Leserbrief

Bruder Klaus hat sicher klare Worte benutzt

Zur Bedeutung der Parteien CVP und FDP

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Die politische Mitte liegt nach allgemeiner Auffassung zwischen links und rechts. Ganz abgesehen davon, dass es eine Frage des eigenen Standpunktes ist, was links und rechts ist, erscheint mir diese Definition auch sonst äusserst mangelhaft. Sich über andere zu definieren, heisst, keine eigene Meinung zu haben, und genau deswegen ist es nicht verwunderlich, dass die Mitteparteien keine Konturen haben und uns nicht voranbringen (ob es die anderen besser machen, ist eine andere Frage).

Die konturenlose Politik zeigt sich vor allem daran, dass nur noch vollzogen wird, was Minderheiten und Medien vorgeben. Man hat nur noch Angst und man verbreitet Angst. Und wenn man nicht mehr weiter weiss, weil man verlernt hat, zu argumentieren, ändert man seinen Namen und merkt nicht, dass man seine Werte dem Zeitgeist opfert. Wenn ich an die Charakterköpfe der 1980er-Jahre in der CVP und FDP denke, gebildete, mutige Männer und Frauen, dann frage ich mich, wie unsere heutigen Karrierepolitiker noch Probleme lösen wollen?

Mich dünkt, wir sollten uns dem physikalischen Mittebegriff bedienen. Gute Mittepolitik wäre also eine Politik, in der Kräfte und Spannungen im Gleichgewicht stehen. Um dieses Gleichgewicht zu erreichen, müssen klare Worte fallen, es müssen unbequeme Wahrheiten geäussert werden dürfen, Wischiwaschi ist hierfür ungeeignet.

Bruder Klaus hat sicher klare Worte benutzt, um das Stanser Verkommnis 1481 als Berater zu ermöglichen. Ein Mittler steht nicht dazwischen, sondern führt mit klaren Worten. Genau diese Mittlerfunktion erwarte ich von Mitteparteien.

Hätte die FDP noch Ahnung von Freisinn und von politischem Liberalismus, könnte sie diese Mittlerrolle einnehmen, aber was tut sie? Sie schwimmt mit! Das tut mir und vielen anderen FDP-alt-­Politikern im Herzen weh. Ich frage mich, weshalb ich 40 Jahre meines Lebens einen Grossteil meiner Freizeit der Politik und der Gesellschaft geopfert habe und nun zuschauen muss, wie alles zerstört wird, weil man einfach nur Angst hat. Politik ist nichts für Ängstliche.

Michel Ebinger, alt FDP-Kantonsrat, Rotkreuz