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BAAR: Zerstörung am Ort der Verstörung

Das Mahnkreuz vor der alten Lorzentobelbrücke ist zum wiederholten Mal beschädigt worden. Seine Stifterin sucht nach Antworten.
Raphael Biermayr
Hildegard Bütler beim Andachtsort unterhalb der neuen Tobelbrücke. Das Kreuz wurde fast durch- gesägt (kleines Bild), die Christusfigur hat Bütler entfernen lassen. (Bilder Werner Schelbert)

Hildegard Bütler beim Andachtsort unterhalb der neuen Tobelbrücke. Das Kreuz wurde fast durch- gesägt (kleines Bild), die Christusfigur hat Bütler entfernen lassen. (Bilder Werner Schelbert)

Raphael Biermayr

«Sensibel sein ist eine Gabe», lautet einer der Sprüche, die grellfarben auf den Beton gesprayt sind. Sie begleiten einen auf dem Weg zu dem Ort, an dem Schönheit und Schmerz auf ex­treme Weise zusammenkommen: der alten Lorzentobelbrücke. Bevor man sie betritt, blickt man auf ein Wegkreuz. Es ist gleichermassen ein Mahnkreuz für die vielen, die sich in ihrer Verstörung verloren haben und sich in die Tiefe stürzen.

Hildegard Bütler (80) hat dieses Kreuz anfertigen lassen, 2002 wurde es aufgestellt. Sie hat in Gesprächen mit dem Kanton erreicht, dass ein solcher Andachtsort entstehen darf, «vorher war das nicht erlaubt worden», sagt Bütler durchaus stolz, aber keinesfalls aufschneidend. Seit 14 Jahren kommt sie beinahe wöchentlich her, um das Blumenbeet vor dem Kreuz und die weitere Umgebung zu pflegen: die «Warum?»-fragenden Briefe von in Ohnmacht Zurückgelassenen nach Verwehung zurückzulegen zum Bespiel oder die Kerzen wieder anzuzünden.

Die Sitzbank ist weg

«Bubenstreiche» habe sie dabei immer mal wieder festgestellt, damit könne sie umgehen. Aber was sie vor wenigen Tagen antraf, stimmte sie traurig. Das Kreuz war beinahe durchgesägt und lag vornübergeklappt im Beet. Der kleine Holzzaun drum herum war weg (er wurde ins Tobel geschleudert, wie sich herausgestellt hat), und auch die nah gelegene Sitzbank war verschwunden. «Das Kreuz ist aus Eichenholz, das lässt sich nicht so leicht sägen», sagt Bütler auf die grosse Zerstörungswut hinweisend, die hier am Werk war. «Das ist einfach respektlos gegenüber den Gläubigen und den Menschen, die einen persönlichen Bezug haben zu diesem Ort», äussert sie ihr Unverständnis. Trotz ihrer Betroffenheit ist die Baarerin besonnen und intelligent genug, um nicht wilde Spekulationen über die Motive der Täter anzustellen.

Sie und eine Kollegin hätten sich kürzlich spätabends auf die Lauer gelegt, in der Hoffnung, die Täter würden zurückkehren. Sie hätten sie zur Rede stellen und nach den Hintergründen für ihre Tat fragen wollen, erklärt Bütler. Doch sie trafen niemanden an.

Vor ein paar Jahren hätte Bütler noch so gern niemanden angetroffen, als sie bei der Brücke eintraf. Doch «eine junge Frau» war gerade dabei, über die Brüstung zu klettern. Bütler stellte sich die Frage, die sich wohl jeder stellen würde: «Was jetzt?» Nach dem inneren Abwägen von «einer Art Mitschuld am Sprung sowie einer möglichen Unterlassung», wie sie sagt, habe sie sich dazu entschlossen, mit der Frau ins Gespräch zu kommen. «Ich ging ganz lässig vor und hatte Erfolg damit», schildert Bütler. «Sie hatte mir versprochen, nicht zu springen, bevor ich ging.» Dennoch habe sie später die Polizei gerufen. «Der Polizist sagte mir, dass ich gut gehandelt und ihr damit vermutlich das Leben gerettet habe.»

Für die Menschen und den Herrgott

Während ihrer Pflegearbeiten kommt Bütler immer wieder mit Menschen ins Gespräch, die sich bei ihr bedanken würden für das Kreuz: die Joggerin, die immer kurz innehält; die Bekannte, deren Kind hier die wohl letzte bewusste Entscheidung seines Lebens traf; Wanderer, denen das Wegkreuz Kraft spenden soll. «Ich habe diesen Ort für die Menschen gemacht, die hier durchkommen, und auch für den Herrgott. Ich kann die Forderungen nicht verstehen, das Kreuz aus der Öffentlichkeit zu entfernen», sagt die engagierte Frau.

Mittlerweile steht das Kreuz wieder dank einer Holzbefestigung. Bütler hat keine Anzeige bei der Polizei erstattet. Sie stehe diesbezüglich aber im Kontakt mit der kantonalen Abteilung für Brückenbau, die das Kreuz einst bewilligt habe.

Dass sensibel sein nicht jedem gegeben ist, hat Hildegard Bütler vor drei Jahren schon feststellen müssen. Damals riss jemand die Christusfigur vom Kreuz und schmetterte sie zu Boden. Sie musste ersetzt werden. Hildegard Bütler hat die aktuelle Figur vom Kreuz nehmen lassen, um sie in Sicherheit zu bringen.

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