CHAM: Migros-Pläne gefährden einen Treffpunkt

Der Detailhandelsriese will im Einkaufszentrum Neudorf wachsen. Das vorliegende Bauprojekt bringt einerseits markante optische Veränderungen mit sich, andererseits würde die Bewilligung das Aus für einen Nachbarn bedeuten.

Raphael Biermayr
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Der halbrunde Vorbau mit dem Hintereingang zum Neudorf soll zu Gunsten grösserer Nutzfläche verschwinden. (Bild: Stefan Kaiser (Cham, 23. Mai 2017))

Der halbrunde Vorbau mit dem Hintereingang zum Neudorf soll zu Gunsten grösserer Nutzfläche verschwinden. (Bild: Stefan Kaiser (Cham, 23. Mai 2017))

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Gestern, kurz vor Mittag, im hinteren Teil des Einkaufscenters Neudorf in Cham: Nur das abwechslungsweise Piepen der Lesegeräte an den Migros-Kassen vermag die Stille zu stören. Gegenüber hinter der Schiebetür zur Express-Bar sitzen drei Seelen im Zigarettenqualm. Und im Treppenhaus zur oberen Etage grüsst einen eine fette schwarze Spinne. Das Neudorf gilt seit jeher als unaufgeregter Einkaufsort im Schatten des «Zugerlands», daran hat sich auch nach der Modernisierung 2003/04 nichts geändert. Die Migros ist die grösste Mieterin und ist seit 1990 im 1983 eröffneten Center präsent. Im Zuge erwähnter Neugestaltung ist die Filiale des Detailhändlers auf 1300 Quadratmeter gewachsen. Nun ist der nächste Schritt vorgesehen: Dereinst soll der Laden im Erdgeschoss mitsamt Nebenräumen 1800 Quadratmeter einnehmen.

Darüber hinaus will die Migros den ausserhalb des Centers liegenden Anlieferungs- und Lagerbereich neu bauen. Das Baugesuch für das auf 2 Millionen Franken veranschlagte Projekt der Eigentümerin Suva liegt derzeit auf, die Einsprachefrist läuft bis und mit 31. Mai.

Die Express-Bar ist in Gefahr

Diese geplanten Änderungen mit dem Ziel einer grösseren Nutz­fläche fordern ihren Tribut: Der halbrunde Vorbau in Richtung Sonneggquartier soll verschwinden, ebenso eine der beiden Treppen zur Tiefgarage innerhalb des Centers. Das notorisch leere Ladenlokal links vom heutigen Hintereingang und die danebenliegende Express-Bar würden keinen Platz mehr haben – der neue Eingang verläuft durch die heutige Bar. Jene gilt vielen nach dem Wegfall der Beizen rundherum als Treffpunkt und verfügt – nicht zuletzt dank der Raucherfreundlichkeit – über eine treue Kundschaft.

Der drohende Wegfall der Express-Bar hat in unserer Zeitung einen Leserbriefschreiber auf den Plan gerufen. Jean- Pierre Prodolliet aus Cham moniert darin sinngemäss, dass die geplante Umgestaltung des Hintereingangs zum Neudorf-Center das heutige harmonische Bild zerstören würde. Darüber hinaus würde durch den Verlust einer Begegnungsmöglichkeit die Vielfältigkeit im Neudorf gefährdet. Der Migros gehe es «nur um ihr wirtschaftliches Interesse. Wie sie dieses mit diesem Projekt begründet, ist ihr Geheimnis», schreibt Prodolliet weiter. Er zweifelt also die Nachfrage an.

«Durchaus Potenzial in Cham»

Die Migros hält dem die Ergebnisse «regelmässiger Kundenumfragen» entgegen. Diese zeigten, dass der Standort in Cham «bezüglich der Platzverhältnisse an seine Grenzen gekommen ist und die Kunden eine grössere Filiale begrüssen würden», schreibt die Kommunikationsverantwortliche Antonia Reinhard. Darüber hinaus würden Marktanalysen ergeben, dass «wir in Cham durchaus Potenzial für eine Erweiterung der Verkaufsfläche haben». Auf die Frage, ob die Ausbaupläne im Zusammenhang mit möglichen Plänen von Coop stünden (siehe Box), schreibt Reinhard: «Wir äussern uns nicht zu möglichen Themen von Mitbewerbern.»

Auch für die Verkehrsteil­nehmer sehen die Pläne für das Neudorf Veränderungen vor: Die Längsparkplätze in der Neudorfstrasse sollen einem Velostreifen weichen und später – wenn das ehemalige Papieri-Gleis zu einem Veloweg wird – begrünt werden. Apropos Grün: Gemäss einer amüsanten Formulierung in der Beschreibung des Bauvorhabens der zuständigen Architekten soll «eine strauchartige Bepflanzung» die veränderte Neudorfstrasse aufhübschen.