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BAAR: «Wir hoffen, er kommt nie wieder frei»

Am Mittwoch griff ein 34-Jähriger eine Frau und ihre Stieftochter vor der Post an und verletzte beide. Das Opfer und ihr Freund berichten nun von der Tat. Zudem wurde bekannt, dass schon seit mehreren Wochen gegen den Täter eine Strafuntersuchung läuft.
Die Dorfstrasse war am Mittwochnachmittag für die Spurensicherung abgesperrt. (Bild: Zuger Polizei (Baar, 16. August 2017))

Die Dorfstrasse war am Mittwochnachmittag für die Spurensicherung abgesperrt. (Bild: Zuger Polizei (Baar, 16. August 2017))

Das Podium 41 gestern Mittag. An einem der Tische sitzen eine junge Frau und ihr Partner. Umständlich versucht sie zu essen, sie hat sichtliche Schmerzen, ihr Gesicht ist zerschlagen. Gerade wurde sie aus dem Spital entlassen. Am Mittwoch waren sie und ihre Stieftochter vor der Postfiliale in Baar angegriffen worden. Der 34-jährige Angreifer ist geständig und in Haft. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung (wir berichteten).

Sie beginnt zu erzählen: «Ich war in der Postfiliale in der Dorfstrasse, um Einzahlungen zu machen.» Mit dabei hatte sie ihr zehn Monate altes Baby, ihr zweijähriges Kind und die 14-jährige Stieftochter. Als sie aus der Post gekommen seien, habe die 14-Jährige gesagt: «Schau mal gegenüber, da ist der, der uns immer schikaniert.» «Ich habe ihr geantwortet, dass ich vor dem keine Angst habe.» Dann sei er rübergekommen und habe die 14-Jährige geschlagen. «Ich hatte noch das Baby auf dem Arm, setzte es ab und ging dazwischen», erinnert sich die 25-Jährige. Der Täter habe sie daraufhin traktiert. «Dann gingen bei mir die Lichter aus.» Sie erinnere sich nur, wie sie im Spital aufgewacht sei. Mehrere Passanten waren ihr zu Hilfe geeilt.

Es begann vor vier Jahren

Doch wie kam es zur Tat? «Eigentlich hat er nicht mit ihr, sondern mit mir Streit», erzählt der Partner des Opfers. Vor vier Jahren hätten er und das Opfer begonnen, regelmässig ins Podium 41 zu gehen, wo auch der Täter Gast gewesen sei. «Wir fanden schnell Anschluss, vielleicht war er deshalb eifersüchtig auf uns.» Eines Tages habe der Täter dann ohne Vorwarnung dort einen Streit mit ihm begonnen. «Er nannte meine Partnerin eine Schlampe und gab mir vier Ohrfeigen.» Danach sei er von hinten mit einem Aschenbecher auf ihn losgegangen. «Ich sah aber im Fenster sein Spiegelbild und konnte ausweichen. Dann wehrte ich mich.»

Die Tochter bedroht und bespuckt

Heute bereue er, dass auch er Gewalt eingesetzt habe. «Das alles ist ja irgendwie aus Gewalt entstanden.» Nach der ersten Attacke habe der Täter seiner Partnerin und ihm Drohnachrichten geschickt. Doch auch auf seine 14-jährige Tochter hatte er es abgesehen. «Vielleicht ist er psychisch krank, irgendwie wollte er mir seit dem Vorfall vor vier Jahren etwas heimzahlen.» Vor rund zweieinhalb Jahren sei seiner Tochter am Bahnhof ein Schleckstängel heruntergefallen. Der spätere Angreifer habe dies wohl zufällig gesehen, sie bespuckt und bedroht. «Sie erzählte es uns, kannte aber bis anhin den Täter nicht. Hätten wir gewusst, dass er es ist, hätten wir das der Polizei gemeldet.» Im Herbst 2016 dann der nächste Zusammenstoss im Podium 41: «Er bedrohte uns und sagte, ich und meine Familie müssten aufpassen. Ich habe die Polizei verständigt, die den Täter entfernt hat.» Eine Anzeige erstattete er nicht. «Irgendwie hatten wir Angst vor ihm und wollten nicht mehr Hass schüren.» Zur Beruhigung habe er sogar versucht, sich zu versöhnen und den späteren Angreifer zu einem Grümpelturnier eingeladen.

Doch es ging weiter. «Anfang 2017 fing er meine Tochter auf dem Schulweg ab, rempelte sie an und beschimpfte sie. Ich ging zur Polizei. Mir wurde gesagt, dass sie ihn wegen Beleidigung anzeigen könnte.» Doch darauf verzichteten sie. «Dann muss der Täter vielleicht 200 Franken bezahlen, kann aber die ganze Wut darüber später an uns auslassen.» Doch der Täter hatte es nicht nur auf die Familie des Opfers abgesehen. Seit einigen Monaten hat er Hausverbot im Podium 41. «Er hat einen Gast halb totgeschlagen», erinnert sich der Partner des Opfers.

Nicht sein einziges Opfer

Auch anderen ist der 34-jährige Täter als Delinquent bekannt. «Er war ständig aggressiv und griff immer von hinten an», so René Brijan, der ebenfalls Gast im Podium 41 ist. Der Täter sei ein komischer Typ, habe behauptet, Kampfsport zu betreiben und sich schwarz gekleidet. Vor kurzem sei er dann grundlos auf ihn losgegangen, so Brijan. Er erstattete Anzeige. «Ich dachte, jetzt würde ihm das Handwerk gelegt.» Der Täter erstattete ebenfalls Anzeige. Am 9. August erhielt Brijan ein Schreiben der Staatsanwaltschaft, dass ihm durch die Staatsanwaltschaft Zug eine Einstellungsverfügung vorbehaltlich Genehmigung durch den Oberstaatsanwalt zugestellt werde, er jedoch innerhalb von sieben Tagen Beweisanträge geltend machen könne. «Das ist Kuscheljustiz», regt sich Brijan auf. Er findet, die Polizei habe die Gefahr, die vom Täter ausgehe, nicht wahrhaben wollen. Auf Nachfrage bestätigt die Polizei die Anzeige. Der Fall sei noch nicht eingestellt, es handle sich nur um eine erste Fallbeurteilung.

Das Opfer und ihr Partner haben einen klaren Wunsch: «Wir hoffen, er kommt nie wieder frei.» Ihre grösste Angst sei, dass sie der Täter verantwortlich mache, dass er ins Gefängnis gekommen sei. «Dann müssen wir wegziehen.» Nebst seiner Partnerin leide auch die 14-jährige Tochter unter der Attacke. «Sie ist traumatisiert», so ihr Vater.

Christopher Gilb

christopher.gilb@zugerzeitung.ch

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