Baugesuch
Ein Massageclub in Baar muss nur noch eine Hürde nehmen

Das Sexgewerbe im Kanton Zug wagt sich immer mehr aus der schwarzen Ecke. Im Baarer Gewerbegebiet an der Altgasse reparieren Fachleute weiterhin Autos. Am Abend herrscht dann im ersten Stock oberhalb der Garage Reichlin aus einem anderen Grund eine gelöste Atmosphäre.

Marco Morosoli
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Noch in den 1990er-Jahren war der Kanton Zug ein Hort der Sittenstrenge. Einen Sexklub oder ein Freudenhaus existierte – offiziell – innerhalb der Zuger Kantonsgrenzen nicht. Wer diesbezüglich Abwechslung suchte, musste jedoch nicht weit fahren. Wie eine Perlenschnur umgarnten diese Lokalitäten die Gemarkungen Zugs. Seither hat sich einiges bewegt, denn seit Christian Gärnter im Norden der Stadt Zug einen Sexklub öffentlich machte, ist das Eis gebrochen.

Derzeit und noch bis am 3. März liegt auf der Gemeindeverwaltung am Rathausplatz in Baar ein nachträgliches Baugesuch auf. Bereits auf dem Deckblatt der Dokumentenmappe erfährt der Nutzer, wie es künftig an der Altgasse 52 in Baar zur Sache geht: «Umnutzung von Gewerbeflächen in Sexgewerbebetrieb.» Der Umbau ist dabei, so ist den Bauunterlagen zu entnehmen, bereits erfolgt. Hinterher eine Bewilligung zu verlangen, für etwas, das schon existiert, kann ab und an böse enden. Doch in diesem Fall scheint diese Nachlässigkeit zu keiner Sanktion zu führen. Dies deshalb, weil der Baarer Gemeinderat und Bauchef Jost Arnold verkündet hat:

«Gegen das Baugesuch sind bis am 25. Februar 2021 keine Baugesuche eingegangen.»

Ob es so bleibt? Fakt ist, dass noch drei Arbeitstage für eine Einsprache bleiben.

Der Betreiber des Massagesalons hält sich noch bedeckt

Die Gewerbebauten in diesem Teil von Baar gehören vielfach der Korporation Baar-Dorf. Diese wiederum hat sie im Baurecht abgetreten. Im genannten Fall der Garage-Reichlin AG. Diese amtet in dieser Sache auch als der Kontakt nach draussen. Wer letztendlich diese Vergnügungsstätte betreibt, geht aus den öffentlich aufgelegten Dokumenten nicht hervor. Bekannt ist nur, dass es in der 160 Quadratmeter grossen Gewerbefläche drei Massagezimmer gibt. Das Eckzimmer ist ein wenig grösser als die anderen zwei Räume. Deshalb dürfte diese wohl als Suite buchbar sein.

«Das besagte Grundstück gehört der Korporation Baar-Dorf. Wir haben es im Baurecht für 70 Jahre abgegeben», sagt der Korporationspräsident und Geschäftsführer der Korporation Baar-Dorf Walter W. Andermatt. Der Korporationsverantwortliche ergänzt seine Ausführungen noch: «Der Baurechtnehmer ist berechtigt auf dem baurechtsbelasteten Grundstück nach Massgabe der einschlägigen Gesetzesbestimmungen sowie der einzuholenden Baubewilligung Gebäude und dazu gehörige Anlagen und Einrichtungen zu erstellen und zu nutzen. In unseren Baurechtsverträgen steht, dass unsittliche Tätigkeiten untersagt sind. Was als sittenwidrig gilt, entscheiden aber nicht wir.»

Zum Thema Sittenwidrigkeit gebe es neben zwei kantonalen Gerichtsentscheiden, so Andermatt, eine sehr aktuelle Rechtsprechung des Bundesgerichts. Wie aus einem Bundesgerichtsurteil vom 8. Januar 2021 hervorgeht, welches am 4. Februar 2021 publik wurde (6B_572/2020). Die Lausanner Richter bestätigten die Betrugsverurteilung eines Mannes, der eine Frau um das vereinbarte Entgelt für die von ihr erbrachten sexuellen Leistungen geprellt hat. Ihr Anspruch auf Entschädigung ist strafrechtlich zu schützen, da der Prostitutionsvertrag unter diesem Aspekt nicht mehr als sittenwidrig gelten kann. Damit folgen die Bundesrichter einer Praxis, welche auf unterer Stufe schon durchgespielt wurde.

Nicht der erste Betrieb mit Erotik in der Gemeinde Baar

Die bis jetzt noch namenlose Wohnung erotischer Freuden ist übrigens nicht die erste Firma, welche im Gebiet der Baarer Altgasse ihr Geld mit Erotik im weitesten Sinne macht. Eine andere gab es schon, ihr Name lautete seit 2007 tmc Content Group. Gemäss Website ist die Gesellschaft «ein auf den Erotikfilm-Lizenzhandel spezialisiertes international tätiges Medienunternehmen». Unter anderem gehören Beate-Uhse TV, Lust pur und private TV-Sender zu ihrer Plattform, deren Inhalte auf verschiedenen Kanälen vertrieben werden. Mittlerweile ist die tmc Content Group allerdings nach Zug weitergezogen.