CHAM: Dieser 73-Jährige denkt noch lange nicht an Ruhestand

Nach dem offiziellen Pensionsalter noch weiter arbeiten: für die einen unvorstellbar, für Urs Baumgartner erfüllend.

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«In den nächsten zwanzig Jahren muss man noch mit mir rechnen», sagt der technisch versierte Urs Baumgartner. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

«In den nächsten zwanzig Jahren muss man noch mit mir rechnen», sagt der technisch versierte Urs Baumgartner. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Neugierig, innovativ, überzeugend, ehrgeizig, unermüdlich: Diese Eigenschaften vereint Urs Baumgartner. Er ist selbstständig erwerbend, in der Marketing- und Werbebranche tätig und bildet seit zwölf Jahren ein oder zwei Lehrlinge gleichzeitig aus. Die Arbeitswelt wird von dreissig Jahr Jüngeren dominiert, doch damit kann Baumgartner gut umgehen. «Als mir einmal ein Kunde sagte, dass wir in unserem Alter – tatsächlich war er um einiges jünger als ich – nicht mehr so technisch versiert seien in der digitalen Welt und das nicht mehr können würden, verletzte mich das schon», erzählt der 73-Jährige. Seit diesem Vorfall hat er aber ein Rezept entwickelt, weil er weiss, dass ihn Jüngere aufgrund seines Alters nicht immer ernst nehmen. «Ich nehme einen meiner Lehrlinge mit zu solchen Besprechungen.»

Zu jedem Bild das treffende Wort

Baumgartners Atelier am Kirchplatz in Cham ist mit der neusten Technik ausgerüstet. Seine Lehrlinge bildet er in Polygrafie und Interactive Media Design aus. In seiner Firma «Baumgartner Marketing Werbung PR» kümmert er sich um dreidimensionale Animationen und zwei- sowie dreidimensionale Grafiken zur Visualisierung von Hightech-Maschinen. Baumgartners Prospekte, Videos und elektronische Verkaufsdokumentationen dienen seinen Kunden, die meist in der Uhrenindustrie zu finden sind, zur Verkaufsberatung. «Ich habe mir alles selbst beigebracht», sagt Baumgartner stolz. «Denn es ist mir wichtig, dass zur Grafik oder einem Bild jeweils die treffenden Worte und Definitionen stehen.»

Gierig nach Neuem

Während des Gesprächs mit ihm fällt auf: Wie in seinen Prospekten ist ihm auch beim Sprechen wichtig, dem Gesagten ein Bild zu geben. Er spricht mit den Händen und erzählt lieber eine passende Anekdote als direkt auf eine Frage zu antworten – er stellt alles möglichst anschaulich dar.

Bereits vor rund zehn Jahren dachte der 73-Jährige, sein Zug sei abgefahren. «Einer meiner Kunden wollte dreidimensionale Grafiken. Ich konnte das nicht – das hat mich sehr beschäftigt», gibt der Chamer zu. Doch den Kopf in den Sand zu stecken, ist nicht seine Art. «Ich kaufte mir das entsprechende Computerprogramm, übte über Monate und mache seit damals die Grafiken dreidimensional, wenn das verlangt wird.» Gesagt, getan. «Ich bin halt einfach neugierig – gierig nach Neuem», sagt Baumgartner. Diese Neugier scheint ihm wichtig zu sein, denn er wiederholt den Satz noch einige Male.

Durch seine zahlreichen Anekdoten aus dem Berufsleben entsteht der Eindruck, dass der studierte Ingenieur und Marktforscher ein Macher ist und sich auch von neuen Technologien nicht aufhalten lässt: Smartphone und Tablet gehören zu seiner Ausrüstung. Im Alltag sieht er den Schlüssel in der Kommunikation: «Ich spreche mit den Leuten und das lieber persönlich als per Telefon. Damit versuche ich, immer das Maximum für meine Kunden rauszuholen», sagt er und geht noch einen Schritt weiter: «Marketing ist nichts anderes als Liebe deinen Nächsten.»

Stolz auf die Lehrlinge

Inmitten der jungen Mitarbeiter fühlt der 73-Jährige sich wohl. «Ich wollte früher immer Lehrer werden, und dieser Traum realisierte sich vor zwölf Jahren mit der Einstellung meines ersten Lehrlings», gibt Baumgartner zu und setzt seine Brille auf, um nach weiteren Prospekten zu suchen, welche die Arbeit seiner Firma zeigen. Er sei sehr stolz auf seine Lehrlinge. «Ich kann mir gut vorstellen, meine Firma an jemanden zu übergeben, der bei mir in der Lehre war», sagt Baumgartner, der selber keine eigenen Kinder hat.

Vorbild ist Hans Erni

Für den Pensionär steht eins jedoch fest: «In den nächsten zwanzig Jahren muss man noch mit mir rechnen – ich sehe ja noch nicht aus wie 106-jährig», stellt er klar. Sein Vorbild bezüglich Lebenseinstellung ist Hans Erni, den er zu Beginn des Gesprächs zitiert. Der Luzerner Maler hat noch bis ins hohe Alter gearbeitet. Mit 106 Jahren ist er 2015 gestorben. In seiner Freizeit hält Urs Baumgartner sich fit und ernährt sich stets gesund. «Ich warte nicht auf den Tod, sondern lebe», meint der 73-Jährige pragmatisch. Im Sommer gehe er jeden Tag im Zuger See schwimmen mit seiner Frau Maria. Diese ist seit einigen Jahren dement und wird von einer Pflegerin betreut. Mit der Doppelbelastung kommt Baumgartner zurecht, versichert er und zwinkert seiner Frau zu: «Gäll Maria, heute trinken wir noch ein Bier zusammen.»

Andrea Muff