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CHAM: «Parsifal» im Glockenstuhl

Zwar besitzt die reformierte Kirche mit vier Glocken ein eher bescheidenes Geläut. Doch entsprechen die Tonlagen einem berühmten Motiv aus Richard Wagners letzter Monumentaloper.
Andreas Faessler
Das Geläut im Turm der reformierten Kirche Cham entspricht mit der Anordnung c-g-a-e dem Gralsmotiv aus Richard Wagners «Parsifal». (Bild Andreas Faessler)

Das Geläut im Turm der reformierten Kirche Cham entspricht mit der Anordnung c-g-a-e dem Gralsmotiv aus Richard Wagners «Parsifal». (Bild Andreas Faessler)

Wo immer eine Kirche fertiggestellt ist, gilt der Glockenaufzug als einer der letzten grossen feierlichen Akte, bevor das Gebäude endgültig seiner Bestimmung übergeben wird. So auch in Cham im Jahre 1915. Die neue Kirche der Reformierten war fertig, fehlte nur noch das Geläut. Am 3. November besagten Jahres wurden die bei der bekannten Glockengiesserei Rüetschi in Aarau hergestellten vier Glocken auf einem Wagen mit Pferden herbeigeschafft und unter den Augen vieler Neugieriger über ein Holzgerüst per Flaschenzug in den eisernen Glockenstuhl eingebracht. Wie dem Text von Lokalhistoriker Jürg Johner in der Festschrift «100 Jahre ref. Kirche Cham» zu entnehmen ist, wurden die vier Glocken bis 1937 von so genannten Läutbuben mit Körpereinsatz betrieben, eh der Glockenstuhl elektrifiziert wurde.

Eine Besonderheit des Geläuts im Turm der reformierten Kirche Cham sind die Tonlagen der einzelnen, in zwei Zweiergruppen parallel übereinander angeordneten Glocken. In ihrer harmonisch-melodischen Disposition c-g-a-e entsprechen die Töne dem so genannten «Parsifalmotiv» oder auch «Gralsmotiv» aus Richard Wagners letzter Oper. Für diese eingängige Tonfolge liess Wagner vom Bayreuther Klavierbauer Eduard Steingraeber eigens die Sonderkonstruktion eines Instruments anfertigen. Mit dem «Gralsglockenklavier» liessen sich diese bedrohlich tiefen Glockentöne von der Gralsburg besonders effektiv erzeugen und dem Handlungsstrang die vom Komponisten gewünschte Dramatik einhauchen.

Selbstverständlich nimmt man nicht diese charakteristische Melodie wahr, wenn das Vollgeläut in der Chamer Kirche schwingt, denn dann erklingen die Töne ja voneinander völlig unabhängig, also «durcheinander» – und auch nicht in dieser grollenden Tiefe wie in der Oper. Aber bezüglich Tonlage und Klangbild erschallen sie eben stets in der Reihung des Gralsmotivs aus «Parsifal». Diese Harmonie hat sich für das menschliche Ohr als angenehm empfunden bewährt, sodass in zahlreichen Kirchen ein Glockenquartett mit dieser Tonlagenanordnung hängt.

Andreas Faessler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach. Frühere Beiträge finden Sie unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

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