CHAM: Singen schafft Brücken

Das Innerschweizer Gesangsfest ist im vollen Gange. Die Chöre versprühten Gänsehautstimmung. Sorgen bereitet den Sängern aber der fehlende Nachwuchs.

Nadja Iten
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Bis am Sonntag dauert das Innerschweizer Gesangsfest in Cham an. Im Bild: der Männerchor Egolzwil-Wauwil unter der Leitung von Sonja Füchslin beim Auftritt im Schulhaus Röhrliberg. (Bild: Roger Zbinden  / Neue LZ)

Bis am Sonntag dauert das Innerschweizer Gesangsfest in Cham an. Im Bild: der Männerchor Egolzwil-Wauwil unter der Leitung von Sonja Füchslin beim Auftritt im Schulhaus Röhrliberg. (Bild: Roger Zbinden / Neue LZ)

Nadja Iten

Das 19. Innerschweizer Gesangsfest ist in vollem Gange. Unter dem Motto «Eifach singe» führen die Männerchöre Zug-Cham und der Chor Rumantsch Zug im Auftrag des Verbandes Chöre Innerschweiz den Grossanlass durch. Das Organisationskomitee unter der Leitung des Zuger Ständerates Peter Hegglin, hat die umfangreichen Vorbereitungsarbeiten an die Hand genommen. Dabei ist ein Volksfest entstanden, das sich sehen lässt.

Der Maennerchor Concordia Willisau bei seinem Auftritt am Innerschweizer Gesangsfest vom Sonntag. (Bild: URS FLUEELER)
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Der Einzug der Fahnen am Innerschweizer Gesangsfest vom Sonntag. (Bild: URS FLUEELER)
Ein Chor bei einem Auftritt am Innerschweizer Gesangsfest vom Sonnta. (Bild: URS FLUEELER)
Der Männerchor Baar unter der Leitung von Jonas Herzog singt im Schulhaus Röhrliberg 1 vor. (Bild: Roger Zbinden (Neue NZ))
Die Experten bewerten den Auftritt der Chöre. (Bild: Roger Zbinden (Neue NZ))
Der Männerchor Egolzwil-Wauwil unter der Leitung von Sonja Füchslin tritt im Schulhaus Röhrliberg 2 auf. (Bild: Roger Zbinden (Neue NZ))
Der Männerchor Buch bei Frauenfeld. (Bild: Roger Zbinden (Neue NZ))
Der Frauenchor Hombrechtikon. (Bild: Roger Zbinden (Neue NZ))
Andreas Wiedmer dirigiert den Männerchor Sursee beim Auftritt im Schulhaus Kirchbühl 2. (Bild: Roger Zbinden (Neue NZ))
Der Männerchor Sursee singt im Schulhaus Kirchbühl 2. (Bild: Roger Zbinden (Neue NZ))
Im Festzelt nehmen die Chormitglieder das Mittagessen ein. (Bild: Roger Zbinden (Neue NZ))
Im Festzelt sitzen die Chöre zum Mittagessen beisammen. (Bild: Roger Zbinden (Neue NZ))
Für die Verpflegung sorgen zahlreiche Helfer: Hier bereiten Paul Küng (links) und Werner Studer den Braten zu. (Bild: Roger Zbinden (Neue NZ))

Der Maennerchor Concordia Willisau bei seinem Auftritt am Innerschweizer Gesangsfest vom Sonntag. (Bild: URS FLUEELER)

Gemeinsames Singen verbindet

Wo immer man sich auf dem Festgelände aufhält, strömt Gesang aus den Männer- und Frauenkehlen. Die warmen Melodien mäandern auf und ab. Irgendwo nimmt man das Lied «Halleluja» wahr. Gänsehaut pur. Dabei könnte der optische Kontrast nicht grösser sein. Auf der Strasse herrscht geschäftiges Leben. Velofahrer, Autos und Fussgänger sind unterwegs. Auf dem Areal beim Lorzensaal in Cham findet der Samstagsmarkt statt. Wahrlich eine schöne Symbiose.

Franziska Hach, Vize-Dirigentin des Männerchors Harmonie in Altdorf, ist begeistert. Sie hat gerade «ihre Männer» dirigiert und ist zufrieden. «Bis jetzt gefällt uns der Anlass sehr gut. Es ist alles perfekt organisiert», sagt sie. Für Hach – sie ist Konzertpianistin – ist Musik ihre grösste Leidenschaft. «Zusammen singen verbindet und schafft Brücken», sagt sie. Dies konnten gestern die Zuhörer in Cham am eigenen Leib erfahren: Wo man auch hinging – es wurde gelacht, geplaudert und gefachsimpelt.

Durchschnittsalter: 65 Jahre

«Wen man aus einer Familie kommt, die Musik macht, dann macht man später auch Musik», sagt der 75-jährige Fritz Köppel aus Baar. Er sitzt mit einigen seiner Chorkollegen vom Männerchor Goldau an einem Tisch. Sein Chor steht unter der Leitung von Esther Rickenbach-Bader. Das Durchschnittsalter liegt bei 65 Jahren. «Junge Menschen für einen Gesangsverein zu motivieren, ist beim heutigen Freizeit­angebot schier unmöglich», sagt Fritz Köppel. Doch nicht ganz unmöglich. Willy Joos, 35 Jahre, aus Goldau ist der lebendige Beweis dafür. «Ich möchte, dass die jungen Menschen wieder in die Reihen der Gesangsvereine finden. Singen ist nämlich einfach schön», sagt der Profimusiker.

Wetter konnte nichts anhaben

Singen sei eine Herzensangelegenheit und vielmehr als nur ein Trend, sagt auch die 65-jährige Kati Mayer aus Rombach. Genau in diese Richtung zielt auch das heurige Motto des Fests – «eifach singe».

Heute Sonntag gehen die Festlichkeiten mit einigen weiteren Höhepunkten zu Ende. Um 09 Uhr findet der Festgottesdienst mit dem Chor «Audite Nova Zug» in der St.-Jakob-Kirche statt. Danach kann man sich von der Chor- Matinee im Lorzensaal bezaubern lassen. Ab 16 Uhr präsentieren dann die Kinder- und Jugendchöre im Hirsgarten ihr Repertoire den Zuhörern. Die Musikgesellschaft Cham wird anschliessend mit einem Konzert das 19. Innerschweizer Gesangsfest zu seinem wohlverdienten Abschluss führen.

Bereits zur Eröffnung am Freitag gab es einige musikalische Leckerbissen. So sang etwa der Kinderchor Hünenberg sowie der Edmonton Swiss Men’s Choir für die Sponsoren und geladenen Gäste auf. «Ein gelungener Auftakt war das, auch wenn das Wetter nicht ganz auf unserer Seite stand», sagt Helen Affolter, Medienverantwortliche des Festes. «Donner und Blitz konnten jedoch der guten Stimmung nichts anhaben.» Es sei ein geglückter Beginn gewesen für ein intensives und farbenfrohes Singfest, das heute zu Ende gehen wird. Aber bei den Teilnehmern und den Zuhörer noch lange in bester Erinnerung bleiben wird.

Galerie: Mehr Bilder zum Gesangsfest unter: www.zugerzeitung.ch/bilder

«Der Körper schwingt, die Seele schwingt»

Interview Menschen singen gerne – im Chor, im Auto, unter der Dusche. Warum eigentlich? Armon Caviezel, Chefexperte der Schweizer Chorvereinigung SCV und Dirigent des Kirchenchors Bruder Klaus in Oberwil, gibt Antworten.

«Durch Singen und Musizieren stärken die jungen Menschen ihre Persönlichkeit.» Armon Caviezel (Bild: Dominik Hodel / Neue ZZ)

«Durch Singen und Musizieren stärken die jungen Menschen ihre Persönlichkeit.» Armon Caviezel (Bild: Dominik Hodel / Neue ZZ)


Armon Caviezel, Sie sind seit Jahren Dirigent. Was bereitet Ihnen dabei am meisten Spass?
Armon Caviezel: Seit 1972 leite ich den Chor in Oberwil und bin immer wieder von neuem fasziniert, wie unser Singen mit dem «echten» Leben in Zusammenhang steht. Singen, und dies speziell in der Gemeinschaft, ist wahrscheinlich die älteste, ursprünglichste musikalische Äusserungsform überhaupt. Das menschliche Instrument ist der Körper selbst. Emotionen können durch den Gesang unmittelbar zum Ausdruck kommen. Der Körper schwingt – die Seele schwingt.

Aber warum singen denn Menschen so gerne zusammen?
Caviezel: Yehudi Menuhin sagte einmal: «Das Singen ist die eigentliche Muttersprache aller Menschen: Denn sie ist die natürlichste und einfachste Weise, in der wir ungeteilt da sind und uns ganz mitteilen können – mit allen unseren Erfahrungen, Empfindungen und Hoffnungen.» Im Singen sind wir schöpfend und schöpferisch: Durch den Gesang beseelen wir unser Tun, schenken uns und den Hörenden Freude und helfen mit, die «Tore» der Seele zu öffnen. Singen ist eine Art sozialer Kitt zwischen den Menschen. Singen ist immer ein soziales Ereignis. Gemeinsam singen heisst, miteinander in Schwingung zu geraten, gemeinsam zu gestalten und zu formen, gemeinsam etwas auszudrücken.

Dann ist Singen auch gesund?
Caviezel: Diese Frage könnte auch lauten: Warum bewegt uns Musik immer wieder? Der Mensch wird durch das Singen betroffen. Es trifft ihn, es geht ihn etwas an; dies schlicht und einfach, weil er selbst Musik, das heisst Schwingung, ist. Töne haben eine nachweisbare Wirkung auf unsere Lebensenergie, die durch stressfreie, natürliche Klänge gestärkt wird. Singen löst nebst Empfindungen physikalische Prozesse in unserem Körper aus: Atem, Kreislauf, Schwingungen der einzelnen Organe. Singen und richtiges Atmen fördern dabei die Durchblutung der Organe. Wir empfinden daher ein Wohlbefinden, das bis in die Tiefe der Seele wirkt.

Sind es eigentlich tendenziell mehr Männer oder Frauen, die gerne singen?
Caviezel: In vielen Chören sind die Frauen in der Überzahl. Das Einstiegsalter in einen Chor hängt von verschiedenen Aspekten ab: unter anderem von der Positionierung eines Chors. Zu guter Letzt spielt nebst dem Qualitätsanspruch der soziale Aspekt eine entscheidende Rolle. Nach dem Motto: «Das ist mein Chor, da ist es mir wohl.»

Bass, Alt, Sopran, Tenor gelten als klassische Stimmlagen. Sind diese Stimmlagen rein klanglich eigentlich auch mit bestimmten Stimmungslagen verbunden?
Caviezel: Jede Stimme ist der entsprechende Fingerabdruck. Das heisst: Die Stimme gibt einen Abdruck der jeweiligen Verfassung des Sängers oder der Sängerin wieder. Dies gilt für alle Stimmlagen. Entscheidend ist die Art des Ausdrucks. Eine entspannte Stimme wirkt liebevoller als eine angespannte, welche angstvoll oder gereizt wirkt. Eine tiefe Stimme kann Entspannung und Ruhe ausdrücken. Eine leise Stimme kann zurückhaltend wirken. Natürlich hat jede der klassischen Stimmlagen auch ihre traditionelle Aufgabe: Sopran als Melodie, Bass als Fundament und harmonische Grundlage, Alt und Tenor als Stimmen, welche die Harmonie füllen.

Heutzutage streben viele junge Menschen – auch inspiriert durchs Fernsehen – eine Karriere als Sänger oder Sängerin in Bands oder solo an. Wie realistisch ist so etwas?
Caviezel: Tatsächlich musizieren heute viele junge Menschen in Bands oder singen in Vokalensembles der verschiedensten Couleur. Dabei ist das eigene Tun, das eigene Gestalten der Motor. Diese erfreuliche Entwicklung ist nicht zuletzt auf die hervorragende Arbeit in den Musikschulen der Zuger Gemeinden zurückzuführen. Durch das Singen und Musizieren stärken die jungen Menschen ihre Persönlichkeit. Die für uns alle so wichtige emotionale Kraft und Kompetenz wird auch beim Musizieren prioritär gefördert. Der Weg zur Solokarriere ist nur den wenigsten vorbehalten. Auch da gilt das fast immer nicht beeinflussbare Momentum «zur richtigen Zeit am richtigen Ort».

Wolfgang Holz
wolfgang.holz@zugerzeitung.ch