Auch sie tut das in beeindruckendem Tempo, ohne dabei etwas auszulassen. Kurze Zeit nach ihrem Mann hat auch sie Schritt eins abgeschlossen.

Das Tempo der Neziris ist nicht der Eile geschuldet. Obwohl die beiden dann arbeiten, wenn andere Feierabend machen. Und obwohl Misret Neziri an diesem Donnerstag bereits einen Achteinhalbstundentag im Bereich Hauswartung und Reinigung hinter sich hat und der nächste schon am Freitag auf ihn wartet. Es ist die Routine, die das Ehepaar so zackig macht. Sie sind ein eingespieltes Team. «Wenn wir in ein Büro kommen, weiss jeder von uns, was er zu tun hat», sagt Misret. Normalerweise, wenn da nicht jemand ist, der Fragen stellt, werde auch nicht «gschnorret», sagt er, lächelt und greift zum Staubsauger.

Diskretion gehört dazu

Misret Neziri und seine Frau stammen aus einer Kleinstadt im Kosovo. Seit 30 Jahren sind sie in der Schweiz, und genauso lange leben sie im Kanton Zug, seit sieben Jahren in Steinhausen. Ihre drei Kinder – zwei Söhne (20 und 14 Jahre) und die Tochter (17) – arbeiten als Fensterbauer, absolvieren eine Lehre im Gesundheitsbereich oder besuchen noch die Schule, und alle helfen sie daheim tatkräftig mit. Die Neziris sind hier zu Hause. Die Schweiz und im speziellen Zug finden sie «wunderschön». Bei der Baarer Reinigungs- und Gebäudeservice-Firma Casablanca ist Misret Neziri seit 20 Jahren, Violeta seit 12 Jahren angestellt. Aktuell arbeitet sie als Aushilfe und im Stundenlohn. Abends ist das Ehepaar fast immer gemeinsam unterwegs. Auch wenn gearbeitet wird und sie nicht viel sprechen, geniessen sie die gemeinsame Zeit in den leeren Büroräumen. «Es ist schön, dass wir zusammen arbeiten können», sagt Violeta. Sie ist inzwischen bei Schritt zwei. Die Schreibtischplatten aus Milchglas und die Computerbildschirme müssen abgestaubt werden. Sie sei sehr gründlich, rühmt sich Violeta Neziri und putzt wie zum Beweis gleich unter einer Tastatur und hinter einem Bildschirm. Dabei fährt sie mit dem Lappen geschickt um all die persönlichen Gegenstände auf den Schreibtischen – Erkältungstropfen, ein Foto, Kopfhörer, Kaugummi, eine Visitenkarte, einige Unterlagen und Notizzettel sowie die üblichen Büroutensilien. All das interessiere sie nicht, versichert Violeta Neziri. «Ich schaue nicht darauf, was auf einem Pult steht. Das sind persönliche Dinge. Die gehen mich nichts an.» Auch darüber, ob jemand ordentlich ist oder nicht und was für ein Charakter an einem solchen Platz arbeitet, mache sie sich keine Gedanken. «Ich mache einfach meine Arbeit.» Sie hätten bei ihrer Arbeit in diesem und anderen Büros schon diverse verlorene Sachen gefunden, beispielsweise Ohrringe, eine Brosche oder Geld. «Ich habe immer alles ab- oder zurückgegeben», sagt Violeta. Und das sei ihr entgegengekommen – in Form von Dankbarkeit und Respekt. «Die Leute schätzen uns», sagt Violeta. Die Neziris machen auch keinen Unterschied zwischen einem Chefbüro und einem «gewöhnlichen Arbeitsplatz». «Wir sind überall gleich gründlich», sagt sie auf dem Weg zur Toilette. Im Hintergrund dröhnt der Staubsauger.

Kostbarkeiten in Büros

Nach einer knappen Stunde ist das Büro an der Poststrasse blitzblank. Auf die Neziris wartet die nächste Station. «Ein sehr schönes Büro», wie Misret Neziri findet, im Zentrum von Baar. Auf der Autofahrt dorthin gibt es eine Zigarette, eine kurze Pause muss sein. Der 52-Jährige hat nicht zu viel versprochen. Die Räume sind modern und wirken designt mit Sichtbeton, durch Glasscheiben abgetrennte Büros und einem blau schimmernden Teppichboden, dessen Farbton im Mobiliar wieder aufgenommen wird. Das Büro ist schön, aber das Ehepaar hat noch viel Eindrücklicheres gesehen. Er sei einmal in einem Büro gewesen, da habe allein das, was aufgestellt gewesen sei und an den Wänden gehangen habe, über eine Million Franken gekostet. Misret und Violeta Neziri packen auch hier sofort wieder an. Der Ablauf ist derselbe. Er macht eine Runde, leert die Papierkörbe, greift zum Staubsauger, nimmt den Boden feucht auf, sie putzt die Küche, reinigt Tische und Bildschirme und am Ende das WC. Ohne Worte oder Erklärungen, ein eingespieltes Team eben.

Vielseitig und selbstständig

Er mache die Arbeit wirklich gerne, beantwortet Misret Neziri die Frage. Zwar arbeite er viel – sechs Tage die Woche und dreimal am Abend –, aber die Arbeit sei nicht so streng, dass man das nicht schaffen würde. «Wir kommen schon etwas ins Schwitzen. Es ist aber körperlich machbar. Nicht wie beispielsweise auf dem Bau.» Der Familienvater schätzt ausserdem die Vielfältigkeit, vor allem im Bereich der Hauswartungen. Dort sind sowohl seine handwerklichen wie auch seine technischen und organisatorischen Fähigkeiten gefragt. «Manchmal arbeite ich im Garten, manchmal in einer Siedlung und dann wieder in einem Büro. Das passt mir.» Ausserdem ist er selbstständig. Auch das passt ihm. Und richtig ins Schwärmen kommt Neziri schliesslich, wenn er über seinen Chef spricht. Er sei einfach ein super Typ. Auch dank ihm mache er diesen Job wirklich gerne.

Man glaubt Misret Neziri, wenn er diese Dinge sagt. Er wirkt zufrieden, und trotz fortgeschrittener Stunde – es ist 23.30 Uhr, als das Ehepaar die Türe im Baarer Büro hinter sich schliesst – strotzt der 52-Jährige vor Energie. Er wirkt noch immer irgendwie frisch. «Mein Mann wird fast nie müde. Im Gegensatz zu mir. Ich brauche viel Schlaf», sagt Violeta, als sie sich die Feierabendzigarette ansteckt. «Ja», sagt Misret Neziri, «ich habe viel Energie. Auch am Sonntag, dem einzigen freien Tag, kann ich nicht einfach zu Hause rumsitzen. So bin ich halt.»

Hinweis

In unserer Sommerserie «Zug bei Nacht» begleiten wir während der Sommerferien Menschen, die nachts arbeiten oder unterwegs sind. Alle Geschichten finden Sie auf zugerzeitung.ch/dossier

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