Cham
Sinfonietta: Akustische Poesie in Nullen und Einsen

Für das 3. Abokonzert der Zuger Sinfonietta setzte man mit der «Ungarn Connection» auf Livestreaming. Inhalt und Technik überzeugten.

Haymo Empl
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Man ist mittlerweile etwas «Zoom-müde» und viele haben die Erfahrung gemacht, dass eine Livekonzertübertragung via heimischen Bildschirm nicht dasselbe ist wie ein akustisches Spektakel vor Ort. Die Zuger Sinfonietta hatte ihren ersten Livestream im frühen Dezember. Damals war man noch etwas zuversichtlicher, was die Wiedereröffnung von «Kultur» betrifft.

Das 3. Abokonzert der Zuger Sinfonietta fand als Livestreamkonzert aus dem Lorzensaal in Cham statt.

Das 3. Abokonzert der Zuger Sinfonietta fand als Livestreamkonzert aus dem Lorzensaal in Cham statt.

Bild: Patrick Huerlimann (14. Maerz 2021

Diese Hoffnung schwand von Bundesratssitzung zu Bundesratssitzung und de facto hat sich aus den bekannten Gründen in der Kultur nichts verändert: Also einmal mehr den Computer einschalten, hoffen, dass die Internetverbindung stabil bleibt, das käuflich erworbene Passwort eingeben und warten. Mittlerweile weiss der geübte User auch, dass Outlook & Co gerne den Konzertgenuss mit nervigen Pop-ups stören und daher: deaktivieren.

Digital statt analog

Das Wissen, dass das Konzert live vor Ort aufgeführt wird und nicht aus der Konserve stammt, half: Man fühlte sich weniger allein. Dennoch hat ein klassisches Konzert vor einem Bildschirm – wenn wir beim Bild der Konserve bleiben - ungefähr so viel Charme wie eine Büchse Ravioli. Man geniesst es zwar, aber nur so ein bisschen. Was schade ist. Denn die Akkordeonistin Viviane Chassot ist eine Entdeckung, die mehr als ein kleiner Bildschirm und winzige Lautsprecher (immerhin Stereo) verdient. Dazu mehr dann gleich. Der Reihe nach: Vorgesehen gewesen wäre der ungarische Kontrabass-Solist Ödön Rácz, dieser konnte aber gemäss Mitteilung der Zuger Sinfonietta aufgrund der geltenden Covid-19-Verordnungen nicht einreisen. Kurzfristig sprang Viviane Chassot ein. Schweiz statt Ungarn, von der titelgebenden «Ungarn Connection» blieb also nicht mehr ganz so viel übrig. Um 17 Uhr ging es los. Und gleich zu Beginn verflogen die negativen Gedanken, denn der SRF-News-Redaktor Basil Koller schafft es, durch seine Moderation ein «Wirgefühl» zu erzeugen. Da ging sogar vergessen, dass es nur binär codierte Daten waren, die durch ein Glasfaserkabel aus Cham beim Rezipienten landeten.

Klassik auf hohem Niveau

Auftakt bildete der in Budapest geborene Komponist Léo Weiner (1885–1960) mit seiner «Serenade op. 3». Tatsächlich war es so, dass man durch die hervorragende Kameraführung und Livebildmischung sowohl visuell als akustisch immer direkt im Geschehen war. Näher dabei als bei jedem Livekonzert im Publikum, eine neue Erfahrung für eine Aufführung dieser Art. Im Gegensatz zum ersten Konzert im Dezember war bei dieser Aufführung auch die Lichtsetzung optimal. Moderator Basil Keller rät zum Gebrauch von Kopfhörern, ein weiser Rat: Denn nur so lassen sich die unglaubliche Tonqualität und die Musik, gespielt auf gewohnt hohem Niveau, akustisch erfassen. Einmal mehr zeigte die Sinfonietta, warum sie weit über die Kantonsgrenzen geschätzt und geachtet wird.

Poetisches Akkordeon

Danach ein kurzer visueller Einspieler, der Moderator hatte Gelegenheit, sich mit Viviane Chassot zu unterhalten. Ein neues Element in einem Livekonzert: Vor Ort wäre das nicht möglich. In diesem Gespräch erläuterte die Solistin auch, weshalb Akkordeon zu dieser Komposition von Hayden («Konzert F-Dur für Orgel, zwei Violinen und Bass, Hob. XVIII:7») passt: Die Instrumente stünden teilweise im Dialog miteinander. Die Adaption für das Akkordeon gelang so gut, dass man überhaupt nicht auf die Idee gekommen wäre, dass das Konzert ursprünglich anders geplant war.

Viviane Chassot war daher nicht nur einfach ein (preisgekrönter) «Ersatz», sie entpuppte sich als Glücksgriff. Ihr Spiel war innovativ, betörend und stellenweise poetisch – ohne dabei verschnörkelt zu wirken. Der Wechsel zwischen sanfter Eleganz, nobler Zurückhaltung und an den richtigen Stellen überquellende Freude war mehr als gelungen. Schade, hört man ein Akkordeon so selten im klassischen Kontext und gut, hatte man bei diesem grossartigen Konzert endlich die Möglichkeit dazu.

In der erneuten Pause dann ein interessantes Gespräch mit Daniel Huppert als Leiter der Zuger Sinfonietta über die Zusammenstellung dieses Programmes und seine musikalischen Artikulationsvorstellungen. Auch er betonte, wie wichtig das gemeinsame Spielen für die Sinfonietta vor Publikum sei.

Zum Schluss, nach gut einer Stunde, dann erneut Joseph Haydn (Sinfonie Nr. 101 D-Dur I:101 «Die Uhr»). Fulminant endete das Livestreamkonzert um 18.25 Uhr. Selten gingen 90 Minuten am Computer so schnell vorüber. Aber dennoch: Ein gemeinsames Erleben fehlte. Aber: Dass die Sinfonietta den Weg des Livestreams ging, ist ihnen hoch anzurechnen. Und dass dabei mindestens genau so sorgfältig vorgegangen wurde wie bei einem Konzert vor Publikum, verdient eigentlich nebst grossem Respekt tosenden Applaus. Nur leider ... eben.