Cliquenräume
Für 15 Franken im Monat erhalten Jugendliche in Rotkreuz ein Stück Freiraum

In einem alten Chalet mitten im Ortszentrum können Oberstufenschülerinnen und -schüler Gruppenräume mieten. Das Projekt der Jugendförderung stösst auf Anklang – bereits gibt es eine Warteliste.

Rahel Hug
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Pedro Rocha, LeAnn Zimmermann und Lina Berenguer (von links) in ihrem Raum, den sie für 15 Franken im Monat mieten.

Pedro Rocha, LeAnn Zimmermann und Lina Berenguer (von links) in ihrem Raum, den sie für 15 Franken im Monat mieten.

Bild: Stefan Kaiser (Rotkreuz 5. März 2021)

Pedro Rocha (13), LeAnn Zimmermann (14) und Lina Berenguer (14) sitzen auf ihrem schwarzen Sofa, plaudern, schauen auf ihre Handys, lachen. Ein gelber Sitzsack, eine bunte Stehlampe und ein Spiegel an der Wand sorgen für Gemütlichkeit im Zimmer. Es ist das Reich der drei Jugendlichen aus Rotkreuz – hier sind sie für sich, können chillen, in Ruhe reden, gemeinsam Netflix oder Youtube-Filme schauen. «Am meisten gefällt mir, dass wir ungestört sind, wenn wir etwas Privates besprechen wollen», sagt LeAnn. Ihre zwei Freunde pflichten ihr bei. «Manchmal machen wir hier auch unsere Hausaufgaben», fügt Lina an. Die drei besuchen in Rotkreuz die Oberstufe.

Der Raum der drei Jugendlichen befindet sich im alten Chalet an der Meierskappelerstrasse 11, auf dessen Fassade die Inschrift «Mis Heimeli» prangt. Seit dem vergangenen Herbst befinden sich im Haus, in dem früher die Schulsozialarbeit untergebracht war, fünf sogenannte Cliquenräume, die Gruppen von Jugendlichen für 15 Franken im Monat mieten können. Es handelt sich um ein Projekt der Jugendförderung, die dem Bereich «Generationen und Gesellschaft» der Einwohnergemeinde Risch angegliedert ist.

Projekt geht auf Jugend-Workshop im Jahr 2018 zurück

An einem Workshop im Jahr 2018 konnten Jugendliche aus Risch ihre Wünsche äussern. Dabei kam unter anderem die Forderung nach weiteren Cliquenräumen auf. Die Räume, die sich unterhalb des Zentrums Dorfmatt in der Zivilschutzanlage befanden, sind inzwischen geschlossen. Als das Chalet, das sich direkt neben dem Schulareal Waldegg befindet, frei wurde, beschloss der Gemeinderat, hier neue Cliquenräume zu schaffen. Ein Glücksfall, wie Werner Lehmann, Bereichsleiter Generationen und Gesellschaft, findet. «Cliquenräume sind sozusagen die ‹Best Practice› in der Jugendarbeit», sagt er.

«Hier finden wichtige Aushandlungsprozesse statt. Die Jugendlichen lernen, Verträge und Regeln auszuhandeln und sich daran zu halten.»

Maximal acht Jugendliche, die zusammen eine Clique bilden, können einen Raum mieten. Das Angebot richtet sich an Schülerinnen und Schüler der 1. bis 3. Oberstufe. Je nach Alter unterscheiden sich die Nutzungszeiten. Pedro, LeAnn und Lina dürfen als Schüler der 1. Oberstufe wochentags bis spätestens 20 Uhr Zeit im Raum verbringen, am Freitag und Samstag bis jeweils 22 Uhr.

Im Erdgeschoss befindet sich eine Gemeinschaftsküche, in den Räumen stehen als Grundausstattung ein Kühlschrank und ein Fernseher sowie ein Sound-System zur Verfügung. Den Rest können die Jugendlichen selbst gestalten, eine Clique hat beispielsweise eine Wand farbig gestrichen. Wegen Corona war die Grösse der Cliquen in den letzten Wochen auf fünf Personen beschränkt. Grundsätzlich darf jede Mieterin oder jeder Mieter eine weitere Person in den Raum einladen – doch auch dies ist momentan pandemiebedingt eingeschränkt.

Blick in die Gemeinschaftsküche im Erdgeschoss.

Blick in die Gemeinschaftsküche im Erdgeschoss.

Bild: Stefan Kaiser (Rotkreuz 5. März 2021)

Vorbildlich aufgeräumt und sauber

Jede Clique hat einen Coach, mit dem sie in regem Kontakt steht. Für die Dreiergruppe ist Rahel Erni zuständig. «Die Jugendlichen halten sich sehr gut an die Regeln», berichtet die Jugendarbeiterin. Die Chalet-Hausordnung und der Ämtliplan wurden gemeinsam mit allen fünf Cliquen ausgearbeitet. «Auch das hilft, die Sozialkompetenz der Jugendlichen zu stärken», ist Erni überzeugt. Der Augenschein vor Ort zeigt: Die Zimmer sind vorbildlich aufgeräumt und sehr sauber. «Wir sind positiv überrascht, wie ordentlich die Jugendlichen sind», sagt Rahel Erni. Probleme werden offen angesprochen, denn kleinere Regelverstösse kommen vor:

«Wir müssen zum Beispiel die Cliquen immer wieder darauf aufmerksam machen, dass sie ihren Güsel in den Räumen leeren müssen, damit es nicht stinkt.»

Und: An Silvester wollte eine Clique eine Party feiern, ohne die Verantwortlichen zu informieren. Das hatte Konsequenzen: Sie musste ihre Schlüssel für eine Weile abgeben.

Die Jugendlichen sind für die Ordnung in ihren Räumen selber verantwortlich.

Die Jugendlichen sind für die Ordnung in ihren Räumen selber verantwortlich.

Bild: Stefan Kaiser (Rotkreuz 5. März 2021)

Für die Jugendlichen gilt eine Probezeit, während der sie gar keinen Besuch empfangen dürfen. Die Vereinbarung für die Miete wird auf zwei Monate abgeschlossen und automatisch um jeweils einen weiteren Monat verlängert. Die Nachfrage ist laut Rahel Erni gross: «Wir führen eine Warteliste mit aktuell vier Cliquen.» Ziel ist, wenn es die Coronasituation wieder zulässt, eine Doppelbelegung der Räume, wie Werner Lehmann ergänzt. Zusätzliche Räume seien momentan nicht in Planung.

Jugendarbeiterin Rahel Erni und Werner Lehmann, Bereichsleiter «Generationen und Gesellschaft», vor dem Chalet.

Jugendarbeiterin Rahel Erni und Werner Lehmann, Bereichsleiter «Generationen und Gesellschaft», vor dem Chalet.

Bild: Stefan Kaiser (Rotkreuz 5. März 2021)

Die zwei Fachleute spüren, dass die Coronazeit für Jugendliche eine Herausforderung ist. «Gerade in der kalten Jahreszeit können sie sich nirgends treffen», so Lehmann. Aus diesen Gründen wurden die Öffnungszeiten des Jugendtreffs im Dorfmatt stark erweitert und die Altersgrenze wurde tiefer angesetzt: Bereits Fünftklässler dürfen nun ins «Jugi». Doch Anlässe finden keine statt, das Programm läuft «auf Sparflamme». «Natürlich sind wir alle froh, wenn wir das Angebot wieder ganz hochfahren können», sagt der Bereichsleiter. «Und es wäre schön, wenn wir im Chalet mit allen Cliquen einmal ein Fest feiern könnten.»

Die Miete wird vom Taschengeld bezahlt

Zurück zu den drei Freunden. Während in der Gemeinschaftsküche eine Mädchenclique eine Instant-Nudelsuppe zubereitet, hören Pedro, LeAnn und Lina Musik und flitzen mit dem Staubsauger durch ihren Raum. «Ich musste schon etwas Überzeugungsarbeit bei meinen Eltern leisten», erzählt Pedro. «Doch inzwischen finden sie es eine gute Sache.» Für ihre Eltern haben die drei eine Video-Besichtigung durchgeführt. «Sie wissen also, wo wir sind, und müssen sich keine Sorgen machen», so LeAnn. Den Raum bezahlen sie aus ihrem Taschengeld. Gibt es etwas, was sie nicht gut finden? Lina spricht stellvertretend für alle drei: «Wir finden es schade, dass wir hier nicht übernachten dürfen.»

Auch Staubsaugen gehört dazu: Lina Berenguer, LeAnn Zimmermann und Pedro Rocha (von links) halten ihre vier Wände sauber.

Auch Staubsaugen gehört dazu: Lina Berenguer, LeAnn Zimmermann und Pedro Rocha (von links) halten ihre vier Wände sauber.

Bild: Stefan Kaiser (Rotkreuz 5. März 2021)

An diesem Freitagabend ist einiges los in den Cliquenräumen. Pedro, LeAnn und Lina haben sich entschieden, im nahen Kebabladen etwas fürs Nachtessen zu holen. Die Stimmung ist gelöst und sie freuen sich auf das Wochenende. Sie sind stolz auf ihren Rückzugsort und sind sich einig: «Gerade im Winter ist es besonders schön, dass wir uns hier treffen können.»