BILDUNG: Mundartinitiative: Volk hat das letzte Wort

Der Kantonsrat stellt sich nach wie vor gegen die Mundartinitiative der SVP. Das letzte Wort wird aber das Volk im September haben.

Samantha Taylor
Drucken
Teilen
Der Zuger Kantonsrat während einer Sitzung im Januar 2012. (Bild: Christof Borner-Keller/Neue ZZ)

Der Zuger Kantonsrat während einer Sitzung im Januar 2012. (Bild: Christof Borner-Keller/Neue ZZ)

Nach einer intensiven und emotionalen ersten Debatte war die Diskussion zur Mundartinitiative der SVP gestern kurz und bündig. Die Positionen waren bereits im Vorfeld gemacht, und auch in der Diskussion rückten die Parteien nicht davon ab. Kurz zusammengefasst hiess es gestern – alle gegen die SVP.

Etwas konkreter: Die SVP hält an ihrer Gesetzesinitiative «Ja zu Mundart» fest. Diese sieht vor, dass die Standardsprache – also Hochdeutsch – aus dem Kindergarten verbannt wird. Mundart soll auch als Unterrichtssprache festgesetzt werden. Ausserdem fordert die SVP, dass in der Primarschule die Fächer Musik, Bildnerisches Gestalten, Handwerkliches Gestalten und Sport in Mundart unterrichtet werden. Das soll im Schulgesetz festgeschrieben werden. Alle anderen Fraktionen lehnten die Initiative bereits in der ersten Lesung im Oktober deutlich ab (56 zu 18 Stimmen). Inzwischen wurde von den Fraktionen Alternativen-die Grünen, CVP und SP sowie von den Mitgliedern der GLP und den FDP-Mitgliedern Peter Letter (Oberägeri), Karen Umbach (Zug), Thomas Gander (Cham), Beat Unternährer (Hünenberg) und Daniel Stuber (Risch) ein Gegenvorschlag eingereicht. Dieser will, dass im Kindergarten «grundsätzlich Mundart» und in der Primar- und Sekundarstufe «grundsätzlich Standardsprache» gesprochen wird. Damit soll das Nebeneinander von Mundart und Standardsprache gefestigt und so der Status quo des Kantons Zug im Gesetz verankert werden.

Mehrheit hinter Gegenvorschlag

«Der Anspruch, unsere Mundart zu pflegen und zu schützen, ist für sämtliche Parteien unbestritten», sagte Anna Bieri (CVP, Hünenberg) im Namen der Antragssteller. Allerdings weise die Initiative der SVP erhebliche Mängel auf, die für die beabsichtigte Mundartförderung kontraproduktiv wären. «Ausserdem sind wir Antragsteller uns eigentlich einig, dass ein solches Anliegen eigentlich nicht ins Gesetz gehört.» Man sei aber bereit, mit dem Gegenvorschlag Hand zu bieten für einen weitsichtigen Kompromiss – das sei quasi «de Foifer und s Weggli». Der Gegenvorschlag sollte auf breite Unterstützung stossen. So stellte sich einerseits die Bildungskommission dahinter. Andererseits die Mehrheit der Fraktionen.

Als «wesentlicher Teil unserer Identität» bezeichnete Peter Letter im Namen der FDP-Fraktion die Mundart. Dem wolle man Rechnung tragen. «Eine grundsätzliche Mundartpflicht weist aber in die falsche Richtung. Wir wollen keine rückwärtsgerichtete Bildungspolitik.»

SP-Sprecher Zari Dzaferi (Baar) betonte, dass die SVP mit der Initiative zwar ein wichtiges und gleichzeitig emotionales Anliegen aufgenommen habe. «Die Mundart soll auch Teil der Unterrichtssprache ausmachen», so Dzaferi weiter. Allerdings seien sowohl die SP wie auch die anderen Fraktionen für ein flexibles Nebeneinander zwischen Mundart und Standardsprache in der Schule.

Rita Hofer (ALG, Hünenberg), selbst Fachlehrerin für Textiles Gestalten und Hauswirtschaft, ärgerte sich darüber, dass im Bereich der Bildung «alle alles wissen» und plötzlich alle Fachleute seien. Mit der Initiative der SVP könnten Lehrpersonen ihre Eigenverantwortung im Sprachgebrauch der Mundart und Standardsprache nicht mehr wahrnehmen. Eine Volksabstimmung werde sicherlich zu einer sehr emotionalen Angelegenheit und die Bevölkerung verunsichern. «Es wird der Sache nicht dienlich sein», so Hofers Fazit.

Initiative «ernst genommen»

Von einem Rückzug der Initiative wollte hingegen die SVP-Fraktion hingegen nichts wissen. Selbstverständlich halte man an der Initiative fest, sagte Fraktionssprecher Beat Sieber (Cham). «Wir begnügen uns damit festzustellen, dass die Initiative offenbar so ernst genommen wurde, dass sich namhafte Exponenten verschiedener Parteien bemüssigt gefühlt haben, einen Gegenvorschlag einzureichen.» Es sei nun am Stimmbürger, darüber zu entscheiden, welche Version seinem Verständnis von Bildungsfreundlichkeit entspreche. Sieber: «Wir sind gespannt, wie sich der ‹Experte› Volk entscheidet.»

Der Rat lehnte die Initiative «Ja zu Mundart» in der Schlussabstimmung mit 51 zu 16 Stimmen ab und sprach sich mit 50 zu 17 Stimmen für den Gegenvorschlag aus. Das Volk wird voraussichtlich im September an der Urne über die Initiative befinden.

Samantha Taylor