BILDUNG: Matthias Michel: «Lange Zeit waren Lese-und Schreibprobleme ein unterschätztes Thema»

Heute ist der Welttag der Alphabetisierung, auch jeder Zehnte in der Schweiz hat Lese- oder Schreibprobleme. Die Regierungsräte Stephan Schleiss und Matthias Michel zur Kampagne «Einfach besser!» zur Förderung der Grundkompetenzen.

Christopher Gilb
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Matthias Michel (links) und Stephan Schleiss beim Interview in der Zuger Bildungsdirektion. (Bild: Patrick Hürlimann (Zug, 6. September 2017))

Matthias Michel (links) und Stephan Schleiss beim Interview in der Zuger Bildungsdirektion. (Bild: Patrick Hürlimann (Zug, 6. September 2017))

Interview: Christopher Gilb

christopher.gilb@zugerzeitung.ch

Die heute gestartete Kampagne «Einfach besser!» (siehe Box) soll Menschen mit fehlenden Grundkenntnissen ansprechen, diese können schlecht lesen oder schreiben, haben Probleme beim Prozentrechnen oder bei einfachen IT-Anwendungen. Involviert in die Umsetzung im Kanton Zug sind Bildungsdi­rektor Stephan Schleiss und Volkswirtschaftsdirektor Matthias Michel.

 

Machen wir doch die Probe aufs Exempel, Stephan Schleiss. Auf eine Cervelat für 2.50 und ein Brot für 1.50 Franken erhalten Sie 20 Prozent Rabatt. Wie viel bezahlen Sie?

Stephan Schleiss: 3.20 Franken (antwortet er prompt). Aber es gibt Leute, die das im Alltag nicht im Kopf rechnen können. Viele Personen in der Schweiz – laut einer Studie 400000 – haben mangelnde Grundkenntnisse in Mathematik.

Matthias Michel: Es ist gut, dass Sie ein Rechenbeispiel machen, denn es geht nicht nur um die Behebung von Illetrismus, also mangelnden Lese- oder Schreibkenntnissen, sondern auch um die Förderung von Rechenfertigkeiten und vermehrt auch um digitale Kenntnisse. Etwa um die Frage, wie man ein Billett am Handy oder Automaten löst.

Wer mit seinem Handy umgehen kann, muss doch selbst nicht mehr rechnen können?

Michel: Als Volkswirtschaftsdirektor kann ich klar sagen, dass die Anforderungen für Berufe zunehmen; also nur eine Bildsprache zu verstehen, reicht da bei weitem mehr. Man muss komplizierte Abläufe nachvollziehen und weitergeben können. Als Anwendungshilfe ist ein Handy aber legitim.

Sie reden von einer immer komplizierteren Berufswelt. In diesem Kontext wird oft vom Fachkräftemangel gesprochen. Hat man es verpasst, auch vom Lese- und Schreibmangel zu sprechen?

Schleiss: Es ist ja nicht so, dass der Grossteil der von der Kampagne angesprochenen Personen nicht lesen oder schreiben kann, nur haben es viele von ihnen nicht mehr praktiziert oder hatten früher schon eher Schwächen und sind nicht am Thema drangeblieben. Diese Menschen mogeln sich oft in der Berufswelt durch. Doch die Berufe werden immer technischer und komplizierter, so besteht die Gefahr, dass sie vermehrt aus dem Markt verdrängt werden.

Michel: Und lange Zeit war das auch ein unterschätztes Thema. Nicht zuletzt, weil es den Betroffenen peinlich ist und es somit tabuisiert wird. Auch eine repräsentative Umfrage aus dem Jahr 2015 ergab, dass zwei Drittel der Teilnehmer das Problem deutlich unterschätzen. Demgegenüber steht aber die Zahl von schweizweit 800 000 Betroffenen im Raum. Ich habe letztens den Film «Der Vorleser» gesehen, der geht wirklich unter die Haut (Michel hält das Cover der Buchvorlage von Bernhard Schlink hoch). Verkürzt gesagt: Eine ehemalige KZ-Aufseherin gibt vor Gericht unter Druck Verbrechen zu, die sie nicht getan haben kann, weil sie Analphabetin ist. Auch sie hat sich immer durchgemogelt und sich vorlesen lassen. Doch ihr Freund hat sie durchschaut.

Es soll also sensibilisiert werden?

Michel: Genau, es geht nicht primär dar­um, mehr Kursangebote zu schaffen, sondern darum, darauf aufmerksam zu machen, dass es dieses Problem gibt. Auch ich bin erst aufgrund der Bro­schüre auf die Idee gekommen, dass jemand, den ich kenne, Nachholbedarf bei den Grundkenntnissen haben könnte. So kann jemand auf die Angebote aufmerksam gemacht und von seinem Umfeld, auch dem beruflichen, ermutigt werden. Ich habe gelesen, dass nicht einmal ein Prozent der Betroffenen auch die vorhandenen Angebote in Anspruch nimmt.

Schleiss: Wir wollen Nachfrage erzeugen, denn die Kurse in diesen Bereichen sind in unserer Region eher zu schlecht besucht als ausgelastet. Die Broschüren werden deshalb in erster Linie bei kantonalen oder gemeindlichen Stellen aufliegen, da die Mitarbeiter dort oft nahe dran sind und Kontakt herstellen können. Aber auch über den Gewerbeverband wird auf das Thema aufmerksam gemacht, zudem läuft noch die nationale Kampagne über Plakate und Anzeigen. Ich finde die Kampagne zudem gut gestaltet, sie hat mit «Einfach besser!» eine positive Grundaussage. Eine, die den Betroffenen Scham nehmen kann.

Gibt es für jeden Bereich genügend Kurse, und wie erfahre ich, wo diese stattfinden?

Schleiss: Ja es gibt etliche Kurse in der Region. Einige davon direkt im Kanton Zug, einige in den Nachbarkantonen. Erfahren, wo es diese gibt, kann man beispielsweise über die Homepage der Kampagne. Und falls sich jetzt wirklich ein Viertel der potenziell 10000 Personen im Kanton Zug mit Lese- und Schreibproblemen entschliesst, einen Kurs zu besuchen, wird das Angebot natürlich hochgefahren.

Sie haben von den betroffenen Personen im Kanton Zug gesprochen. Es gibt aber keine Erhebung, wie viel es hier wirklich sind. Wird da leichtfertig Geld ausgegeben?

Schleiss: Dadurch, dass wir die Kampagne gemeinsam im Rahmen der Metropolitankonferenz Zürich umsetzten, verteilen sich die Kosten auch entsprechend, sodass sich diese für uns lediglich auf einen vierstelligen Betrag belaufen. Es ist zudem gut möglich, dass es aufgrund des hochstehenden Bildungsangebots etwas weniger betroffene Per­sonen im Kanton Zug bezogen auf die ­Bevölkerungsanzahl als in anderen Kantonen gibt, aber es gibt sie sicherlich auch hier.

Michel: Ich halte dies für eine sehr gute Investition. Der Anteil der Leseschwachen an den arbeitslosen Personen beträgt schweizweit gemäss Erhebungen rund 36 Prozent. Das Risiko, arbeitslos zu werden, ist bei Personen mit fehlenden Grundkompetenzen also höher. Die Behebung von Schwächen lohnt sich also aus volkswirtschaftlicher Sicht sehr.

Die Kurse, die angeboten werden, kosten Zeit. Zeit, die eine betroffene Person möglicherweise von ihrem Arbeitgeber nicht erhält.

Schleiss: Aus Arbeitgebersicht fallen mir etliche Gründe ein, wieso ich ein Interesse daran haben soll, dass fehlende Grundkenntnisse bei meinen Angestellten behoben werden. Wenn ein Elektriker beispielsweise nicht alle Sicherheitshinweise lesen kann, ist das ein Risiko. Zudem haben Lehrbetriebe heute oft Nachwuchsschwierigkeiten. Sie müssen also dafür sorgen, dass auch ihre älteren Angestellten mithalten können.

Es sind also eher Ältere betroffen?

Schleiss: Wahrscheinlich schon eher. Es gibt es sicher auch in der heutigen Zeit, dass jemand nach der obligatorischen Schulzeit noch deutliche Defizite aufweist. Da es aber heutzutage immer schwieriger ist, ungelernt in die Arbeitswelt einzusteigen, bleibt man etwa im Rahmen der Lehre eher am Thema dran.

Der Bund gewährt Finanzhilfen zur Förderung der Grundkompetenzen, wieso sind die Zentralschweizer Kantone, auch Zug, keine Leistungsvereinbarung eingegangen?

Schleiss: Da diese der Förderung des Angebots dienen. Wir haben uns angeschaut, ob es an diesem fehlt, und das ist nicht der Fall. Es fehlt eher an der Nachfrage. Ausserdem bezahlt der Bund die Kurse nicht, sondern beteiligt sich nur. Die Hälfte müssten also trotzdem wir bezahlen.