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Bund und Zürcher abgewehrt: So rettete die Hartnäckigkeit zweier Zuger Politiker eine einzigartige Flusslandschaft

Zu Beginn der 1970er-Jahre planten der Bund und der Kanton Zürich, entlang der Sihl einen Schiessplatz mit einer Ausdehnung von 366 Fussballfeldern zu bauen. Doch sie hatten die Rechnung nicht mit Hans und Alois Hürlimann gemacht.

Marco Morosoli
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Dieses Gelände sollte einst für das Militär überbaut werden.

Dieses Gelände sollte einst für das Militär überbaut werden.

Bild: Maria Schmid (Menzingen, 15. September 2020)

Ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit die Schweizer Armee zusammen mit dem Kanton Zürich gegenüber dem Kanton Zug grobes Geschütz auffuhren. Es galt einen Ort für einen neuen Schiessplatz für die schwere Infanterie und die Panzerabwehrraketen zu finden. Damals hatte die Schweizer Milizarmee eine Sollstärke von über 800'000 Mann. Im Vergleich zur Bevölkerung war nur noch Nordkoreas Streitkräfte grösser als diejenige der Schweiz. Um gegen den vermeintlichen Feinde in den Zeiten des Kalten Krieges gerüstet zu sein, investierte der Bund sehr viel Geld in die Armee. Irgendwie musste ja möglichst authentisch geübt werden, am besten weit weg vom Schuss schiessen.

Das Gebiet Sihlsprung-Sihlmatt an der Ostgrenze der Gemeinde Menzingen perfekt. Die Pläne der Militärs waren grossspurig gedacht. Die angedachte Ausdehnung: 366 Fussballplätze. In diesem Gebiet ist die Sihl noch ein wilder Fluss, der sich durch eine einzigartige Landschaft schlängelt. Wer schon in diesem Gebiet unterwegs war, kann nachvollziehen, wieso die Schweizer Armee gerade hier den Ernstfall üben wollte. Zu hören sind dort nur das Wasser, die Vögel und die eigenen Schritte. Mit einem Schiessplatz Sihlsprung wäre es mit dieser Ruhe vorbei gewesen.

Auch Umweltschützer sind dafür

Es spielten aber nicht nur die Armee und die Vertreter des Kantons Zürich gegen die Zuger Behörden Powerplay. Die beiden Schwergewichte erhielten noch Unterstützung von einer Seite, welche die widerspenstigen Zuger nicht auf dem Radar hatten: Der Zürcher Natur- und Landschaftsschutz befürworteten das Mega-Projekt. In ihrer Eingabe bedauerten die Landschaftsschützer zwar den Eingriff zugunsten der Landesverteidigung, wollten sich in dieser Sache aber mit «Auflagen und Bedingungen» begnügen. Entwaffnend fügten die Kämpfer für Grünes noch hinzu:

«Als Staatsbürger können es die Vertreter des Zürcher Naturschutzbundes nicht verantworten, sich an dem hässlichen Kesseltreiben gegen die Errichtung von Schiessplätzen zu beteiligen.»

Weil die Naturschützer grundsätzlich dem Projekt ihren Segen gaben, sahen die Schiessplatzbefürworter wieder Land. Noch einmal versuchten der Bund wie auch der Kanton Zürich die Zuger Beteiligten mit ins Boot zu nehmen. Doch diese Abordnung sah keinen Anlass dazu, die Fahnen zu streichen. Am 5. Januar 1971 schickte der Zuger Regierungsrat ein Schreiben an die Zürcher Kollegen. Schon die Anschrift ist mit viel Pathos unterlegt: «Getreue liebe Eidgenossen.»

Walchwiler Brüder gegen Bund und Zürcher

Im Brief lassen sie die Zürcher auch noch wissen, wer die Zuger Delegation führen soll: Baudirektor Alois Hürlimann und Militärdirektor Hans Hürlimann, beide von der CVP. Hans Hürlimann, der 1973 in den Bundesrat gewählt wurde, sagte: «Das Sihltal wird von Zug wie ein Augapfel gehütet, weshalb es schwerfallen dürfte, dort für einen Schiessplatz einzustehen.» Alois Hürlimann machte es noch kürzer und sagte auf Latein: «Rührt mich nicht an.»

Die Politiker aus Walchwil bereiteten die am 7. April anberaumte Begehung des Geländes an der Sihl bis ins letzte Detail vor und bewiesen dabei in der Nachbetrachtung auch Bauernschläue. Um allen einen Überblick zu ermöglichen, stieg die Delegation auf einen Hügel, von dem sich ein herrlicher Blick auf die Flusslandschaft bot. Dieser lag – fast schon frech – auf Kantonsgebiet Zürichs.

Diese einzigartige Szenerie hatte für die beiden Zuger Regierungsräte den gewünschten Effekt. Es gab sprachlose und staunende Gesichter und bleibende Eindrücke. Letztlich hatten die Zuger Magistraten dem Feind auf dessen Gelände den entscheidenden Stoss versetzt. Das Projekt für einen Schiessplatz schubladisierten seine Unterstützer kurze Zeit später.

Heute nicht mehr möglich

Die beiden Hürlimänner – Hans Hürlimann war ein erfahrener Generalstabsoberst – hatten die richtige Taktik gefunden. Durch die engen verwandtschaftlichen Banden wusste der eine immer, was der andere vorhatte. Ohne dieses blinde Vertrauen hätten die beiden Walchwiler sich kaum gegen eine solcher Übermacht behaupten können.

Eine solche Konstellation ist übrigens seit 2013 im Kanton Zug nicht mehr möglich. Die Unvereinbarkeit der Ämter ist jetzt viel enger gefasst, wenn Verwandtschaft im Spiel ist. Aber derzeit hat das Militär andere Sorgen, als über den Bau von Schiessplätzen nachzudenken.

Die elfteilige Serie «Mensch vs. Natur» beleuchtet Projekte, deren geplante Eingriffe in die Landschaft die Emotionen hochkochen liess. Im siebten Teil lesen Sie hier über den geplanten Schiessplatz beim Sihlsprung. Quelle: «Zug, natürlich», Peter F. X. Hegglin, 2008.

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