Blockchain-Experte: «Die Entwicklung geht gerade erst los»

Softwareentwickler und Krypto-Experte Sebastian Bürgel hat den Zuger Verwaltungsangestellten die Blockchain erklärt. Im Interview erzählt er, wie das ablief – und was die Blockchain mit Lederschuhen und Marmorbauten zu tun hat.

Interview: Livio Brandenberg und Harry Ziegler
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Wie funktioniert die Blockchain? Wann kann der Normalsterbliche von der Technologie profitieren? Und warum ist gerade Zug für Blockchain-Unternehmen attraktiv? Der Mitgründer und Chief Technology Officer (CTO, Technischer Direktor) der in Zug domizilierten Validity Labs, Sebastian Bürgel (33) beantwortet Fragen zur neuen Technologie. Bürgels Firma ist in der Softwareentwicklung im Blockchain-Bereich tätig.

Sebastian Bürgel, für Normalsterbliche erklärt: Was ist die Blockchain?

Wir haben über Jahrhunderte Institutionen aufgebaut, die Vertrauen schaffen, das sonst nicht gegeben wäre: Banken verwahren Gelder, die wir nicht jedem anvertrauen würden; Versicherungen schützen uns vor Schäden, die wir selbst nicht tragen wollen; soziale Netze verwalten unsere Kontakte und intimen Geheimnisse. Als Vertrauensbeweis sehen wir gerne pompöse Marmorbauten von Banken und Mitarbeiter mit Lederschuhen und dunklen Anzügen. Computernetzwerke, die innerhalb einer Blockchain miteinander kommunizieren, bieten eine neue Form des Vertrauens: Die Bitcoin-Blockchain ermöglicht die Verwaltung von Milliarden Dollars ohne jegliche Banken, Firmenanteile werden über die Ethereum-Blockchain ohne zentrale Handelsplätze handelbar gemacht, Schäden können komplett automatisch versichert werden, und soziale Netze können nun die Daten beim Nutzer belassen, anstatt sie an zentrale Datenkraken weiterzureichen.

Und was bringt das den Nutzern?

Dadurch können nun junge Firmen auf bisher nicht vorstellbare Weise mit grossen Finanzinstitutionen, Versicherungen und Handelsplätzen konkurrieren. Blockchain-basierte Computernetze ermöglichen also Systeme, die ohne zentrale und korrumpierbare Kontrollpartei auskommen, was bisher kaum möglich war.

Wie funktioniert das System im Detail?

Blockchain ist ein Versuch, neue vertrauensbildende Grundlagen zu schaffen, die nicht darauf basieren, teure Steine in die Innenstädte oder tote Tiere an den Füssen zu tragen. Der Vertrauensbeweis basiert vielmehr auf Errungenschaften der Mathematik und Computerwissenschaften. Wenn wir zum Beispiel einen Bitcoin an die Verwaltung der Stadt Zug überweisen (das ist etwas viel, ein Bitcoin kostet heute über 6000 Franken), dann beweisen wir dem Empfänger, dass wir über dieses Geld verfügen können.

Wie wird ein solcher Zahlungsbeweis denn konkret sichtbar?

Dieser Beweis besteht aus einer Signatur mit einem privaten Schlüssel, der – analog zu der Unterschrift mit Tinte – den Übertrag von Bitcoin unterzeichnet. Diese unterschriebene Transaktion wird nun dem gesamten Computernetzwerk mitgeteilt und daraufhin in einen Block von Transaktionen eingearbeitet. Der Name Blockchain ergibt sich daraus, dass diese Blöcke der Reihe nach verkettet sind. Diese Verkettung verhindert, dass Transaktionen im Nachhinein abgeändert werden können. Man kann also seine Transaktion nicht einfach zurücknehmen. Andererseits ermöglicht die Verkettung eine einfache Überprüfung des Konsenses: Haben alle Computer in dem Netzwerk wirklich den gleichen Kontostand aller beteiligten Parteien korrekt abgebildet? Ein Konsensmechanismus ermöglicht, dass die Spielregeln der Blockchain von allen Parteien gleichermassen eingehalten werden.

Und wer kontrolliert die ganze Transaktion?

Kryptogeld kann zum Beispiel nicht einfach aus dem Nichts entstehen. Dies entspricht etwa einem Kartenspiel: Es gibt unter den Mitspielern keine zentrale Kontrollinstitution, es ist aber für alle einfach zu überprüfen, ob jemand geschummelt hat.

Sebastian Bürgel. (Bild: PD)

Sebastian Bürgel. (Bild: PD)

Zur Person

Sebastian Bürgel (33) ist CTO und Co-Gründer von Validity Labs in Zug. Er ist international anerkannter Blockchain-Experte. Bürgel hat an der ETH Zürich in Bio-Engineering doktoriert und hält regelmässig Referate zum Thema Blockchain auf der ganzen Welt.

Sie haben die Zuger Verwaltungsangestellten beraten und ihnen zu Beginn die Blockchain erklärt. Wie lief das ab?

Validity Labs ist als erste Firma seit etwa drei Jahren in der Ausbildung im Bereich Blockchain tätig, und so haben wir uns über die Anfrage, neben Firmen und Studenten nun auch Verwaltungsangestellte zu schulen, gefreut. Zunächst haben wir in einem Gedankenexperiment den Unterschied zwischen einer zentral verwalteten Excel-Tabelle und einer dezentralen Blockchain analysiert. Wir haben uns dann Smart Contracts, also Blockchain-basierten und vertragsähnlichen Computerprogrammen, gewidmet.

Mit Zuger Bezug?

Ja, denn viele der weltweit ersten Anwendungsfälle von Blockchain-Anwendungen sind in Zug zu Hause, und einige davon haben wir im Detail angesehen: Etherisc, die erste dezentrale Versicherung und ihr erstes funktionsfähiges Produkt einer komplett automatischen Flugverspätungsversicherung, oder Melonport, welche die Verwaltung von Hedge-Funds transparent und dezentral ermöglicht. Von aktueller Bedeutung war auch das Verständnis von Initial Coin Offerings (ICO), einer Blockchain-basierten Finanzierungsform, über die viele Start-ups Millionen Dollars einsammeln konnten. Andererseits gab es auch bodenständige Themen wie die Kapitalerhöhung einer Gesellschaft über Kryptogelder – und ohne jegliche Banken! –, die Validity Labs, unterstützt von der Anwaltskanzlei Wenger & Vieli, erstmals selbst durchgeführt hat.

Wie schwierig es ist, dieses komplexe System einem Nichtprogrammierer oder einem Normalsterblichen näherzubringen? Wie lange dauert eine gründliche Einführung?

Es ist wichtig, ganz konkrete Anwendungsfälle durchzuspielen und einmal selbst mit Kryptogeldern zu experimentieren. Es geht nicht darum, alle mathematischen Zusammenhänge selbst berechnen zu können, sondern eher darum, die wichtigsten Kernkonzepte zu verstehen. Wir setzen dabei nicht nur auf Theorie, sondern vermehrt auf ein praktisches Verständnis. Unsere Kursteilnehmer sollen alle mit Kryptogeldern selbst gearbeitet haben, selbst einen privaten Schlüssel halten, um damit ein Gefühl dafür zu bekommen, was es bedeutet, das erste eigene Geld zu besitzen, das einem von niemandem genommen werden kann. Dazu gehört auch die Verantwortung, alles verlieren zu können, etwa wenn man seinen Schlüssel verloren und nicht gesichert hat.

«Es ist wichtig, ganz konkrete Anwendungsfälle durchzuspielen und einmal selbst mit Kryptogeldern zu experimentieren.»

Sie setzten also auf praktische Übungen?

Velofahren lernt man nicht durch Tour-de-France schauen, sondern durch Velo fahren – auch wenn das am Anfang manchmal wehtut. Mit dem Ansatz kann man in einem halben oder ganzen Tag schon ein Verständnis erreichen, um selbst Entscheidungen zu treffen, zu sehen, wo Blockchain Sinn macht und auch, wo es wohl doch eher ein PR-Stunt war.

Welche Fragen kamen bei der Verwaltung am häufigsten auf?

Insbesondere die konkreten Anwendungsfälle stiessen auf viel Interesse und wurden intensiv diskutiert. Auch wenn vieles noch etwas holprig läuft, ist es immer wieder erstaunlich zu sehen, was nach nicht einmal drei Jahren schon alles auf so einer Blockchain funktioniert. Auch die Kapitalbeschaffung per ICO wurde viel diskutiert. Es kam auch auf, ob man nicht öffentliche Anliegen per Ausgabe eines Chriesi-Token finanzieren solle – das Thema steht jedenfalls noch nicht zur Abstimmung.

Auch rechtliche Aspekte spielen eine Rolle – Stichwort Regulation. Wurden auch solche Punkte diskutiert?

Regulatorische Aspekte sind enorm wichtig und nicht immer einfach. Wir haben in der Schweiz den Vorteil einer klaren Wegleitung der Finma, die als erster Regulator weltweit eine klare Stellung bezogen hat. Dabei lässt sie sicher nicht alles durchgehen, sondern wendet bestehendes Recht dort an, wo es auch bei neuen Technologien bestehen bleiben muss. Es kamen auch philosophische Diskussionen auf: Gibt es nicht irgendwann eine künstliche Intelligenz auf der Blockchain, die nicht nur intelligent ist, sondern auch über enormes Kapital verfügt und damit die gesamte Menschheit unterdrücken könnte? Klar wurde allen, dass das mit momentanen Blockchains zumindest noch sehr lange dauern dürfte.

Der Hype um die Blockchain flacht auch nach einigen Jahren nicht ab. Doch ab wann wird die breite Bevölkerung oder der Konsument konkret profitieren können?

Es hat natürlich Spekulanten aus allen Schichten der Bevölkerung gegeben, die mit dem Hype um Blockchain viel Geld verdient haben. Nun geht es darum, nicht den letzten Preissprung oder -verfall mitzuverfolgen, sondern nachhaltige Anwendungen zu entwickeln. Das geht gerade erst los, auch weil es hierzu global viel zu wenig Arbeitskräfte gibt. Als das Internet aufkam, gab es jahrzehntelange öffentlich geförderte Forschung und Lehre mit vielen Universitätsabgängern, die die Branche vorantreiben konnten. Bei Blockchain ist das anders. Auf einmal war es ein riesiges Thema, und alle waren unvorbereitet: Universitäten genauso wie Regulatoren und bestehende Firmen. Da besteht nun massiver Aufholbedarf, um die dezentrale Zukunft, die häufig angepriesen wird, überhaupt bauen zu können. Mit unseren Lehrveranstaltungen an der ETH Zürich wie auch der Hochschule Luzern schaffen wir den ersten Schritt, es muss aber noch viel getan werden, um den Erwartungen gerecht zu werden. Leider sehen wir auch hier vor Ort zu Zeiten des schnellen Geldes noch viel heisse Luft und Opportunismus – und weniger nachhaltige Investitionen in Langfristigkeit.

Meistens wird von den Vorzügen und Chancen der Blockchain- Technologie gesprochen. Doch wo sehen Sie die Risiken?

Blockchain ist kein alleiniges Allheilmittel und ist auch nicht die Lösung aller Probleme heutiger IT-Infrastrukturen. Wir sehen momentan einige Anwendungen, bei denen Blockchain offensichtlich rein aus PR-Gründen eingesetzt wird, ohne dass es wirklich Sinn machen würde. Eine Blockchain einfach als Datenbank umzufunktionieren, ist ein häufiges Missverständnis, das zu hohen Kosten und wenigen Zielen führt. Andererseits sehen wir viele Technologie-betriebene Anwendungen, gerade in Start-ups, die denken, es gehe hier rein um Software, die im rechtsfreien Raum agiert. Es ist sehr schnell ein Programmcode geschrieben und online vermarktet, der in elementarster Weise gegen Bankrecht oder Wertpapierrecht verstösst. Auch hier ist die Lage in der Schweiz allgemein und ganz speziell in Zug sehr hilfreich: Viele lokale Anwaltskanzleien haben nun signifikant Erfahrung mit Blockchain-Anwendungen und ICOs gesammelt und die Zusammenarbeit mit der Finma optimiert.

Ist die Blockchain so sicher wie oft angepriesen? Ist sie quasi hieb- und stichfest?

Es gibt wenige IT-Systeme, die ohne nennenswerte Ausfälle oder erfolgreiche Angriffe ein Jahrzehnt lang laufen. Dies ist bei der Bitcoin-Blockchain zum Beispiel der Fall. Im Gegensatz zu Banksystemen, die Sicherheit auf Geheimniskrämerei und verborgenem Code (im Englischen «Security through obscurity») aufbauen, sind die öffentlichen Blockchains ständig Angriffen ausgesetzt, ohne dass sie im Kern ausfallen würden. Die Schwachstelle, die allerdings schon etliche Millionen gekostet hat, ist der Benutzer: Werden private Schlüssel unsicher gespeichert – etwa in einer E-MailBox, in einem Cloud-Speicher oder auf einem Laptop in einer sogenannten Software-Wallet –, dann sind alle damit verbundenen Kryptogelder sehr schnell verschwunden. Diese Selbstverantwortung ist nicht nur eine grosse Chance, das eigene Geld zu verwalten, sondern auch eine grosse Umgewöhnung. Doch es gibt Lösungen, so zum Beispiel die Hardware-Wallets der in Zürich ansässigen Shift Devices AG.

«In fünf Jahren haben wir es hoffentlich geschafft, nicht nur den Hype und das schnelle Geld per ICO nach Zug zu holen, sondern sind dabei, signifikante dezentrale Anwendungen zu entwickeln.»

Wie wird die Blockchain respektive werden Blockchain-Anwendungen das Leben vereinfachen oder verbessern? Und mit welchen konkreten Anwendungen ist in naher Zukunft zu rechnen?

Zunächst haben wir Anwendungen im Finanzbereich gesehen. Bitcoin war das erste Beispiel einer Blockchainanwendung, die den Zahlungsverkehr ohne Mittelsmänner ermöglicht. Nun sehen wir komplexere Anwendungen entstehen: Wir sehen Blockchain-basiertes Fonds-Management (zum Beispiel Melonport), Handelsplätze (beispielsweise IDEX) und Kollaborationsplattformen (zum Beispiel Covee) entstehen. Den heutigen Intermediären in den jeweiligen Bereichen wird das nicht passen. Sie werden auch überrascht sein, denn sie sehen nicht sich selbst, sondern nur den Mechaniker, der früher Autos zusammengeschraubt hat und heute durch Roboter ersetzt wurde als Verlierer der Automatisierung. Ich bin überzeugt davon, dass effizientere Prozesse für uns alle ein besseres Leben ermöglichen. Wie viel menschliches Potenzial ist heute, hundertfach redundant, in der zentralen Verwaltung und Sicherung von Excel-Tabellen verloren? Viele der ersten Blockchain-Anwendungen liegen zunächst im Geschäftlichen und im Finanzbereich. Es gibt aber auch Beispiele dezentraler Anwendungen, wie Spiele (zum Beispiel Crypto-Kitties) oder soziale Netze (beispielsweise die in Zug ansässigen Plattformen Mio oder Akasha), die Probleme heutiger zentraler Plattformen lösen.

Zum Schluss: Wie sieht das Zuger Crypto Valley in fünf Jahren aus?

In fünf Jahren haben wir es hoffentlich geschafft, nicht nur den Hype und das schnelle Geld per ICO nach Zug zu holen, sondern sind dabei, signifikante dezentrale Anwendungen zu entwickeln. Das Internet hat, vor allem aus dem Silicon Valley getrieben, den Millennials ihre Sharing-Economy und sozialen Medien gebracht. Ich denke, dass die nächste technische und industrielle Revolution hier im Crypto Valley nicht nur ihren Ursprung genommen hat, sondern auch wirklich vorangetrieben wird. Wir sehen jetzt schon die Magnetwirkung von Gruppierungen wie der Web3-Stiftung oder Projekten wie Aragon. Als Resultat könnte sich die in der Schweiz tief verwurzelte Dezentralität von Organisationen und Verwaltungen global und digital verbreiten.