CHAM: Auch der unsichtbare Dreck muss raus

Für die Kläranlage in der Schönau wird künftig pro Jahr eine «Busse» von 1,3 Millionen Franken fällig – ausser es wird eine weitere Reinigungsstufe eingebaut.

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Laborleiterin Marije de Jong in der Pilotkläranlage. (Bilder Stefan Kaiser)

Laborleiterin Marije de Jong in der Pilotkläranlage. (Bilder Stefan Kaiser)

Rund 1,3 Millionen Franken wird der Gewässerschutzverband der Region Zugersee-Küssnachtersee-Ägerisee (GVRZ) ab 2016 jährlich in einen Sonderfinanzierungsfonds abliefern müssen. So will es die revidierte Gewässerschutzverordnung. Darin legt der Bund fest, dass künftig alle Abwasserreinigungsanlagen (ARA) mit mehr als 100 000 angeschlossenen Einwohnern so genannte Mikroverunreinigungen zu 80 Prozent eliminieren müssen. Dabei handelt es sich um Verschmutzung des Wassers durch Medikamente, Kosmetika, Hormone und ähnliche Stoffe; Stoffe also, die man nicht sieht, die aber in der Natur grosse Schäden anrichten können, wenn ihnen beispielsweise Fische über Jahre hinweg ausgeliefert sind. Grundsätzlich müssen alle Schweizer ARA pro angeschlossenem Einwohner und Jahr neun Franken in einen Sonderfinanzierungsfonds einzahlen. Aus diesem Geldtopf werden Investitionen für den Bau von Mikroverunreinigungsstufen zu 75 Prozent finanziert. Anlagen, die eine solche Reinigungsstufe realisieren, werden von der Abgabe befreit. So soll ein Anreiz geschaffen werden, dass in den Ausbau investiert wird. Für die rund 100 betroffenen grossen Schweizer Kläranlagen stellt sich nun die Frage, ob sich der Ausbau lohnt – oder ob die Betreiber lieber in den sauren Apfel beissen und bis auf weiteres die «Strafgebühr» von neun Franken pro Einwohner abliefern sollen.

Kapazitäten reichen für 20 Jahre

Auch Bernd Kobler, Geschäftsführer des GVRZ, hat sich mit dieser Rechnung auseinandergesetzt. Eine Rechnung, die mit den Grundlagen beginnt, wie Kobler erklärt. «Der Einbau einer Mikroverunreinigungsstufe macht nur Sinn, wenn die Anlage über genügend Reservekapazitäten verfügt.» Will heissen: Muss die Anlage in ein paar Jahren wegen zu knapper Kapazitäten sowieso aus- und umgebaut werden, lohnt sich das Zuwarten – und damit die Abgabe der 1,3 Millionen Franken jährlich. Die Auswertung der ARA Schönau hat ergeben, dass die Anlage über genügend Reserven verfügt. Rund 144 000 Einwohner sind derzeit angeschlossen. «In der biologischen Reinigungsleistung haben wir Kapazitäten für weitere 100 000 Einwohner», sagt Kobler. «Und auch die hydraulische Leistung reicht nach diversen Optimierungen für zusätzliche 70 000 Einwohner.» Will heissen: Die Kapazität der ARA Schönau reicht voraussichtlich für weitere 20 Jahre. Zudem plant der GVRZ weitere Ausbauten und Renovationen, welche die Kapazität weiter erhöhen (siehe Box).

Ozon oder Pulveraktivkohle?

Die Voraussetzungen für einen Ausbau der ARA im Hinblick auf die Elimination von Mikroverunreinigungen sind also gegeben. Derzeit sind Kobler und sein Team daran, die zwei gängigen Verfahren zu evaluieren und zu testen. Eine Variante ist die Ozonierung: Das aggressive Ozon knackt die chemischen Verbindungen der Hormone und Medikamente auf und macht sie unschädlich. Technisch wurde dies in der ARA Schönau bereits 2009 im Pilotmassstab überprüft. Für das Verfahren braucht es ein grosses Klärbecken. Ein solches hätte die ARA Schönau quasi auf Reserve. Trotzdem sind einige Investitionen in den Ausbau nötig. Der Betrieb der Ozonierung ist dafür vergleichsweise billig.

Das zweite Verfahren arbeitet mit sogenannter Pulveraktivkohle. Das Pulver verfügt über eine grosse Oberfläche, bindet die Stoffe an sich und entfernt sie so aus dem Abwasser. Die Investitionen sind bei diesem Verfahren relativ gering, dafür kostet der Betrieb vergleichsweise viel.

Die Kläranlage wird zum Labor

Die Kosten allein sind für Bernd Kobler aber nicht entscheidend. Es gehe auch um die Reinigungsleistung. Wenn schon investiert wird, sollen auch möglichst viele der Mikroverunreinigungen entfernt werden. Deshalb sind derzeit in der ARA Schönau quasi zwei Kläranlagen in Betrieb. Während in der «normalen» Anlage Hunderttausende von Litern gereinigt werden, wird zusätzlich eine eigenständige Pilotkläranlage mit 10 000 Litern pro Tag betrieben. Marije de Jong, Leiterin des Labors, testet dort, mit welcher Pulveraktivkohle und mit welcher Dosiermenge die beste Reinigungsleistung erbracht wird. An den Versuchen beteiligt sind Ingenieurbüros, externe Labors für die Analytik der Spurenstoffe sowie das Kompetenzzentrum für Spurenstoffe aus Baden-Württemberg. Bis Mitte 2015 erhofft sich das Team der ARA Schönau Klarheit darüber, welches Verfahren das richtige ist und ob sich der Einbau auch wirklich lohnt. «Ich gehe zu 90 Prozent davon aus, dass die Realisierung einer Reinigungsstufe zur Elimination von Mikroverunreinigungen günstiger ist, als langfristig neun Franken pro angeschlossenen Einwohner und Jahr in den Sonderfinanzierungsfonds einzuzahlen», sagt Bernd Kobler. Entscheiden wird die Delegiertenversammlung des GVRZ voraussichtlich Ende 2015. Bis 2018/19 könnte der Ausbau realisiert werden. Bernd Kobler schätzt, dass die Investitionskosten maximal 20 Millionen Franken betragen würden, wobei 75 Prozent aus dem Sonderfinanzierungsfonds bezahlt würden.

Zwei Investitionen erhöhen Leistung

SCHÖNAU Mit zwei Projekten will der GVRZ die ARA Schönau im nächsten Jahr noch leistungsfähiger machen und auf Vordermann bringen. Einerseits soll der sogenannte Rechen ersetzt werden. Dort werden im Zulauf der ARA die groben Verunreinigungen herausgesiebt. «Der jetzige Rechen ist 17-jährig», sagt Bernd Kobler. «Er ist unterdessen ziemlich marode. Auch die Steuerung ist veraltet.» Für den Ersatz des Rechens sind Investitionen von 1,7 Millionen Franken veranschlagt.

Neue Zentrifuge

Knapp 980 000 Franken kostet die zweite Massnahme, der Ersatz der Schlammentwässerungsanlage. Mit einer Zentrifuge wird der Klärschlamm entwässert, um ihn danach in einer Verbrennungsanlage extern zu entsorgen. Auch in diesem Fall stehen Werterhalt und Leistungssteigerung der Anlagen im Zentrum.

Silvan Meier