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BAHN: Er freut sich über jedes Lächeln

Seit sieben Jahren ist Andy Weber auf den Schienen unterwegs. In dieser Zeit habe sich einiges verändert, findet der Baarer.
Fabian Gubser
Andy Weber an seinem Arbeitsplatz im Führerstand. (Bild: Fabian Gubser (10. Oktober 2016))

Andy Weber an seinem Arbeitsplatz im Führerstand. (Bild: Fabian Gubser (10. Oktober 2016))

Er ist pünktlich. Zielstrebig geht Andy Weber auf das leere Gleis vier am Hauptbahnhof Zürich zu. Der 38-Jährige weiss genau, auf welcher Höhe seine Zugkomposition hält. Wenige Augenblicke später bereitet sich der gut gelaunte Baarer im geräumigen Führerstand auf die 34-minütige Fahrt nach Zug vor. Er testet die Bremsen, richtet die Seitenspiegel und verstellt seinen Sitz leicht nach hinten. Nachdem die Türen verriegelt sind, schiebt er einen kleinen Hebel nach vorne. Das 100-Meter-Gefährt reagiert sofort und setzt sich mühelos in Bewegung.

Entgegenkommende Züge grüsst Weber mit dem gleichen Handzeichen, das auch Busfahrer verwenden. Sein wichtigstes Arbeitsgerät sieht aus wie ein überdimensioniertes Navigationsgerät, ist in Wirklichkeit aber ein iPad. Darauf sieht der Lokführer, dass heute zwischen Horgen und Thalwil gebaut wird. Das heisst: Geschwindigkeit drosseln, bevor er später im Tunnel vor Baar auf Autobahntempo beschleunigt.

Gewitter über dem Zugersee

Weber schwärmt von seinem Beruf, von der Verantwortung, vom Sinn seines Jobs und von der umwerfenden Aussicht an seinem Arbeitsplatz. Er erinnert sich, als er einmal bei schönem Wetter auf eine mächtige Gewitterfront über dem Zugersee zusteuerte. «Unglaublich so was.» Der Job hat aber auch seine Schattenseiten. «Ich wollte es nicht glauben, aber es hat auch mich getroffen», sagt Weber. Durch das Arbeiten in Schichten während je sechs Tagen hat er enge Freunde verloren. Zudem stecke er gewisse Anfeindungen durch Passagiere nicht immer leicht weg. «Es wäre toll, wenn man darauf verzichten könnte.» Schliesslich seien gerade Verspätungen meistens nicht durch den Lokführer verschuldet. Im Gegenteil: Durch das Blockieren von Türen seien die Passagiere teilweise selbst der Grund für Verzögerungen. Das Aufholen von Verspätungen sei nicht möglich, denn Zeitreserven gebe es im dichten Fahrplan praktisch keine.

Stress macht dem gelernten Automechaniker aber nichts aus. Seit sieben Jahren steuert er Interregio-Züge, die Stadtbahn Zug und S-Bahnen von Luzern bis Winterthur. Dabei verbringt der Lokführer die meiste Zeit sitzend. Früher musste der Zug aus dem Depot geholt und Fahrzeuge an- und abgekoppelt werden. Diese Aufgaben übernehmen heute vermehrt Rangierarbeiter. Auch das Ansehen habe sich verändert. Weber spricht über einen Kollegen, der wegen einer Verspätung tätlich angegriffen worden ist und heute einen anderen Beruf ausübt. Trotzdem bleibt das Interesse gross: Einmal fragte Weber ein Kind, ob es in den Führerstand hineinschauen möchte. Es verneinte, worauf aber der Vater intervenierte und die Einladung freudig annahm.

Gesellige Einsamkeit

Ausführlich erklärt Weber die dreieckigen Signale, im Jargon «Zwerge» genannt. Obwohl Weber kommunikativ wirkt, empfindet er seine Arbeit, allein im Führerstand, nicht als einsam. Oft sucht er den Kontakt zu seinen Fahrgästen. Der bis jetzt beste Moment seiner Karriere? Neben dem originellen Hochzeitsantrag an seine heutige Frau per Lautsprecherdurchsage erinnert sich Weber an einen Bekannten, der ihm vom Perron heissen Kaffee in den Führerstand reichte.

Heute winkt auf dem Bahnsteig die ablösende Lokführerin, als die S 24 rechtzeitig in Zug einfährt. Weber bremst sorgfältig ab. Wie bei einem E-Bike funktionieren die Motoren kurzzeitig als «Dynamo», um Energie zurückzugewinnen. Webers Schicht, die um 6 Uhr begonnen hatte, ist zu Ende. Auf die Frage, ob er den Pendlern aus Zug noch etwas sagen möchte, antwortet Weber locker: «Ich freue mich über jedes Lächeln.»

Fabian Gubser

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