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CHAM: Der Optimist macht auch anderen Hoffnung

Jahn Graf will Menschen mit Behinderung mehr zu Wort kommen lassen – dazu hat er einen eigenen Videokanal auf Youtube gegründet. Mit Berichten «aus der Füdliperspektive» setzt er sich für mehr Eigenverantwortung ein.
Der Chamer Jahn Graf sieht sich nicht als politisch, sonder als Aktivist. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 4. Dezember 2017))

Der Chamer Jahn Graf sieht sich nicht als politisch, sonder als Aktivist. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 4. Dezember 2017))

«Ich bin ein Rollstuhl-Youtuber», begrüsst Jahn Graf seine Zuschauer auf der Video-Internetplattform. Der Chamer betreibt dort einen eigenen Kanal. Unter dem Titel «Jahns rollende Welt» macht der 27-Jährige Erlebnisberichte «aus der Füdli­perspektive», wie er es selber nennt – also mit dem Kopf auf der Höhe, wo die gehenden Menschen ihren Allerwertesten haben –, erklärt Begriffe rund um Behinderung, und er spricht mit verschiedenen Leuten über Behinderungen und deren Auswirkung. «Ich bin der Ansicht, dass in der Behindertenfrage zu wenig Menschen mit Behinderungen zu Wort kommen.»

Auch seine Familie kommt zu Wort

Jahn Graf hat deshalb vor knapp einem Jahr kurzerhand seine ursprüngliche Idee der Video-Filmkritik in ein regelmässiges Kanalformat umgewandelt. Er hat sich zum Ziel gesetzt, einmal pro Woche etwas Neues hochzuladen. «Aus einem Grossteil der Interviews mache ich zwei Teile und füge diese dann Mal für Mal hinzu.» Unter anderem interviewt er auch seine Eltern. Seine Mutter erzählt, wie es für sie war, ein Kind mit einer Beeinträchtigung zu haben. Wie schwierig es war, die Ärzte zu überzeugen, ihr Kind abzuklären, und wie sie später glaubte, nur sie allein könne sich ausreichend um ihren Sohn kümmern. Sein Vater erzählt von schwierigen Situationen innerhalb der Familie und wie Jahns Lachen als Baby die Situation einfacher machte. Seine Schwester erinnert sich, in welchen Situationen es für sie schwierig war, auf ihre Mutter zu Gunsten ihres Bruders zu verzichten. Und wie sie realisierte, dass nicht alle einen Bruder im Rollstuhl hatten.

Den Verdacht, die Interviews könnten ein Hilfsmittel sein, um mit seiner Familie über schwierige Kapitel der Vergangenheit zu sprechen, verpufft mit der Reaktion des sympathischen Chamers: Er lacht und meint, «wir haben eine sehr offene Kommunikation – nur so können wir Probleme lösen». Was in den Interviews mit seiner Familie erzählt werde, sei für ihn nichts Neues.

Jahn Graf ist seit seiner Geburt cerebral gelähmt. Er ging in Luzern in einer Institution zur Schule und absolvierte dort eine Anlehre im hauseigenen Büro. Danach konnte er bei einem Treuhänder arbeiten, wo es ihn aber nicht allzu lange hielt. «Ich muss mit den Leuten reden können und kreativ sein. Den ganzen Tag am Computer zu sitzen, liegt mir einfach nicht.» Und mit einer Behinderung wie seiner gebe es eigentlich nur zwei Optionen: Büro oder eine Werkstatt einer Institution. «Aber wenn man kognitiv gut beieinander ist, ist die Arbeit in einer solchen Werkstatt nichts: Tagelang immer wieder die gleiche Arbeit – das kann man nicht ewig machen.» Deshalb lebt Graf seither von der Invaliden­rente. Neben dem Youtube-Kanal nimmt er auch immer mal wieder an Podien teil, als Experte, wie er selber sagt. Zudem arbeite er bei einer Projektgruppe für einen Gesetzesentwurf des Kantons mit.

Er sieht sich aber nicht als politisch, «eher als Aktivist». Dass in der Behindertenfrage zu wenig Betroffene zu Wort kommen, liegt seiner Meinung nach jedoch weniger an fehlenden Plattformen. «Meines Erachtens werden Personen, die eine Behinderung haben, in den Jugendjahren zu lange zu stark beschützt, und wenn sie sich später für sich selbst einsetzen sollten, verstecken sie sich oft hinter ihrer Behinderung.» Für ihn sei sein Videokanal deshalb eine Form, seine Eigenverantwortung wahrzunehmen.

Zoe Gwerder

zoe.gwerder@zugerzeitung.ch

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