CHAM: Weit oben erfüllt sich sein grosser Traum

Enis Joldic aus Cham hat einen mit Kameras bestückten Wetterballon in die Luft geschickt. Ihn wieder zu finden, war ein Abenteuer.

Marco Morosoli
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Von Cham aus stieg Enis Joldics Wetterballon in die Stratosphäre. (Bild: PD)

Von Cham aus stieg Enis Joldics Wetterballon in die Stratosphäre. (Bild: PD)

«Ich wollte schon als Kind eine Polaroid-Kamera weit hinauf in die Atmosphäre schicken. Aber mein Taschengeld reichte damals nicht dazu», sagt der 26-jährige Chamer Enis Joldic. Die Idee, einen mit Kameras bestückten Wetterballon steigen zu lassen, lässt er aber nicht fallen. Im vergangenen Jahr hat Joldic dann endlich die finanziellen Mittel zur Hand, um seinen Traum zu verwirklichen. Bis zum Erfolg erlebt er aber noch zahlreiche Abenteuer.

Erzählt Joldic von seinem Experiment, wähnt sich der Zuhörer zwischenzeitlich fast wie in einem Drama – mit einer glücklichen Wendung am Schluss.

Den ersten Versuch startet der Ennetseer im vergangenen Juni. Er kauft sich im Internet und in Läden verschiedenste Utensilien, um einen Wetterballon zusammenzustellen. Die Ballonhülle kommt aus Indien, gefüllt wird sie mit Helium aus einem Baumarkt. Die Box ist ebenfalls Stangenware, wobei der Chamer sie stark modifiziert. Er umhüllt sie mit einer Goldfolie, damit die in der Stratosphäre herrschenden Temperaturen den Kameras nichts anhaben können. In einer Höhe zwischen 15 und 50 Kilometer herrschen Temperaturen von bis zu minus 50 Grad Celsius. Eine Kamera ist in Richtung Horizont, eine zum Boden gerichtet. Mit Hilfe einer Software berechnet Joldic, wie weit der Wetterballon ungefähr fliegen könnte. Ein Kollege geht ihm beim Start im Röhrliberg in Cham zur Hand. Um den Ballon später wieder finden zu können, steckt Joldic auch noch ein GPS (Global Positioning Signal) in die Box und schickt ihn auf die Reise.

Von Cham aus stieg Enis Joldics Wetterballon in die Stratosphäre. (Bild: PD)

Von Cham aus stieg Enis Joldics Wetterballon in die Stratosphäre. (Bild: PD)

Alles für Erfolg vorgekehrt

Gespannt folgt Joldic der Flugroute. Ab einer gewissen Höhe gibt es keinen Handyempfang mehr, doch beim Herunterfallen sendet die Box wieder Signale. Die letzte übermittelte Position liegt auf einer Höhe von 2700 Metern in der kleinsten österreichischen Gemeinde Gramais (Tirol). Er macht sich daraufhin vor Ort auf die Suche nach dem Wetterballon. Erfolglos. Nimmt später den weiten Weg nochmals unter die Räder, um unverrichteter Dinge wieder den Heimweg anzutreten. «Ich habe den Bürgermeister gesehen, der mir versprochen hat, sich zu melden, wenn die Box zum Vorschein kommt», sagt Joldic. Vom Gemeindeobmann hat er seither nichts mehr gehört. Joldic vermutet, dass der Ausfall des GPS-Signals auf technische Probleme bei der Datenübertragung zurückzuführen ist.

Die eingesetzten 1600 Franken für alle notwendigen Teile des Wetterballons lösten sich damit in Luft auf. «Ich habe mir dann gedacht: Aufgeben ist keine Option», sagt der Ennetseer Tüftler, der als Broterwerb für eine Grossbank Softwareprogramme im Wertschriftenbereich entwickelt.

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Das gleiche Bauschema

Mittlerweile weiss Joldic, was es für seinen Ballon alles braucht. Am 16. Dezember geht der zweite Wetterballon Marke Joldic mit dem Namen «Goldie II» in die Luft. Wieder hilft ihm ein Kollege beim Start. Er hat sich auch bereit erklärt, bei der Suche hinterher behilflich zu sein. Laut der Prognose müsste der Ballon nach einer Reise von über 300 Kilometer in der Nähe von Mailand landen. Doch wiederum verliert sich die Spur. Nach ein paar Stunden macht sich Enis Joldic enttäuscht auf den Heimweg. «Ich dachte schon wieder, ich hätte alles verloren. Am Abend habe ich dann aber doch nochmals die Seite aufgerufen, wo die Position des Ballons aufgezeichnet wurde», erinnert sich der Chamer und fügt an: «Ich habe meinen Augen nicht getraut.» Der Grund: Der Ballon landete in der südlichen ungarischen Tiefebene. In einer Zeitspanne von rund sieben Stunden hat der Wetterballon eine Strecke von rund 930 Kilometern zurückgelegt. «Ich denke, dass er in den Jetstream geraten ist.» Diese Vermutung stützt ein weiteres Messresultat: Der Ballon saust zeitweise mit einer Geschwindigkeit von 360 Stundenkilometern durch die Luft.

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Schneesturm bremst ihn aus

Auch die zweite Bergung wird zu einem Abenteuer. Einen ersten Versuch, mit dem Auto nach Ungarn zu fahren, müssen Enis Joldic und sein Kollege schon vor der Landesgrenze aufgeben. Es tobt ein Schneesturm. Doch noch gibt er die Hoffnung nicht auf. Während der Weihnachtstage in Bosnien und Herzegowina überzeugt Joldic seinen Onkel, mit ihm nach Ungarn zu fahren. Auch das mit 400 Kilometern kein Katzensprung. Eine erste Hürde gibt es an der ungarisch-kroatischen Grenze. «Die Zöllner dachten, wir wären Schmuggler. Mit einem Ausdruck von Google-Maps mit dem Fundort konnte ich sie aber vom Gegenteil überzeugen.» Aber es ist nicht die letzte Unbill, die Joldic und seinem Verwandten widerfährt. Der Fundort liegt abseits einer Strasse. Joldic macht sich mit seinem GPS-Gerät auf die Suche. Kurze Zeit später gibt es seinen Geist auf. Aufgeben will der Chamer aber nicht. Er kontaktiert seinen Kollegen in der Schweiz, der ihm beim Start half, und lässt sich von ihm fernmündlich leiten. «Nach einer Stunde laufen durch Matsch und Schnee fand ich die Box», sagt der Ennetseer. Er habe sich glücklich gefühlt: «Ich musste aber gleich wieder zurück, denn es wurde dunkel und begann zu regnen.» Der Ballonbauer hat dabei weise gehandelt: «Ich habe Stöcke in den Boden gesteckt, um später den Weg zum Auto zurück einfacher zu finden.» Sein Onkel sei froh gewesen, als er ihn wieder sah. «Er dachte, mir sei etwas passiert.» Es sei ihm bei der Suche auch nicht so wohl gewesen: «Ich habe allerlei Wildtiere gesehen und Bedenken gehabt, von einem Wildschwein angegriffen zu werden.»

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«Eine einmalige Sache»

Plant Joldic einen weiteren Versuch? «Es war eine einmalige Sache», sagt er ohne Denkpause. Er habe sich den Traum erfüllt, den er hatte: «Ich stehe jetzt vor dem gleichen Problem wie auch schon. Ich muss mir ein neues Hobby suchen.»

Einen neuen Traum hat er schon: ein Flug zu einer Raumstation oder etwas bescheidener eine Reise mit einem Flugzeug in grosse Höhen. «Aber von diesem Projekt habe ich schon lange nichts mehr gelesen.» Bevor er neue Pläne schmiedet, beginnt für Enis Joldic bald wieder der Alltag. Das sei gut so: «Den Rummel der letzten Tage bin ich mich nicht so gewohnt.»

Hinweis:

Mehr Details: www.enisjoldic.ch

Diese zwei Kameras hat Enis Joldic in den Himmel geschickt - sie funktionieren noch. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)

Diese zwei Kameras hat Enis Joldic in den Himmel geschickt - sie funktionieren noch. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)