BAAR: Wenn der Imam zum Gebet ruft

Bis zu 250 Muslime kommen jeden Freitag in der Fatih-Cami-Moschee zusammen. Dabei wird neben dem Glauben auch die Geselligkeit grossgeschrieben.

Rahel Hug
Drucken
Teilen
Während die Männer im Obergeschoss das Gebet abhalten, sorgen die Frauen im Gemeinschaftsraum für die Verköstigung. Das Bild oben rechts zeigt die junge Muslima Eslem Erol. (Bilder Werner Schelbert)

Während die Männer im Obergeschoss das Gebet abhalten, sorgen die Frauen im Gemeinschaftsraum für die Verköstigung. Das Bild oben rechts zeigt die junge Muslima Eslem Erol. (Bilder Werner Schelbert)

Der Parkplatz vor dem Gebäude an der Gewerbestrasse 9 in Blickensdorf ist voll besetzt. Nach und nach kommen weitere Autos angerollt, der Raum im Erdgeschoss der Fatih-Cami-Moschee füllt sich immer mehr. Es duftet nach frischem Fladenbrot, gefüllt mit Käse, Spinat oder Hackfleisch, und Schwarztee. Die muslimischen Frauen, einige sind bereits seit den frühen Morgenstunden hier, haben ganze Arbeit geleistet. Schliesslich müssen die hungrigen Mägen vor und nach dem traditionellen Freitagsgebet gesättigt werden.

Eine Verpflichtung für Männer

Zwischen 150 und 250 Muslime aus dem Kanton Zug und der Umgebung verbringen jeweils den Freitagmittag im Blickensdorfer Gotteshaus. Das Freitagsgebet ist für Männer und Jungen eine im Koran verankerte religiöse Verpflichtung. Das Gebet am Freitag gilt als das wichtigste der Woche. Das zeigt sich am grossen Aufmarsch, der gestern in der im Industriegebiet versteckt gelegenen Moschee herrscht. Bereits kurz vor 12 Uhr beginnt Imam Hasan Övmek im Gebetsraum im oberen Stock mit seiner Rede. «Vor dem Gebet spricht der Hod-scha über allgemeine Glaubensfragen und darüber, was uns der Prophet sagen will», erklärt Kamuran Gökce, Vizepräsident der türkisch-islamischen Vereinigung Zug. Hodscha ist die türkische Bezeichnung für den Vorbeter. Es sind vor allem Muslime mit türkischen Wurzeln, die in der Fatih-Cami ein- und ausgehen – aber nicht nur: auch bosnisch-, albanisch- oder arabischstämmige Muslime und einige zum Islam konvertierte Schweizer beten hier. «Wir sind für alle offen», betont Kamuran Gökce.

Im unteren Stock waschen die Gläubigen ihre Hände und Füsse, bevor sie die Schuhe ausziehen und sich nach oben zum Gebetsraum begeben. Während dort der Imam seine Rede hält, betreten immer mehr Männer den mit buntem Teppichboden ausgestatteten Raum. Sie setzen sich, bleiben still und hören zu, lesen im Koran oder bewegen die Perlen ihrer Gebetskette, während sie ein Gebet zu Ehren Allahs vor sich hinflüstern. Männer jeder Altersgruppe sind vertreten – vom Jugendlichen in der Trainerhose bis zum Senior im Wollpullover. Auch Geschäftsleute im Anzug finden den Weg in die Moschee – «viele von ihnen arbeiten bei einer Versicherung», weiss Kamuran Gökce. Um 12.30 Uhr erklingt die Stimme des Muezzins über das Mikrofon. Das offizielle Freitagsgebet beginnt. Die Männer erheben sich, um sich kurz darauf wieder hinzuknien. Der Imam in seinem langen, grauen Gewand betritt eine mit Ornamenten verzierte Kanzel und hält seine Predigt: Er spricht von verloren gegangener Zeit, die niemals zurückgebracht werden kann, vom Wunsch nach rechtschaffenem Handeln und von Hab, Gut und Reichtum.

Arabisch, Türkisch, Deutsch

Zuerst redet der Imam Arabisch, wechselt dann auf Türkisch, um zum Schluss einige Zeilen auf Deutsch zu verlesen. «So können die meisten Männer, die hier sind, etwas verstehen», erklärt der Vizepräsident. Während der Imam in der nach Mekka ausgerichteten Gebetsnische einen Gesang anstimmt, stellen sich die Gläubigen in Reihen auf und verbeugen sich mehrmals. Kurz darauf ist das Gebet vorbei. Viele verlassen den Saal – einige beten jedoch in aller Ruhe noch eine Zeit lang weiter.

Während die Männer beten, bleiben die Frauen im Aufenthaltsraum im Erdgeschoss, trinken Tee, essen Fladenbrote und Kuchen, tauschen sich aus. Dort herrscht vor und nach dem Gebet reges Treiben. Für die weiblichen Gläubigen gibt es im Obergeschoss einen eigenen Gebetsraum. Das Freitagsgebet ist für Frauen keine Pflicht, sondern wird lediglich empfohlen. Der Freitag ist aber deshalb für die rund 20 Musliminnen, die sich gestern in der Moschee aufhalten, nicht minder wichtig. «Der Freitag hat für uns auch einen grossen sozialen Wert», erzählt Eslem Erol. Die 16-Jährige trägt ein türkisfarbenes Kopftuch und eine modische Brille. «Wir sind alle wie eine grosse Familie. Ich treffe mich hier mit meinen Kolleginnen. Wir haben sogar eine gemeinsame Whatsapp-Gruppe», erzählt die junge Zugerin mit einem Schmunzeln. Sie versuche, jeweils fünf Mal täglich zu beten. «Das gehört für mich einfach dazu», sagt sie, und die 19-jährige Duygu Denizeri, die aus dem Kanton Thurgau hergekommen ist, pflichtet ihr bei. «Religion ist für mich sehr wichtig. Es ist etwas, das uns verbindet», sagt die Studentin. Auch sie trägt ein Kopftuch – seit sie 13 Jahre alt ist. Die beiden jungen Frauen gehören damit zur Mehrheit in der Fatih-Cami-Moschee. Es gehen aber auch zahlreiche Frauen ohne Kopftuch im Gotteshaus ein und aus.

Auch der IS wird diskutiert

Die Gemeinschaft hat auch für Batuhan Gül und Adnan Beso (beide 18) eine grosse Bedeutung. «Wir treffen uns hier jeweils auch am Abend. Dabei unterhalten wir uns über alles mögliche. Auch Themen wie der IS werden diskutiert», erzählt der Baarer Batuhan Gül. Er und sein Kollege aus Zug besuchen jeweils gemeinsam das Freitagsgebet. «Über den Mittag herzukommen, ist kein Problem. Auch die fünf Gebete pro Tag können wir flexibel gestalten», erklärt Batuhan Gül. Ihre Religion im Alltag zu leben, ist für die jungen Männer, sie absolvieren beide eine KV-Lehre, selbstverständlich. «Das haben wir von Klein auf so gelernt», hält Adnan Beso fest. Auch Yildiray Pergel aus Cham trinkt nach dem Gebet noch einen Tee. «Religion ist für mich etwas Gutes, sofern man versucht, sie wirklich zu verstehen und sie nicht missbraucht», sagt der 38-jährige Bauleiter und frischgebackene Vater. Ihm persönlich gebe der Islam ein Ziel im Leben. «Ohne den Glauben würde ich eine grosse Leere verspüren.» Mit den jüngeren Gläubigen hat er vor allem eines gemein: Auch für ihn ist die Geselligkeit wichtig. «Die Moschee ist ein Treffpunkt für alle Generationen. Das gefällt mir», sagt er.

Die Fatih-Cami-Moschee ist seit 2005 in Blickensdorf beheimatet. Letzten Sommer wurde sie umfassend renoviert. Rund 200 Mitglieder zählt die türkisch-islamische Vereinigung Zug. Das Gotteshaus ist täglich geöffnet und kann jederzeit besucht werden.

Rahel Hug