CHAM: Charly Werder zieht sich nach 50 Jahren zurück

Charly Werder (69) ist im Kanton Zug bekannt wie ein bunter Hund. Der schillernde Modelagent zieht sich nach 50 Jahren aus dem Geschäftsleben und der Öffentlichkeit zurück. Zum Abschied legt der Tausendsassa sein Lebenswerk vor.

Raphael Biermayr
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Charly Werder in seinem Laden in Steinhausen, der ein Museum seines Lebens ist.

Charly Werder in seinem Laden in Steinhausen, der ein Museum seines Lebens ist.

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

 

Charly Werder. Ein Name, viele Rollen: Modelagent, Netzwerker, Fotograf, Filmemacher, Autor und Verleger – diese Aufzählung ist nicht abschliessend. Charly Werder. Ein Name, viele Meinungen: Macher, Märchenonkel, Lebenskünstler, Spinner – auch diese Aufzählung ist nicht abschliessend.

Charly Werder (69) ist ein Nonkonformist und als solcher nicht zu erfassen. Am 5. März legt der Chamer sein Lebenswerk vor, um Antworten auf offene Fragen zu geben – der Umwelt und auch sich selbst. Das ungemein detailreiche und liebevoll gestaltete Buch mit dem bezeichnenden Titel «Wer? der Charly» ist 560 Seiten stark, zeigt 2000 Fotos und wiegt 4 Kilogramm. Es ist die gekürzte Version: Ursprünglich umfasste es 800 Seiten. Das Buch behandelt vier Kapitel: zwei für Werders Familiengeschichte, eines für eine Hommage an die Gemeinde Cham und verdiente Chamer. Und das umfangreichste für sein Leben.

Den Ausschlag, dieses Buch zu schreiben, sagt er, habe die immer wieder gehörte Frage gegeben «Was hast du eigentlich die ganzen Jahre gemacht?» Doch es geht um mehr. Einerseits hat Werder festgestellt, dass ihm die Zeit davonläuft. Er ist gesundheitlich angeschlagen und will sein Vermächtnis retten. Andererseits geniesst er es, während seines Rückzugs aus dem Geschäftsleben bis Ende Jahr ein letztes Mal im Mittelpunkt zu stehen. Der Chamer Gemeindepräsident Georges Helfenstein hat das Vorwort zum Buch verfasst, weitere Grussworte kommen vom befreundeten Bandleader Pepe Lienhard und von Regierungsrat Heinz Tännler, für den Werder einst einen Wahlkatalog gestaltete.

Als Charly Werder von der Entstehung seines vielleicht letzten Werks erzählt, sitzt er in seinem Geschäft in Steinhausen, das gleichermassen ein Museum seines Lebens ist. Auf zwei Etagen sind Erinnerungsstücke versammelt aus seiner langen Karriere. Mit seinem auffälligen Äusseren passt er bestens in die Einrichtung; der bunte Hund, der sich früher Papageien hielt. Das Mitteilen und das Belegen von Geschichten aus seinem Leben ist ein tiefes Bedürfnis von Werder. Er springt dabei ohne Übergang von einem für immer verschollenen Model zu seinem rätselnden Steuerberater, und von einem überlebten Flugzeugcrash zu einem Treffen mit Udo Jürgens.

Das Problem mit der Glaubwürdigkeit

Die Zahl der Namen bekannter Persönlichkeiten in seinem Umkreis und die beiläufige Hartnäckigkeit, mit der Werder jene erwähnt, nährt die Skepsis an seiner Glaubwürdigkeit. Mit Letzterer wird er immer und immer wieder konfrontiert. «Wenn ich im Café sitze und jemandem erzähle, dass ich gestern mit Franz Beckenbauer unterwegs war, glaubt mir das keiner», schildert er. Wer ihm zuhört, den versucht er von der Wahrhaftigkeit seiner Erzählungen zu überzeugen, vor allem mit Fotos: Charly Werder mit Melanie Winiger, Charly Werder mit Richard von Weizsäcker, Charly Werder mit Lilo Pulver ... Dieser Drang, seinen Umgang zu beweisen, hat sich im Kindesalter entwickelt. Nach eigener Aussage lernte er als 8-Jähriger den damaligen Schweizer Star-Musiker Hazy Osterwald kennen, der ihm bis zu dessen Tod 2012 Freund, Mentor und Vorbild war. Werders Eltern glaubten ihm lange nicht, dass er mit Osterwald verkehrte. Das endete, nachdem der Bandleader Ende der 1960er-Jahre zum Kaffeetrinken ins Elternhaus nach Cham gekommen sei.

Werders Geschichten aus seinem abwechslungsreichen Leben wirken oft fantastisch – doch nach eigenem Bekunden sind sie allesamt wahr. Auch diese Anekdote, die im Buch vorkommt, stimme: Ein junger Mann mietete die Waschküche in Werders Haus in Cham zur vorübergehenden Benutzung. Als ihn eines Tages eine Nachbarin auf den «satanischen Geruch» aufmerksam gemacht habe, habe er den Mieter darauf angesprochen. «Er kochte das Skelett seines Grossvaters aus nach der Grabräumung, um es aufzubewahren – er war Medizinstudent.» Einige Geschichten kriminellen Inhalts habe er nach juristischer Abklärung aus dem Buch entfernt.

Nach heiklem Prozess eine Lachnummer

Dass Werder von vielen Aussenstehenden nicht ernst genommen und von manchen belächelt wird, ist anscheinend der Preis für sein Leben abseits der Norm. «Das hat Charly sicherlich manchmal gestört – aber nicht sehr», sagt Jacqueline Blume. Das Model ist eine Art Lebensfreundin Werders und hat stets zu diesem gehalten. Auch, als er seine schwerste Zeit durchzustehen hatte: Zwei frühere Models hatten ihn der sexuellen Nötigung bezichtigt. Nach einem langjährigen Prozess wurde Werder 2007 freigesprochen. Auf sein Geschäft habe das keinen Einfluss gehabt, es sei kein einziger Kunde abgesprungen. Aber im Kanton Zug und besonders in Cham war er danach ein noch grösserer Aussenseiter als zuvor – und eine Lachnummer als Fasnachtssujet.

Kam dazu, dass sich das Modelbusiness grundsätzlich verändert hatte. Das Internet hat jungen Frauen ermöglicht, sich selbst zu vermarkten. Alles wurde schnelllebiger, und Modelagenten der alten Schule wie Charly Werder kamen aus der Mode. Die weit in der Szene herumgekommene Jacqueline Blume sagt: «Bei ihm war es wie im Militär. Aber er machte das alles immer aus einer tiefen Gewissenhaftigkeit heraus. Er wollte einfach nichts dem Zufall überlassen.»

Seine geschäftliche Seriosität, seine Kreativität, seine Diskretion, sein grosser Ehrgeiz und seine unerschütterlichen Prinzipien werden von den zahlreichen Gesprächspartnern für diesen Artikel hervorgehoben. Ein beruflicher Grundsatz Werders lautet, nicht mit Models zu schlafen. Einmal aber habe er sich mit einem Model liiert. Doch Beziehungen seien in seinem Business nicht überlebensfähig. «Irgendwann hält es der Partner vor Eifersucht nicht mehr aus», blickt er zurück.

Entgegen der Vorbehalte heiratete der durchaus romantisch veranlagte Werder zweimal. Aus erster Ehe resultierte ein Sohn, der aber im Jahr 1969 kurz nach der Geburt starb. Dieser Schicksalsschlag gehört zu den Themen, die ihn heute wieder stärker beschäftigen. «Ein Sohn wäre sicher schön gewesen, aber es sollte offenbar nicht sein», sinniert er. Über längere Zeit glücklich verheiratet war Charly Werder letztlich nur mit seiner Arbeit. Wenige Tage nachdem die zweite Scheidung festgestanden hatte, verschiffte er fast 2 Tonnen Material, zwei Autos und diverse Models in die USA, um dort drei Jahre zu arbeiten. «Es war ein grosser Erfolg», sagt Werder, wie fast immer, wenn er auf ein Projekt angesprochen wird. Und wenn eines nicht erfolgreich war, war für ihn die Gesellschaft schuld, die noch nicht bereit war dafür.

Der Mann, der einen zum Träumen bringt

Trotz mancher Rückschläge gehört es zu seinen Merkmalen, sich nicht unterkriegen zu lassen. «Charly hat sich immer wieder neu erfunden», weiss Philip C. Brunner. Der frühere Direktor des Zuger Parkhotel veranstaltete ebenda Modeveranstaltungen und Diskussionsrunden, die Werder ersonnen hatte. «Er hat einen zum Träumen gebracht», umschreibt Brunner die Überzeugungskraft seines langjährigen Weggefährten.

Charly Werder erzählt derweil in seinem Steinhauser Geschäft scheinbar unerschöpflich Geschichten. Im Ganzen aber ist er müde geworden, daraus macht der mittlerweile erstaunlich uneitle Schaffer keinen Hehl. Dass der Tausendsassa, der seiner Zeit lang voraus war, nun von dieser abgehängt worden ist, verbittert ihn nicht. Er ist stolz auf seinen Weg: «Ich war mein Leben lang in Sonderzügen unterwegs und habe 50 Jahre lang im Showbusiness überlebt. Das können nicht viele von sich behaupten.»

Die Antwort auf die Frage, wer Charly Werder ist, bleibt offen, auch am Ende seines Buchs. Klar ist nur, was er ist: ein Original.

Hinweis Mehr zu Werder erfährt man auf www.charlywerdernews.ch. Das Buch «Wer? der Charly» ist ab dem 6. März bei Bücher Balmer in Zug und im «Zugerland» sowie bei den Firmen Huwiler und Partner sowie Herzog Optik in Cham erhältlich und kostet 95 Franken. Die öffentliche Vernissage findet am Sonntag, 5. März, ab 16 Uhr im Swisshotel Zug statt.