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BAAR: Zwischen Himmel und Erde

Thomas Hess fliegt als Pilot für die Swiss. Für den 48-Jährigen hat sich damit ein Bubentraum erfüllt. Eine Reportage aus dem Cockpit.
Wolfgang Holz
Bürokratisches hat ein Captain im Cockpit zu erledigen. (Bild: Wolfgang Holz / Neue ZZ)

Bürokratisches hat ein Captain im Cockpit zu erledigen. (Bild: Wolfgang Holz / Neue ZZ)

Der Mann und sein Flugzeug: Swiss-Pilot Thomas Hess mit dem Jumbo-lino in Venedig. (Bild: Wolfgang Holz / Neue ZZ)

Der Mann und sein Flugzeug: Swiss-Pilot Thomas Hess mit dem Jumbo-lino in Venedig. (Bild: Wolfgang Holz / Neue ZZ)

Schlagsahnenlandschaft. Trillionen Liter von Curaçao darübergekippt. Garniert mit zackigen Krokantsplittern. Süsser kann fast kein Panorama sein. O.K. Ganz nüchtern betrachtet handelt es sich einfach um den Himmel über den Tiroler Alpen. Betrachtet aus knapp zehn Kilometern Höhe. Morgens gegen halb neun.

Was immer gerade durch den Kopf von Thomas Hess, Flugzeugkapitän des Swiss-Flugs 1660 nach Venedig, gehen mag. Es ist nicht zu übersehen: Er geniesst die Vogelperspektive aus dem Cockpit seines «Jumbolino». «Ich habe wirklich ein schönes Büro mit Aussicht», sagt er und zeigt auf den Reschenpass, den wir gerade überfliegen.

Knöpfe alle individuell geformt

Viel Zeit zur romantischen Kontemplation bleibt dem 48-Jährigen allerdings nicht. Der Funk hat soeben umgeschaltet auf die italienische Bodenleitstelle in Padua. «Buon giorno, tis is Padua. Please, altitude at twenty-tree tousand», ertönt es über Funk. Hess dreht an einem kleinen Knopf unter den gefühlten Tausend im Cockpit, die dem Laien wie ein Labyrinth vorkommen. «Jetzt geht’s leider schon wieder abwärts», sagt er und lehnt relaxed seinen elegant geflochtenen Lederschuh auf die Stütze neben dem Steuerknüppel. «Das hilft gegen Thrombose», erklärt er. «Die Knöpfe und Schalter im Cockpit sind übrigens alle individuell geformt – so dass man sie auch im Dunkeln einwandfrei ertasten kann», erklärt Hess. Er kennt die geschätzten vier Quadratmeter Office seines «Jumbolinos» wie seine Westentasche. «Man darf als Pilot aber immer nur einen Flugzeugtyp fliegen», sagt er – und bezeichnet seinen Jet liebevoll als «wendiges und zuverlässiges Arbeitstier.»

Doch Fliegen ist nicht nur reines Vergnügen. Es benötigt auch viel Planung. Der dreifache Familienvater, der sich schon seit 21 Jahren für die Swiss und ihre Vorgängerin in die Lüfte erhebt, musste an diesem Morgen schon früh aus den Federn. «Um 4.48 Uhr bin ich aufgestanden, um dann von Baar mit dem Auto nach Kloten zu fahren», berichtet der passionierte Pilot. Das hat seiner Laune keinen Abbruch getan. Im Gegenteil. Schon im Operation Center, wo ab sechs Uhr früh Piloten und Flight Attendants, ihre Köfferchen im Schlepptau, im Minutentakt eintrudeln – war das nicht gerade Leonardo di Caprio!? –, zeigt sich Hess bestens gelaunt. Mit seinem Co-Piloten Alexander Lucks (29) bespricht er kurz die Fluginfos: «O.K., wir haben 5,3 Tonnen Treibstoff an Bord», registrierts und nippt gelassen am Kaffee aus dem Pappbecher.

Vor Venedig könnte es «schütteln»

Danach gehts zum kurzen Briefing mit der Cabin Crew in einem nüchternen Sitzungszimmerchen. «Heute gibt’s nichts Besonderes», sagt die Maître de Cabine. Der Co-Pilot weisst drauf hin, dass es in der Maschine kurz vor Venedig wegen der starken Fallwinde heute ein bisschen «schütteln» könnte. Das wars. Ab in den Flieger. Doch zuvor muss die Crew wie Otto-Normalverbraucher noch durch den Sicherheitscheck. «Nervös bin ich nie vor einem Flug, höchstens, wenn ich ins Büro meines Chefs muss», scherzt Hess. Und versichert: Ein Kapitän müsse morgens stets gut aufgelegt sein: «Das überträgt sich nämlich auf die Crew.» 10 000 Flugstunden hat er auf dem Buckel.

«Das ist ein Blitzeinschlag»

Im Cockpit des Jets beginnt dann wirklich die Arbeit. Während der First Officer minutiös die Checkliste vor dem Start abarbeitet und Daten in den Computer eingibt, macht Hess erst mal Buchhaltung. In einen Ordner trägt er Details zum bevorstehenden Flug ein. Dann zieht er eine grellgelbe Sicherheitsweste über und inspiziert den Flieger von aussen. «Das ist ein Blitzeinschlag gewesen», zeigt er auf eine kleine schwarze Markierung am Bug. Jeder Kratzer und jede Delle würden genauestens festgehalten, «und falls diese gemäss Herstellerempfehlung die Flugsicherheit beeinträchtigen, werden sie sofort im Hangar repariert und frisch mit Farbe gestrichen. Erst danach kommt die Maschine wieder in den Dienst.» An den Triebwerken schaut er, ob nicht jemand möglicherweise einen Schraubenzieher vergessen hat. Noch ein kritischer Blick auf die Bremsen und die Reifen. Alles o.k.

Erstmal schlechte Nachrichten

Zurück im Cockpit warten schlechte Nachrichten auf den Captain. Wegen der vielen Maschinen, die um 7.30 Uhr von Kloten starten wollen, gibt’s einen Stau. Konsequenz: Der Abflug verspätet sich um etwa 15 Minuten. Eine Aussicht, die Thomas Hess nicht wirklich gefällt. Denn er räumt ein: «Diese Verspätung werden wir nicht mehr aufholen können – selbst wenn wir nachher einige Abkürzungen fliegen dürfen.» Auch eine schnellere Fluggeschwindigkeit als die 700 Stundenkilometer Reisegeschwindigkeit würde nicht viel bringen. Der Captain lässt sich aber nicht aus der Ruhe bringen. Einige besänftigende Worte über Funk an die 87 Passagiere. Dann werden endlich die Triebwerke eingeschaltet. Nach dem «Österreicher», einem Airbus, der noch vor dem «Jumbolino» in der Warteschlange ist, geht’s endlich auf die Piste. Bei 210 Stundenkilometern zieht Hess den 38 Tonnen schweren Jet in die Höhe locker ins Azur.

Canale Grande von oben

56 Minuten später dann – die grandiose Silhouette Venedigs von oben. Ozeanriesen, die im Hafen angelegt haben, wirken wie Spielzeugautos. Der Canale Grande wie ein Wurm. Leider zeigt sich der Himmel über der Lagunenstadt uninspiriert regnerisch. Der Captain schaltet den Scheibenwischer ein, dann beginnt der Landeanflug. «Runway wet» heisst es noch auf einem Infozettelchen, den First Officer Lucks ihm zuschiebt. Hess nickt. Er schaltet den Autopilot aus, übernimmt den Steuerknüppel, ruckt mit dem Sitz noch eine Stellung vor. Dann setzt er den Jet butterweich auf die Piste auf. Er ist zufrieden. Die erste Punktlandung an diesem Tag.

Kaum in der Parkposition beginnen schon wieder die Vorbereitungen für den Rückflug. Auftanken. Checkliste. Ein Gang aufs WC. Ein schnelles Gipfeli zwischendurch. Kurz nach elf ist der Jet zurück im viel sonnigeren Zürich. Diesmal auf die Minute genau. «Schön», sagt Hess und lobt seinen First Officer bei dessen Landung. Zeit zum Ausschnaufen bleibt kaum. In gut einer Stunde geht’s weiter nach Frankfurt und zurück. Stress pur. Eigentlich. Thomas Hess lächelt nur: «Ich habe mir als Pilot einen Bubentraum erfüllt und noch keinen einzigen Tag wirklich als Arbeit empfunden.»

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