Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

CHAM: Wer ihn Bastler nennt, hat Ärger

Bruno Birrer stellt im Kunstkubus aus. Es geht um Modellbauten. Aber – wie immer bei diesem Dorf-original – auch um ihn selbst.
Bruno Birrer zeigt im Kunstkubus unter anderem Modelle von alten Wagen und Schlitten. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)

Bruno Birrer zeigt im Kunstkubus unter anderem Modelle von alten Wagen und Schlitten. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)

Raphael Biermayr

Wer diesen Raum betritt, tritt gleichsam in ein Leben. Bruno Birrer empfängt im Kunstkubus. Nach zehn Minuten mit dem bekanntesten Schnauzträger des Ennetsee weiss man so viel wie über andere Menschen ein Leben lang nicht. Eine unvollständige Auflistung: aufgewachsen auf einem Bauernhof in Reiden; Abbruch der Lehre als Elektromotorenbauer wegen eines rostigen Nagels durch den Fuss; Beinahe-Amputation; Neustart als Medizinlaborant sowie Operations- und Leichenfotograf; alleinerziehender Vater zweier Kinder; Sigrist; Fagottbauer; Abfallsammler; Stadtführer; Messerhersteller ...

Der 72-jährige Birrer fliegt durch die Epochen seines Lebens. Er hört sich zweifelsfrei gern reden. Vielleicht rührt das daher, dass er mit 18 nach einer lebensbedrohlichen Infektion das Sprechen verlernt hatte und es sich mühsam von neuem beibringen musste. Jedenfalls stört diese Eigenschaft in seinem Fall nicht, weil Birrer etwas zu erzählen hat – und zu zeigen.

Aktuell sind seine Modellbauten alter Wagen und Schlitten, die dazugehörigen Skizzen sowie Fagottmundstücke im kleinen Kunstkubus ausgestellt. Und mittendrin liegt ein Paar rote Schuhe: Sie sind das Produkt eines Schuhmacherkurses, den Birrer einst absolvierte. «Auf einer alten Foto habe ich entdeckt, dass Ferrari-Piloten solche Schuhe trugen, um an die Pedalen zu kommen», erklärt er.

Auch Birrer kann giftig werden

Birrer ist ein sehr manierlicher, zurückhaltender Mensch, der oft das Wort «dürfen» in seinen Sätzen verwendet. Doch bei aller Bescheidenheit weiss er ganz genau, was er will. Seine Regeln lassen selbst diesen Freigeist manchmal zum Pedanten werden. Geht es um seine Modellbauten, versteht der gemütliche Mann keinen Spass. Wer sie berührt, wird geschimpft. Jedes der zahlreichen Einzelstücke sei auf den Zehntel­millimeter genau hergestellt. Wer Ärger mit ihm will, nennt ihn einen Bastler. «Ich bin kein Bastler, sondern Handwerker!», stellt er klar. Für jeden der ausgestellten Wagen habe er Hunderte Stunden Arbeit aufgewendet. «Eigentlich» verkaufe er sie nicht. Wenn jemand aber «unbedingt» einen haben wolle, könne man reden. Preis: zwischen 3500 und 4000 Franken. Und: «Als Geschenk für Kinder verkaufe ich die Wagen nicht – sie sind kein Spielzeug.»

Die Vorlagen für seine Modelle findet er auf ausgedehnten Radtouren, durch das Emmental etwa oder das Napfgebiet. Kürzlich habe er im nahen Niederwil ein reizvolles Objekt entdeckt. Doch Birrer steckt in einem Dilemma: Der Wagen ist zu klein. Er baut ausschliesslich im Massstab 1:8, womit das Modell deutlich kleiner als die bisherigen ausfallen und nicht ins Bild passen würde. «Ich bin halt ein Spinner», sagt er.

Eine Digitalkamera – schwarz-weiss

Darüber hinaus bezeichnet er sich selbst auch als «Analogmenschen», womit ein weiteres seiner Dilemmata in Erscheinung tritt. Birrer hat weder einen Computer noch ein Handy. Natürlich stammen auch seine Fotoapparate noch aus der Dunkelkammerzeit. Doch Birrer sei darüber nicht verbittert, «ich kann loslassen, was vorbei ist». Würde er im Lotto gewinnen, würde er sich schon eine Digitalkamera anschaffen, sagt er, «eine Leica für Schwarz-Weiss-Fotos».

Kein grosser Zuhörer

Birrer hat sich nicht für die aktuelle Ausstellung im Kunstkubus aufgedrängt, er sei überredet worden. Er verhehlt indes nicht, dass er den Zuspruch der Menschen geniesst. Zur Vernissage kamen so viele Leute, dass sie in ein Zimmer des nahe gelegenen Städtli-Schulhauses verlegt wurde.

Wer ihm zuhört, stellt sich bald die Frage: Was kann Bruno Birrer eigentlich nicht? Lang zuhören ist bestimmt nicht seine Stärke. Hat er genug gehört, hampelt er seinen Gedanken nach. Doch wer will das einem verübeln, der selbst so viel zu erzählen weiss?

Der Termin neigt sich dem Ende zu. Birrer stösst versehentlich einen Hinweisständer um. Beim Aufprall am Boden löst sich der Aufsatz vom Träger. Birrer hebt die Teile auf, beäugt sie scharf. Bastler halt.

HINWEIS

Die Ausstellung von Bruno Birrer ist bis am 19. Dezember samstags von 11 bis 15 Uhr geöffnet (Zugerstrasse 37).

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.