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CHAM: Von Passanten links liegen gelassen

Ein Mann bricht zusammen und bleibt auf einem Kiesweg nahe des Sees liegen. Passanten marschieren an ihm vorbei. Hilfe kommt erst spät von einer Polizistin, die ausser Dienst ist.
Thomas Heer
Auf den Krankenwagen musste der Mann lange warten, da zunächst niemand Hilfe holte. (Symbolbild ZZ / Maria Schmid)

Auf den Krankenwagen musste der Mann lange warten, da zunächst niemand Hilfe holte. (Symbolbild ZZ / Maria Schmid)

Es war einer jener Herbstabende, die einem unerbittlich spüren liessen, dass der nächste Winter bald hereinbrechen wird. Beissende Kälte schlich sich von den Füssen kommend die Beine hoch, und die Gedanken an bevorstehenden Schnupfen und an Halsschmerzen sorgten für einen zusätzlichen Dämpfer.

Gemäss Meteo Schweiz war es an diesem 11. Oktober um zirka 19.30 Uhr im Gebiet von Cham 6,4 Grad kalt. Zu dieser Uhrzeit herrschte rund um den örtlichen Bahnhof immer noch ein reges Treiben. Zu den Passanten zählte damals auch S. K.* Er war auf dem Nachhauseweg, nachdem er im Dorfzentrum noch einige Besorgungen erledigte. K. spazierte durch den Villette-Park und war kurz davor, die Bahnhofunterführung zu passieren. Soweit kam es aber nicht.

Zirka 100 Meter von den Gleisen entfernt, sackte er auf dem Kiesweg zusammen. «Seit Jahren leide ich an Blutdruckproblemen», sagt K. Am vorvergangenen Dienstag akzentuierten sich die Beschwerden in Verbindung mit einem erhöhten Alkohol-Promille-Wert derart, dass der 48-Jährige im Dunkeln liegen blieb. Wie lange er hilflos, aber bei Bewusstsein, allein seinem Schicksal überlassen war, kann K. nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Er weiss nur so viel: «Mehrere Personen schritten an mir vorbei, ohne dass Sie Hilfe geleistet hätten.»

Auswirkung der Individualisierung

Nach endlosen Minuten der Unsicherheit und einer aufkommenden Unterkühlung kam sie dann – die längst erhoffte Hilfe. Eine Polizistin, die an diesem Abend als Privatperson unterwegs war, nahm sich des Darniederliegenden an und alarmierte unverzüglich ihre diensthabenden Kollegen. Eine Polizistin im Dienst und ihr Kollege kümmerten sich wenig später um den angeschlagenen K.

Vor dem Bahnhofshop, in einem Stuhl sitzend, beantwortete der Rekonvaleszente die Fragen der Sicherheitsfachleute. Es wurde ein Krankenwagen angefordert. Der Fahrer transportierte K. dann schliesslich in die Andreas-Klinik. Dort wurde er umfassend untersucht und anschliessend ins Zuger Kantonsspital nach Baar überstellt, wo er die Nacht verbrachte. Am nächsten Tag gings dann mit der S-Bahn nach Hause.

Warum aber kümmerte sich anfänglich niemand um K., als er hilflos darniederlag? War es Nachlässigkeit, Unaufmerksamkeit, oder war es den Leuten einfach egal? Klar ist: Unterlassung der Nothilfe kann sogar strafbar sein. Carlo Häfeli, Präsident des Weissen Ringes, der sich um Kriminalitätsopfer und deren Familien kümmert, sagt auf Anfrage: «Die Gesellschaft wird kontinuierlich anonymer. Immer weniger Leute wollen sich einmischen, um dann später möglicherweise noch eine Aussage bei der Polizei machen zu müssen.»

* Name der Redaktion bekannt.

Thomas Heer

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