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Betrugsverdacht: Baarer Treuhänder zieht Konsequenzen

Ein Baarer soll Teil eines internationalen Anlagebetrugs im grossen Stil gewesen sein. Nachdem er anfänglich die Verantwortung von sich wies, stellt er sich jetzt als eigentlich Betrogener dar – und tritt zurück. Deutsche Anwälte zweifeln an seiner Unschuld.
Livio Brandenberg und Christopher Gilb
Das Landgericht Köln hat einen sogenannten Arrestbefehl an die Adresse der Baarer Piccor AG erlassen. (Bild: Oliver Berg/Keystone (20. Februar 2017))

Das Landgericht Köln hat einen sogenannten Arrestbefehl an die Adresse der Baarer Piccor AG erlassen. (Bild: Oliver Berg/Keystone (20. Februar 2017))

Die Vorwürfe waren happig. Der Verdacht des bandenmässigen Anlagebetrugs stand im Raum, als die Zuger Strafverfolgungsbehörden Anfang Februar die Geschäftsräume eines Baarer Treuhänders durchsuchten. Der Durchsuchungsbeschluss kam vom Amtsgericht Tiergarten in Berlin. Inzwischen läuft auch in Zug eine Untersuchung: «Wir können bestätigen, dass bei der Staatsanwaltschaft des Kantons Zug ein Verfahren gegen die Piccor AG hängig ist», sagt Frank Kleiner, Sprecher der Zuger Strafverfolgungsbehörden. Da es sich um ein laufendes Verfahren handle, könne man zum jetzigen Zeitpunkt keine weiteren Informationen geben.

Gemäss den Gerichtsunterlagen aus Deutschland soll der Baarer Treuhänder mit seinen dortigen Partnern ein Schneeballsystem betrieben und Gelder in Höhe von über 80 Millionen Euro veruntreut haben. Geschädigt sein sollen rund 2300 Anleger. Diesen gegenüber hätten die Beschuldigten behauptet, die Gelder gewinnbringend in hochriskante Anlagegeschäfte – sogenannte Dax-Futures – zu investieren, um Renditen von bis zu 30 Prozent zu erwirtschaften. Dafür hätten die Anleger Verträge mit der Baarer Piccor AG unterzeichnet. Ihr Geld, so der Vorwurf, sei dann aber nicht angelegt, sondern im Kreis transferiert worden. Die Piccor AG fungierte gemäss des Berliner Durchsuchungsbeschlusses als Abrechnungsstelle eines deutschen Investment-Unternehmensverbunds.

Als Verwaltungsrat zurückgetreten

Auf die Vorwürfe angesprochen, zeigte sich der Baarer Treuhänder im Februar schockiert: Er sei sich keiner Schuld bewusst. Schuld am fehlenden Geld seien nicht er und seine Partner, sondern eine Treuhandfirma auf Gibraltar, an welche die Piccor AG ein Vermögensverwaltungsmandat vergeben habe. Dann sei der Kontakt abgebrochen und der verantwortliche Mann nicht mehr auffindbar gewesen. Der Baarer und seine Partner sind laut eigenen Angaben sodann nach Gibraltar gereist, um die Person zu suchen, jedoch erfolglos. Deshalb hätten sie in Deutschland Anzeige erstattet und die Ermittlungen überhaupt ins Rollen gebracht. Deutsche Anwälte widersprachen dieser Darstellung.

Vor knapp drei Wochen, am 6. September, ist der Baarer Treuhänder nun als einziger Verwaltungsrat der Piccor AG zurückgetreten. Warum? «Ich bin aus dem Verwaltungsrat ausgeschieden, da ich Grund zur Annahme habe, dass Unrechtmässiges mit der Firma betrieben wurde und ich keine Möglichkeiten habe, diese Handlungen zu kontrollieren und somit die Aufgabe als Verwaltungsrat nicht mehr erfüllen konnte», schreibt er auf Anfrage. Die Frage, weshalb er mit dem Rücktritt bis jetzt gewartet habe, möchte er nicht beantworten, «da die Verfahren hierzu laufen». Sicher sei aber, «dass ich mit Tatsachen konfrontiert worden bin, die mir gänzlich unbekannt waren und deshalb hat mein Vertrauen in die deutsche Eigentümerschaft dermassen gelitten, dass mir nur der Rücktritt blieb».

Mit dem Rücktritt verliert die Piccor AG ihre Handlungsfähigkeit. Laut dem Handelsregister- und Konkursamt Zug kann dieser Organisationsmangel behoben werden, indem eine neue Person berufen wird. Das Amt hat die Firma bereits aufgefordert, dies zu tun, die Frist läuft noch bis Mitte Oktober. Wird die Piccor nicht aktiv, dann stellt das Handelsregisteramt den Antrag an das Kantonsgericht, den Konkurs über die Firma zu eröffnen. Der Treuhänder schreibt auf die Frage, wie es mit der Firma weitergehe, dies werde «nun das Konkursamt entscheiden». Die Piccor AG steht seit Januar 2017 auf der Warnliste der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht Finma.

«Der Baarer Treuhänder hat wohl von Anfang an beide Augen zugedrückt.»
Martin Wolters, Fachanwalt für Bank- und Kapitalrecht aus Düsseldorf

Der deutsche Fachanwalt für Bank- und Kapitalrecht Martin Wolters, der etliche ehemalige Anleger des deutschen Verbundes vertritt, nennt die Erklärung des Baarer Treuhänders für sein Ausscheiden aus der Piccor AG «eigenartig. Er war doch einziger Verwaltungsrat und hatte somit gemäss Aktienrecht Kontroll- und Überwachungsaufgaben. Falls da also etwas Unrechtmässiges betrieben wurde, hat er, weil er es geschehen liess, seine Kontrollpflichten verletzt». Der Verwaltungsrat sei schliesslich für alles, was nachgeordnete Personen und Bevollmächtigte machen, nach aussen verantwortlich. Aber selbst, wenn er die ganze Zeit nichts gewusst habe, so Wolters, hätte er spätestens Ende 2016 vom Betrug wissen können. «Damals wurde der Geschäftsbetrieb angeblich eingestellt und es hiess, Kunden sollten ihre Gelder über eine luxemburgische Firma neu anlegen, für diese wiederum übernahm die Piccor AG Verwaltungsaufgaben», führt der Düsseldorfer Anlegeranwalt aus.

Geld wohl über mehrere Kanäle weitertransferiert

Für Wolters bestätigt sich, was er schon länger vermutet: «Der Baarer Treuhänder hat wohl von Anfang an beide Augen zugedrückt und die deutschen Auftraggeber komplett gewähren lassen.» Weder habe er – wie Ermittlungen der Berliner Staatsanwaltschaft belegen würden – das Einzahlungskonto kontrolliert noch habe er die Berichte über die vermeintlichen Erträge der angelegten Gelder erstellt. «Mindestens nach deutschem Recht würde sich ein Unternehmensführer mit einem solchen Verhalten klar strafbar machen», so Wolters.

Auf einen möglichen Konkurs angesprochen, sagt Wolters, dass bei der Piccor AG vermutlich nicht viel zu holen sei. «Bisher wurden von der Staatsanwaltschaft in Deutschland erst rund 100 000 Euro auf dem Treuhandkonto der Piccor bei der Berliner Volksbank sichergestellt.» Wolters hat im Namen einer seiner Mandanten für das Konto vorsorglich beim Kölner Landgericht wegen «unerlaubter Finanzportfolioverwaltung» einen sogenannten Arrestbefehl erwirkt. Dieser wurde dem Baarer Treuhänder Anfang April via Obergericht des Kantons Zug zugestellt. «Der Arrestbefehl ermöglicht uns beispielsweise, für allfällige Verfahrenskosten zu vollstrecken» – sprich: Geld einzutreiben.

«Ich wurde mit Tatsachen konfrontiert, die mir gänzlich unbekannt waren.»
Beschuldigter Treuhänder aus Baar

Auf die Frage, wo das restliche Geld der Anleger sei, welches über die Piccor AG abgerechnet wurde, sagt Wolters: Nach jetzigem Stand sei dieses wohl über verschiedene Kanäle an andere Firmen weitergeleitet worden, an denen wiederum die deutschen Auftraggeber beteiligt gewesen seien. «Eine ominöse Firma in Gibraltar spielt bei den Ermittlungen jedenfalls bisher nach meinem Wissensstand überhaupt keine Rolle.»

Die Berliner Staatsanwaltschaft führt in dem Verfahren gemäss «Handelsblatt» (Artikel kostenpflichtig) sieben Beschuldigte. Nach Informationen der Zeitung gerate der ehemalige Vertriebschef des Unternehmensbundes, ein 52-Jähriger aus Berlin, immer stärker ins Visier der Ermittler. Der Manager residierte demnach im Souterrain einer Westberliner Villa, von wo aus er den Vertrieb organisierte.

Am Dienstag nächster Woche findet in Berlin gemäss Anwalt Wolters eine Gläubigerversammlung von Anlegern einer anderen Gesellschaft des Firmenverbundes statt. Dies sei ein Anfang, weitere könnten folgen. Und auch in der Schweiz gibt es anscheinend Geschädigte. Wie Wolters bestätigt, habe er eine Anfrage aus der Deutschschweiz erhalten. Die Person habe über 200 000 Euro in die angeblichen Finanzprodukte des deutschen Verbunds investiert.

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