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CHAM: Sebastian Meier verwaltet seit 50 Jahren das Kloster Frauenthal

Nach 50 Dienstjahren im Kloster Frauenthal steht Sebastian Meier (77) vor der Pensionierung. Die Abgeschiedenheit seines Arbeits- und Lebensorts wirkt behütend, doch sie schützt nicht gegen die Fragezeichen hinter der Zukunft.
Raphael Biermayr
Sebastian Meier steht im Klosterhof, den er in den vergangenen Jahrzehnten ungezählte Male passiert hat. (Bild: Marijan Radat (Frauenthal, 7. März 2018))

Sebastian Meier steht im Klosterhof, den er in den vergangenen Jahrzehnten ungezählte Male passiert hat. (Bild: Marijan Radat (Frauenthal, 7. März 2018))

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Es ist der 1. April 1968, kurz vor 7 Uhr. Am Morgenhimmel über dem Frauenthal kündigt sich ein herrlicher Frühlingstag an. Die Lorze fliesst ruhig dahin, und ein junger Mann geht nervös auf ein Gebäude zu. 15 Männer werden sich gleich dort einfinden, um seine Anweisungen entgegenzunehmen. Er ist der neue Gutsverwalter des Klosters und mit 27 Jahren zu jung, um seine Meisterprüfung als Bauer abzulegen. «Ich schluckte einmal leer. Dann ging ich es an», sagt Sebastian Meier, als er fast 50 Jahre später auf dasselbe Gebäude zeigt, vor dem die Arbeitsvergabe allmorgendlich erfolgte.

Die Männer von damals sind längst weg, überhaupt hat sich vieles geändert seither. Sebastian und Helen Meier sind immer noch da. Sie arbeiten weiterhin im und um das Kloster und leben nach wie vor in dem grossen Verwalterhaus, in dem ihre fünf Kinder aufgewachsen sind. Das Haus, in dem die Meiers 1992 beobachteten, wie ein beispielloser Sturm über das Frauenthal fegte und Zerstörung hinterliess. Dieses Ereignis ist eines von zweien, die sich Sebastian Meier besonders ins Gedächtnis gebrannt haben. Das andere ist die Notschlachtung von 64 Kühen im Jahr 1984 wegen Seuchengefahr. «Ein schwieriger Moment», sagt Meier leise. Kühe sind ihm wichtig. Ein Bild in der Bauernstube des Verwalterhauses zeigt, woran ihm sonst noch im Leben liegt: an seinem Arbeitgeber und vor allem an der Familie.

Der Bedeutung des Namens gefolgt

Meier legt grossen Wert darauf, seine Dankbarkeit gegenüber seiner Frau Helen auszudrücken. Es wird auch aus seinen Schilderungen klar, dass ein starker Gutsverwalter eine starke Frau an seiner Seite braucht. Im Jahr 1968 waren sie noch nicht lange verheiratet, als der lebensweisende Entscheid bevorstand, den eigenen kleinen Bauernhof in Wettingen AG zu Gunsten einer unsicheren Zukunft im fernen Frauenthal aufzugeben. Eine Ordensschwester hatte ihn dafür vorgeschlagen – Sebastian Meiers leibliche Schwester. Das junge Ehepaar entschied sich zu diesem Schritt, «dem besten in unserem Leben», ist er überzeugt. Er ist damit der Bedeutung seines Familiennamens gefolgt: Ein Meier war ursprünglich ein Verwalter.

Die Meiers und die Klosterschwestern sind Haus an Haus alt geworden. Die Zeit, als die Schwestern – Ende der 1960er-Jahre waren es noch 43 – bei der Ernte oder dem Heuen geholfen haben, ist lange vorbei. Heute leben noch zehn von ihnen im Frauenthal, eine davon temporär: Seit 1957 hat das Kloster einen Ableger in den USA. Von dort reist seit einigen Jahren eine jüngere Schwester in die Schweiz, um die Frauen zu unterstützen. Darüber hinaus kümmert sich Helen Meier um die weltlichen Belange der Schwestern: Einkaufen oder Fahrdienste zum Arzt und Zahnarzt. «Wir sind das Tixi-Taxi hier», sagt Sebastian Meier lachend. Sein Titel lautet zwar noch gleich wie vor 50 Jahren, sein Aufgabenbereich ist allerdings deutlich reduziert. Der klösterliche Landwirtschaftsbetrieb ist seit 2003 verpachtet, an Meiers ältesten Sohn Thomas und den gleichberechtigten Partner Adrian Arnold. Das bedeutete die Aufgabe eines weiteren Teils der Unabhängigkeit, die das Kloster sich über mehr als 700 Jahre aufgebaut hatte: Wasser, Holz, Elektrizität, Lebensmittel – und ein Friedhof gehören dazu. Meier tat sich schwer damit, aber es habe keine andere Wahl gegeben. «Wir wären damals verlumpt.» Der Bund habe die Direktzahlungen an Betriebe dieser Art gestrichen. Sebastian Meier versteht die Gründe dafür bis heute nicht. Er war selbst politisch aktiv, unter anderem als Kantonsrat, natürlich für die CVP (1983 bis 1992). Auch sein ausserberufliches Engagement sei oft mit dem Kloster im Zusammenhang gestanden. Darüber hinaus war es auch eine Möglichkeit, der Abgeschiedenheit im Frauenthal zu entkommen.

Rom sendet positive Signale aus

Er sei aber immer schnell zurückgekehrt in diese eigene Welt. Er tut alles, um sie zu erhalten – aber nicht um jeden Preis. «Die Pachtzinsen aus den Landwirtschaftsbetrieben reichen nicht aus, um das Kloster und die Kirche auf Dauer zu erhalten», sagt Meier offen. Erhalten bedeutet seiner Überzeugung zufolge nicht einfach durchbringen, sondern stets in einem gepflegten Zustand zu präsentieren. Die letzten Renovationen konnten durch Einkünfte aus Landverkäufen an den Kanton bestritten werden. Doch solche sind nicht kalkulierbar, und über Land in der Bauzone verfügt das Kloster nicht. Der Entscheid über die Zukunft des Standorts liegt bei der katholischen Kirche. «Der Generalabt in Rom hat signalisiert, dass er das Kloster Frauenthal erhalten will», weiss Meier. Und er weiss auch, dass die Hoffnung an diesem Ort eine besonders grosse Kraft hat. Klar ist heute einzig, dass der Verwalter des Klosters auch nach der Pensionierung von Sebastian Meier in diesem Jahr Meier heissen wird: Sein Sohn Raphael wird sich gemäss dem Vater «auf Wunsch der Klostergemeinschaft» der Aufgaben annehmen, im Teilpensum neben seiner Tätigkeit bei einer Bank.

Der neue Meier ist im Frauenthal aufgewachsen und kennt sich dort aus – wahrscheinlich wird er am ersten Ar­beitstag nicht nervös sein.

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