BÄCKERMÖHLI: «Mein Traum ist in Erfüllung gegangen»

Ihr Ziel: möglichst viele Leckereien ergattern. Ihre Mittel: Fangnetze, Hüte, Papiertaschen, Plastiksäcke und eine laute Stimme. Es ist Bäckermöhli in der Stadt Zug, und die rund 150 Kinder - einige bereits im Fasnachtskostüm gekleidet - sind dafür gerüstet.

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Hände hoch und schreien: Mit dieser Taktik füllen die Kinder ihre Taschen mit Leckereien. (Bild Stefan Kaiser/Neue ZZ)

Hände hoch und schreien: Mit dieser Taktik füllen die Kinder ihre Taschen mit Leckereien. (Bild Stefan Kaiser/Neue ZZ)

Schreiend stehen sie beim Fischmarkt und blicken zum Restaurant Aklin hoch. Später die gleiche Szene auf dem Kolinplatz beim Hotel Ochsen. «Bäckermöhli, Bäckermöhli, Bäckermöhli», hallt es durch die Altstadt. Hände recken sich in die Höhe, wenn Mutschli, Würstchen und Orangen zu fliegen kommen. Fällt eine der Gaben auf den Boden, stürzen die Kinder hinterher. Fleissig wird gesammelt. Andere stopfen sich das Ergatterte gleich in den Mund.

Die Mitglieder der Zunft und Bruderschaft der Müller, Bäcker und Zuckerbäcker der Stadt Zug hatten einiges zu tun, um die Begehrlichkeiten zu erfüllen. 1300 Zunftmutschli, 800 Zunftweggli, 2100 Guetzli, 240 Kilogramm Orangen, 30 Kilogramm kleine Würstchen und 500 grosse Wienerli wurden verschenkt. Nicht alle an die schreienden Kinder. Am Morgen hatten die Zünftler die städtischen Kindergärten und die Zunftwitwen besucht.

Aus Unterägeri angereist
«Es ist schon schwierig, etwas zu fangen», sagt Chris Hegglin aus Oberwil. Doch es mache Spass. Er ist zum ersten Mal am Bäckermöhli. Auch seiner Mutter Rita Hegglin gefällts. Eigentlich bräuchte man die Leckereien ja nicht, sagt sie. «Hier wird einem aber bewusst, dass früher die Brötchen und Würstchen verteilt worden sind, weil die Leute diese sonst nicht gehabt hätten.» Frédéric Vogel ist extra aus Unterägeri angereist, um das Spektakel zu erleben. «Meine Schwester war schon öfter hier und hat vom Bäckermöhli geschwärmt.» Deshalb will er unbedingt auch einmal dabei sein.

Kindheitserinnerungen
Aber nicht nur die Kinder freuen sich jeweils auf diesen Tag. Auch die Zunftmitglieder, die auf dem Balkon oder am Fenster stehen und die Geschenke verteilen. «Als Kind war es mein grösster Wunsch, auch einmal auf dem Balkon zu stehen und Brötchen an die Kinder zu verteilen», sagt alt Zunftrat Ivo Staub. «Mein Traum ist in Erfüllung gegangen.» Zeremonienmeister Felix Horber fand das Bäckermöhli schon als Junge «der schönste Brauch der Stadt». Heute geniesst er es, ein altes Brauchtum mit der Bevölkerung zelebrieren zu können. «Es ist schön, die Fröhlichkeit zu sehen», sagt er. Und alt Stadtrat Markus Frigo erinnert sich, wie er früher seine Knickerbockerhosen vollgestopft hat, «bis ich ganz dicke Knie hatte.» Die Kinder von heute nehmen da lieber einen Sack, aber auch der ist nach einer Stunde schon ziemlich ausgebeult.

Yvonne Anliker