BILDUNG: Elf Bauern werden zur landwirtschaftlichen Alleskönnern

Die ersten Agrotechniker HF haben in Cham ihre Ausbildung abgeschlossen. Vorher waren sie Bauern, jetzt stehen sie Bauern zur Seite.

Christian Volken
Drucken
Teilen
Die gelernte Bäuerin Corinne Holenstein ist nach zwei Jahren Ausbildung Agrotechnikerin HF. (Bild: Maria Schmid / Neue ZZ)

Die gelernte Bäuerin Corinne Holenstein ist nach zwei Jahren Ausbildung Agrotechnikerin HF. (Bild: Maria Schmid / Neue ZZ)

Die kleine Schule in Cham bietet Grosses an: Ende Juni haben am Landwirtschaftlichen Bildungs- und Beratungszentrum (LBBZ) Schluechthof die ersten Agrotechniker die Höhere Fachschule abgeschlossen. Dass von den elf Absolventen nur einer aus dem Kanton Zug stammt, macht vorerst stutzig, ist aber leicht erklärt: Der Schluechthof bietet die Ausbildung zum Agrotechniker HF für die ganze Zentralschweiz an.

«Für mich ist die jetzige Diplomierung der ersten Agrotechniker aus unserer Schule ein wichtiger Meilenstein», freut sich Martin Pfister, Rektor der Bildungseinrichtung. Nach all den Vorbereitungen sehe man jetzt, dass der Motor des Ausbildungsgangs tatsächlich laufe.

«Ein Ordner – ist das alles?»

Agrotechniker HF – das war die Lösung, als man im LBBZ nach einer Ergänzung für die Schule suchte. Für eine eigene Höhere Fachschule wäre der Kanton Zug zwar zu klein. Doch in Zusammenarbeit mit dem Landwirtschaftlichen Bildungs- und Beratungszentrum Kanton Luzern, das auch in der Grundausbildung für Bauern Schulpartner ist, kam eine überregionale Lösung zu Stande.

«Der Regierungsrat fand die Idee gut, und der Kantonsrat auch – und zwar einstimmig», erinnert sich Martin Pfister an die Abstimmung über die entsprechende Gesetzesänderung. Mit dem grünen Licht des Kantons begann das Prozedere der Konzeptionierung und der eidgenössischen Anerkennung als Höhere Fachschule.

Einen kleinen Schreckensmoment erlebte Martin Pfister, als er das Gesuch bei der zuständigen Stelle deponierte. Den Ordner, der alles rund um den neuen Ausbildungsgang dokumentierte, nahm man mit dem Kommentar entgegen: «Ist das schon alles?» Ja, das war alles, und es reichte. Heute ist das LLBZ Schluechthof eines von vier Ausbildungsstätten für Agrotechniker in der Schweiz. Insgesamt werden in der Schweiz pro Jahr landesweit rund 150 entsprechende HF-Diplome ausgestellt. Und der Bedarf ist stark wachsend, wenn man der Analyse der Regierung glauben darf.

Wer Agrotechniker werden will, muss bereits Bauer, genauer Landwirt mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ), sein. Viele der ersten HF-Absolventen in Cham sind auf einem heimischen Bauernhof aufgewachsen. Auf das bäuerliche Wissen bauen Unterrichtseinheiten für Produktion und Landtechnik. Es wird betriebswirtschaftliches und unternehmerisches Wissen vermittelt, aber auch Einsichten in die Volkswirtschaft, in die Agrarpolitik und in rechtliche Belange. Zudem wird Allgemeinbildung grossgeschrieben: Informatik, Mathematik, Korrespondenz, persönliche und methodische Kompetenzen und – daran kommt man heute kaum vorbei – Englisch.

Ein Agrotechniker ist befähigt, einen grossen Landwirtschaftsbetrieb zu führen. Er kann aber auch im vor- oder nachgelagerten Bereich tätig sein, in der Beratung für Bauern, etwa bei Investitionen, die für einen Betrieb schnell einmal wesentlich sein können.

Agrotechniker haben auch bei den Einkäufern und Vermarktern von landwirtschaftlichen Produkten eine gute Chance. «Viele arbeiten nach der Ausbildung bei der Fenaco-Landi-Gruppe», sagt Martin Pfister. Auch beim Berufsverband oder in den Landwirtschaftsämtern sind die Kompetenzen des Agrotechnikers gefragt.

«Gelernt, innovativ zu sein»

Dreizehn Jungbauern und Jungbäuerinnen sind im August 2011 zur zweijährigen Ausbildung angetreten. Elf von ihnen haben Ende Juni die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen, die beiden anderen können gewisse Inhalte nochmals aufarbeiten und prüfen lassen.

Unter den erfolgreichen Agrotechnikern HF ist auch Adrian Bucheli aus Ruswil. Der Höheren Fachschule sagt er eine grosse Zukunft voraus: «Die Studenten erlangen ein breiteres Wissen. Sie kennen sich in verschiedenen Bereichen der Landwirtschaft aus und nicht nur im eigenen Betrieb.» Er ist überzeugt, dass ihm dieses Wissen helfen wird, wenn er später den Betrieb der Eltern übernehmen will. Die einzige Frau des Ausbildungsgangs ist Corinne Holenstein. «Ich kann jetzt auch in anderen Branchen arbeiten, nicht ausschliesslich auf dem Bauernhof. Wir haben in unserem Studium gelernt, innovativ zu sein. Diese Fähigkeit muss man heutzutage in der Landwirtschaft mitbringen.»