Nachbar hilft bei Herzinfarkt – und wird zum Retter in grösster Not

Ohne seinen Nachbarn könnte der Chamer Thomas Gisler das Weihnachtsfest nicht mehr erleben. Nun hat er wieder eine Zukunft.

Cornelia Bisch
Hören
Drucken
Teilen
Nach überstandener Krise glücklich vereint: Agnes Roth, Thomas Gisler, Rolf und Bettina Hürlimann (von links).

Nach überstandener Krise glücklich vereint: Agnes Roth, Thomas Gisler, Rolf und Bettina Hürlimann (von links).

Bild: Maria Schmid (Cham, 18. Dezember 2019)

«Er ist mein Engel ohne Flügel», sagt der 78-jährige Thomas Gisler leise mit erstickter Stimme und klopft seinem Nachbarn Rolf Hürlimann auf die Schulter. Dieser lächelt ihn freundlich an und erwidert: «Ich bin einfach nur froh, dass alles so gut ausgegangen ist.»

Es war ein ganz normaler Werktag Anfang November, als der Limousinenfahrer Thomas Gisler von einer Fahrt nach Basel zurückkehrte. «Er war etwas verspannt», erinnert sich seine Partnerin Agnes Roth. «Deshalb massierte ich ihm die Schultern.» Plötzlich und ohne jede Ankündigung sei er kraftlos nach hinten gekippt. Ein schwerer Herzinfarkt, wie sich später herausstellen sollte. «Ich wusste gleich, dass ich schnell Hilfe holen musste.»

Die Partnerin rannte los und klingelte bei den Nachbarn auf derselben Etage Bettina und Rolf Hürlimann Sturm. «Wir sassen auf dem Sofa und sahen fern», erzählt die 40-jährige Primarlehrerin. «Sofort war uns klar, dass etwas Schlimmes passiert sein musste.» Die beiden öffneten die Tür und fanden ihre völlig verstörte Nachbarin vor, die nur noch stammeln konnte: «Helft mir, sofort!»

Die längsten Minuten seines Lebens

Sie folgten Agnes Roth in die Nachbarwohnung. «Ich kontrollierte Thomas’ Atmung und Puls, legte ihn auf den Boden und begann sofort mit der Herzmassage», erzählt der 45-jährige Rolf Hürlimann, der im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit als Hauswart des Zuger Kollegiums St.Michael gut geschult ist in Erster Hilfe. Nur eine halbe Minute sei verstrichen zwischen dem Zusammenbruch Gislers und dem Beginn der Reanimation, stellt er fest. Bettina Hürlimann wählte den Notruf und blieb mit den Fachleuten der Ambulanz verbunden, während sie ihre Nachbarin zu beruhigen versuchte und ihrem Mann die Ratschläge der Fachleute übermittelte. Es dauerte 13 Minuten, bis Hilfe eintraf. «Die längsten Minuten meines Lebens», sagt Rolf Hürlimann erschüttert. Die Zeit, als das Martinshorn zu hören gewesen war, bis die Sanitäter wirklich eintrafen und ihn entlasteten, schien ihm endlos. «Aber ich funktionierte einfach, dachte kaum nach.» Zwischendurch habe er mit dem Bewusstlosen gesprochen, ihm die Wange getätschelt und ihn angefleht, sich anzustrengen und am Leben zu bleiben. «Ich glaube, ich bin nicht eben sanft mit dir umgegangen», entschuldigt er sich lächelnd bei seinem Nachbarn und Freund. «Keine Sorge», entgegnet dieser, «davon habe ich überhaupt nichts gespürt.»

Des Unglücks noch nicht genug, musste der Patient erst während zweier Stunden stabilisiert werden, bevor man es wagen konnte, ihn zu transportieren. Da dies in liegender Position geschehen musste, kam die Freiwillige Feuerwehr Zug zum Einsatz, welche die zwei Stockwerke von aussen mit dem Hub­retter überwinden wollte. «Das ging jedoch nicht, weil zwei Gebäudepfosten im Weg standen», stellt Bettina Hürlimann klar. «Es waren aber genügend kräftige Feuerwehrleute anwesend, sodass sie Thomas auf einer Bahre durchs Treppenhaus nach unten tragen konnten.» Dort wurde der Patient, dessen Leben nur noch an einem seidenen Faden hing, in den Helikopter der Rega gelegt und ins Zürcher Stadtspital Triemli geflogen.

«Als wir um zwei Uhr nachts in unsere Wohnung zurückkehrten, wo unsere zwei Buben das ganze Drama verschlafen hatten, und uns wieder aufs Sofa setzten, kam der Schock», berichtet Bettina Hürlimann. «Wir bekamen beide das grosse Zittern und erfassten erst zu diesem Zeitpunkt wirklich, was passiert war.» An Schlaf sei nicht mehr zu denken gewesen.

Er war ganz der Alte

Zwei Tage später die erschütternde Diagnose der Ärzte: «Wenn Thomas Gisler je wieder aus dem Koma erwacht, dann ist er höchst wahrscheinlich ein Pflegefall.» Agnes Roth schildert das Grauen, das sie empfand. «Zum ersten Mal fragte ich mich, ob wir ihn nicht besser hätten gehen lassen.»

Ein paar Tage danach folgte das Wunder, an das niemand zu glauben gewagt hatte. Der Patient erwachte und war ganz der Alte, erkannte seine Familie und schüttelte seinem Retter weinend die Hand. Kurze Zeit später kletterte er aus dem Bett und lehnte den Rollator, den besorgte Schwestern ihm anboten, resolut ab.

Noch war jedoch nicht alles überstanden. Eine Embolie, Wasser auf der Lunge und eine Lungenentzündung sollten nochmals viel Kraft kosten. In die anschliessende Reha in der Klinik Adelheid in Unterägeri folgte ihm seine Partnerin nach, die unterdessen ein neues Kniegelenk bekommen hatte.

Heute lebt der Rentner bewusster. «Das Ganze hat mir gezeigt, wie schnell das Leben vorbei sein kann», betont er. Gisler unternimmt wieder Spaziergänge mit Hündin Luna. Sein Herz ist zwar noch nicht voll leistungsfähig, und ans Taxifahren ist im Moment nicht zu denken. Aber er lebt und ist allen, die an seiner Rettung beteiligt waren, unsagbar dankbar.

«Ich kann dir das nie vergelten», wendet er sich an Rolf Hürlimann. «Aber es sollen alle erfahren, dass du mein Retter bist. Das ist mein Dankeschön an dich.»