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CHAM: So wird aus dem Essen Biogas

Bauer Geri Widmer sammelt seit 1981 Speisereste ein. Früher verfütterte er sie den Schweinen – heute wird daraus Energie gewonnen.
Rahel Hug
Geri Widmer auf seiner Sammeltour in Steinhausen (links). Die Speisereste werden im Biomasse-Kraftwerk in Hünenberg zu Biogas weiterverarbeitet. Im Bild Mitarbeiter Köbi Suter (rechts unten). (Bilder Stefan Kaiser)

Geri Widmer auf seiner Sammeltour in Steinhausen (links). Die Speisereste werden im Biomasse-Kraftwerk in Hünenberg zu Biogas weiterverarbeitet. Im Bild Mitarbeiter Köbi Suter (rechts unten). (Bilder Stefan Kaiser)

Rahel Hug

Friesencham, 7 Uhr morgens. Der Weiler liegt noch im Schlaf, Nebelschwaden hängen über den Häusern, noch ist es dunkel. Landwirt Geri Widmer ist schon seit über einer Stunde auf den Beinen und hat bereits einen Teil der Stallarbeit erledigt. Der 55-Jährige bauert seit rund 30 Jahren, auf seinem Hof hält er Mastschweine und Muttertiere. Die Schweinezucht ist aber nicht sein einziges Standbein. Jetzt, um 7 Uhr, schwingt Widmer sich auf seinen Traktor und macht sich auf den Weg in Richtung Steinhausen. In den kommenden zwei Stunden wird er in Restaurants, Altersheimen und Kliniken die Speisereste aus den vergangenen Tagen einsammeln. Am Schluss bringt er die Abfälle in die Anlage der Biomasse Energie AG in Hünenberg (siehe Box), wo daraus CO2-neutrales Biogas gewonnen wird.

Erste Station: Zugerland-Bistro

Als erste Station steuert Geri Widmer das Bistro im Einkaufszentrum Zugerland an. Langsam dämmert es, und auf den Strassen kehrt Leben ein. Routiniert parkiert er seinen Traktor mitsamt Anhänger im Hinterhof. 24 leere, desinfizierte Behälter hat er dabei, die er nun gegen volle austauschen wird. Widmer zieht seine Handschuhe an, blickt in den bereitgestellten Container und lädt ihn auf seinen Wagen. «Diesmal ist nicht viel drin», stellt er fest. Unter anderem hat der Gastrobetrieb eine Pflanze entsorgt. «Das war wohl die Dekoration», vermutet der Landwirt. Und schon geht es weiter: Als nächstes wird er bei den Steinhauser Restaurants Schnitz und Gwunder sowie Rössli vorbeifahren.

«Speiseresten-Express» heisst das kleine Business, das Geri Widmers Nachbar einst aufgebaut und er nach dessen Tod 1981 übernommen und weitergeführt hat. Damals gab es das Biomasse-Kraftwerk in Hünenberg noch nicht. Die biogenen Abfälle dienten einem ganz anderen Zweck: Sie wurden den Schweinen verfüttert. «Für die Zucht benötigt man eiweissreiches Futter», erklärt Geri Widmer. «Die Essensreste waren dafür perfekt.» Seit 2011 ist das Verfüttern von Speiseresten aus Gastrobetrieben an Nutztiere verboten – wegen der Gefahr von Tierseuchen. Ein Umstand, den Geri Widmer bedauert. «Seitdem muss ich viel mehr Futter dazukaufen. Das Soja darin stammt aus Brasilien – ein ökologischer Wahnsinn», ärgert sich der Bauer.

Doch Vorschriften sind Vorschriften. Widmer suchte nach einer neuen Möglichkeit, die Essensreste aus der Region loszuwerden und damit sein Geschäft weiterzuführen. Er trat in Kontakt mit den Initianten des Hünenberger Kraftwerks. Dieses wurde zunächst lediglich für die Verwertung von Gülle konzipiert. Eine zusätzlich eingebaute, sogenannte Hygienisierungsanlage ermöglichte es schliesslich, auch Speisereste zu verarbeiten. Widmer hatte den perfekten Partner gefunden.

Geruch stört nicht

Inzwischen ist der «Speiseresten-Express» bei einer Cateringfirma im Chamer Industriegebiet angekommen. Seine «Tour d’Ennetsee» führt Geri Widmer weiter zum Restaurant Blinker, zum Lorzensaal, zur Andreas-Klinik und zuletzt zum Alterszentrum Büel. Rüstabfälle, Knochen, Kaffeesatz, Reste einer Schoggicreme, Eierschalen, Salat, und vieles mehr landet hier im Abfall. Der teils strenge Geruch stört Geri Widmer nicht im geringsten. «Das gehört zum Kreislauf, es ist etwas ganz natürliches», erklärt er.

Durchschnittlich sieben Tonnen Speisereste sammelt der dreifache Familienvater pro Woche ein. «Ich bin jeden Tag unterwegs, ausser am Sonntag», sagt er. Das ist nötig, um seine 34 Kunden «bedienen» zu können. Dazu gehören unter anderem auch das Theater Casino Zug, das Seniorenzentrum Mülimatt in Oberwil oder das Glencore-Restaurant Fontana in Baar. Als Widmer den Dienst 1981 übernommen hat, fing er klein an: «Zu Beginn konnten wir die Kunden an einer Hand abzählen», berichtet er. Sein Geschäft habe mit der Zeit stetig wachsen können, wobei er in den letzten Jahren wieder einige Kunden verloren habe: «Wenn Restaurants von einer Kette übernommen werden, organisieren sie auch die Entsorgung neu.» Ausserdem spüre er die Konkurrenz aus den Nachbarkantonen: «Es gibt im Aargau beispielsweise Firmen, die bis zu 70 Tonnen am Tag einsammeln.» Im Kanton Zug ist neben Widmer noch ein weiterer zugelassener Dienstleister tätig: die Hürlimann Bio Trans AG mit Sitz in Allenwinden.

Milchwirtschaft aufgegeben

Zwar leisten Geri Widmer und seine Kunden mit dieser Art der Entsorgung einen Beitrag zur nachhaltigen Energiegewinnung, letztlich ist das Geschäft für den Bauer aber reine Überlebensstrategie. «Als Landwirt muss man heute innovativ sein», erklärt Widmer, der früher auch Milchwirtschaft betrieben, diese jedoch 1991 aufgegeben hat. Pro Container, den er einsammelt, verdient er zwischen 10 bis 15 Franken. «Es ist ein idealer Nebenerwerb.»

Es ist 9 Uhr. Die Tour von Geri Widmer neigt sich dem Ende zu. Den Anhänger gut gefüllt mit vollen Behältern, fährt er in Richtung «Biogasi», wie er das Kraftwerk in der Fildern nennt. Hier nimmt Mitarbeiter Köbi Suter die Container entgegen und leert sie. Die Speisereste gelangen in eine Art Mühle, wo sie zerkleinert werden und später in den Kreislauf der Gasgewinnung eingespeist werden. Zuletzt entsteht erneuerbare Energie für Wärme und Strom – es schliesst sich ein Kreislauf, der auf unseren Tellern seinen Anfang genommen hat. Geri Widmer ist überzeugt, dass die Gewinnung von Biogas zukunftsträchtig ist: «Es besteht noch viel Potenzial, auch in der Landwirtschaft.»

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