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COMEDY: Marco Rima: «Ich liess nie die Sau raus»

Der Zuger Marco Rima (53) ist ab Aschermittwoch mit seinem neuen Programm «Made in Hellwitzia» auf Tournee. Im Interview spricht er über seinen Bezug zur Fasnacht, über Gürtellinien und über seine Schüchternheit.
Marco Rima wirft sich öffentlich gerne in Pose, ist aber nach eigenem Bekunden «konservativer, als viele Menschen meinen». (Bild: Nadia Schärli)

Marco Rima wirft sich öffentlich gerne in Pose, ist aber nach eigenem Bekunden «konservativer, als viele Menschen meinen». (Bild: Nadia Schärli)

Interview Reinhold Hönle

Herr Rima, haben Sie die Premiere Ihres neuen Programms «Made in Hellwitzia» in Cham absichtlich auf den Aschermittwoch gelegt, damit Sie und Ihr Publikum sich bei der Fasnacht in Stimmung bringen können?

Marco Rima: Nein, ehrlich gesagt ist es ein Zufall, ein blöder Zufall, denn eigentlich konkurrenzieren Fasnachtsveranstaltungen die übrigen Bühnenproduktionen. Bis zum Aschermittwoch geben die Leute Vollgas, und wenn sie sich danach endlich erholt haben, bin ich wieder weg! (Lacht.)

Welche Beziehung haben Sie zur Fasnacht?

Rima: In Zug gibt es zwei Traditionen: Die Greth Schell, eine historische Figur, die am Güdelmontag mit ihren acht Lölis, vor denen ich mich als Kind immer fürchtete, durch die Stadt zieht, jedoch zum Trost Mandarinen verteilt. Und das Bäckermöhli, wo die Zünfter Gebäck und Früchte in die Menge werfen. Beide Figurengruppen tragen sehr schöne Masken und Kostüme. Die «richtige» Fasnacht findet allerdings in Luzern statt. Sie ist wild, kreativ und faszinierend. Als Pubertierender nahm ich gern selbst an ihr teil, später zeigte ich sie ausländischen Gästen. Als ich für «Keep Cool» und die «Wochenshow» in Köln lebte, hatte ich für den dortigen Karneval nur ein müdes Lächeln übrig total langweilig! (Lacht.)

Und die Basler Fasnacht?

Rima: Als Innerschweizer habe ich auch gegenüber der Basler Fasnacht mit ihren militärisch aufgestellten Pfeifern meine Vorbehalte. Ich muss jedoch gestehen, dass ich noch nie am Morgestraich gewesen bin. Das will ich unbedingt nachholen. Auch die Schnitzelbänke haben ihren eigenen Reiz.

Welche Jugenderinnerungen haben Sie an die Fasnacht?

Rima: Die Faszination lag darin, dass man zwei, drei Tage durchmachte. Zuerst gingen wir an den Umzug, dann wurde massiv getrommelt, vor dem Rathaus spielten die Guuggenmusigen. Die ganze Stadt tanzte, die Menge wogte im Takt der Musik faszinierend! Am Morgen gingen wir nach Hause, schnell geduscht und abgeschminkt, etwas gegessen, eine Kappe Schlaf genommen, und schon gings wieder los. Es war ein Ausnahmezustand. Man war ausgelassen, feierte fröhlich, aber Betrunkene sah man selten. Das beeindruckte mich. Leider ist das heute anders.

Haben Sie die Fasnacht nie benutzt, um inkognito «die Sau rauszulassen»?

Rima: Nein, meine Position war da immer die des Beobachters. Ich war mit meinen Kollegen lustig und laut, tanzte sehr gern und machte das Kalb, aber die Sau rauszulassen, war nie mein Ding. Ich habe auch keinerlei Verständnis für Vandalismus. Wie kann man nur so enthemmt sein, dass man Dinge zerstört? Das geht mir total gegen den Strich! Was bekommt man überhaupt noch mit, wenn man sich ins Koma säuft?

Welche Parallelen sehen Sie zwischen Fasnacht und Comedy?

Rima: Manchmal werde ich gefragt, ob ich Fasnacht machen würde. Dann antworte ich lächelnd, mein ganzes Leben habe viel mit Fasnacht zu tun. Ich trete in Figuren vors Publikum, die viel mit mir zu tun haben. Wenn ich nach Hause komme, demaskiere ich mich und schlüpfe in mein privates Mäntelchen. Das fällt mir von Mal zu Mal leichter, bin ich doch gern daheim und geniesse die Ruhe.

Wie kam es zu diesem Wandel?

Rima: Früher war ich ein Surfer, der auf jeder Welle ritt. Dabei handelte ich mir öfters eine blutende Nase ein. Mit dem Älterwerden lernt man die stillen Gewässer zu schätzen. Doch noch immer hält man nach der richtigen Welle Ausschau und will sie in vollen Zügen geniessen, wenn sie kommt.

Sind Sie auf der Bühne mutiger als privat?

Rima: Ich will es mit Emils Worten sagen: Ich gebe meinen Figuren ein Gesicht. Ich kann über die Figur meine Haltung kundtun. Ich muss als Komiker nicht immer politisch korrekt sein, darf zum Beispiel auch über das Tourette-Syndrom (Anm.: neuropsychiatrische Erkrankung, geht mit einem nervöses Zucken einher) lachen, obwohl es eine tragische Krankheit ist. Heute tendiert man dazu, alles zu umarmen, was kommt, man verhält sich überkorrekt. Die extreme Fallhöhe dieser Haltung kann ich als Kabarettist ausnützen. Die Leute dürfen über mich lachen und auf mich zeigen. Oder sich in mir erkennen.

Wie reagiert Ihr Publikum darauf?

Rima: Viele, die plötzlich merken, dass sie mit ihren Meinungen und Empfindungen nicht allein dastehen oder ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht haben, freuen sich. Besonders bei den Anekdoten aus meiner Ehe fühlt sich manch einer gespiegelt. Vielleicht gelingt es ihm, in Zukunft schwierige Situationen mit mehr Humor zu nehmen? Ich selbst bin viel milder geworden und eher bereit, eine andere Meinung erst anzuhören, weil ich zur Überzeugung gelangt bin, dass nur so ein friedliches Zusammenleben möglich ist.

War in jungen Jahren die Fasnacht auch eine Gelegenheit, Hemmungen gegenüber Frauen abzulegen?

Rima: Nein, im Gegenteil, die sexuelle Enthemmtheit schüchterte mich ein! Ich habe mich nie getraut, Frauen offen Avancen zu machen. Als junger Mann fand ich bei den Frauen Beachtung, weil ich eine grosse Klappe hatte und sie zum Lachen brachte, war ihnen gegenüber aber extrem schüchtern. Meine Unschuld verlor ich erst als 20-Jähriger.

Da finde ich es noch erstaunlicher, wie oft Ihre Pointen auch beim letzten Programm «Humor Sapiens» mehr oder weniger deutlich unter die Gürtellinie zielten. Wie kommt das?

Rima: Ich vermute, dass Sie nur diese Reizwörter wahrgenommen haben. Offenbar eigne ich mich bestens dafür, auf dieses Thema reduziert zu werden dabei habe ich nur eine unbändige Lust und spezielle Art, über dieses Thema zu reden. Vielleicht gibt es eine familiäre Prägung, die da zum Ausdruck kommt.

Was meinen Sie damit?

Rima: Mein Vater liebte meine Mutter, hatte jedoch Liebschaften mit anderen Frauen. Während meiner Kindheit und Jugend blieben sie zusammen, ehe sie sich scheiden liessen, um einander fünf Jahre später ein zweites Mal zu heiraten. Obwohl ich einer besonderen Familie entstamme, wuchs ich nach Schema F auf und bin wohl konservativer, als viele Menschen meinen.

Wie äussert sich das?

Rima: Für mich ist die Sexualität Bestandteil unseres Lebens, und ich habe grosse Freude an ihr. Sie ist nicht das Wichtigste im Leben, aber sie begleitet mich. Diese Botschaft versuche ich in meinen Nummern herüberzubringen. Manchmal wird sie verstanden, manchmal nicht je nach Befindlichkeit des Zuschauers. Ich bediene bewusst die sexistische Attitüde, genauso wie die rassistische, mit dem erklärten Ziel, sie zu demaskieren.

Bedienen Sie nicht einfach ein Publikum, das diese Art von Humor schätzt?

Rima: Nein, da muss ich klar widersprechen. Da steckt absolut kein Kalkül dahinter! So bin ich einfach, und so rede ich sehr direkt. Ich komme aus der Innerschweiz. Da herrscht ein ziemlich rauer Umgangston. Deshalb reagiere ich auf vieles weniger sensibel als Menschen mit einer kultivierteren Sprache. Ausserdem gibt es auf der Bühne Situationen, da brechen bei mir alle Dämme. Die Spiellust ist dann so überwältigend, dass sie mit mir durchgeht. Lust und lustig haben nicht zufällig denselben Wortstamm ...

Wem gegenüber fühlen Sie sich verpflichtet?

Rima: Als Kabarettist habe ich drei Aufgaben: die Menschen zu unterhalten, sie locker zu machen und ihnen ein positives Erlebnis zu bescheren, damit sie ein andermal wieder gern ins Theater gehen. Leute wie Peach Weber, Emil oder ich sind Wegbereiter für die sogenannte «hehre Kunst». Das ist unser kultureller Auftrag! Wer in meine Vorstellung kommt, wird mit dem ganzen Leben konfrontiert, und dazu gehört auch die Gürtellinie. Die Frage ist nur, wo fängt sie an? Beim einen höher, beim anderen tiefer. Aber darüber mache ich mir eigentlich gar keine Gedanken.

Und was sagt Ihre Frau, die bei «Made in Hellwitzia» stärker involviert ist?

Rima: Christina ist neu meine Managerin, Beraterin und auch kritische Instanz. Während des kreativen Prozesses bleibt sie allerdings aussen vor. Nach der Vorpremiere des neuen Programms am Arosa Humor Festival war sie begeistert. Es sei mit Abstand mein bestes Programm, meint sie. Es behandelt verschiedene aktuelle Themen wie Nationalitäten, Gastarbeiter, Religionen, Papst und Sterben, politisch nicht ganz korrekt, und das mit Absicht. Die Ratschläge meiner Frau und meines Freundes Marco Schneider veranlassten mich zu mancher Streichung, die mir wehtat, aber am Ende erkannte ich, dass weniger manchmal mehr ist.

Mit dem Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Kämpfen Sie immer noch mit Ihrem Gewicht?

Rima: Das ist ein Thema, das mich wohl den Rest meines Lebens beschäftigen wird. Jedes Jahr hast du irgendein körperliches Problem, bist einige Monate weg vom Fenster, isst aber wie vorher und flugs hast du einige Kilos mehr. Ausserdem verlangsamt sich mit zunehmendem Alter auch der Stoffwechsel. Meine Frau isst doppelt so viel wie ich und fällt fast vom Fleisch. Das ist einfach ungerecht! (Lacht.)

Dafür haben Sie mit dem Rauchen aufgehört.

Rima: Ja, aber das Hauptproblem ist, dass ich ein Liebhaber von Patisserie bin. Ich kann an keiner Bäckerei vorbeigehen. Die süssen Verlockungen sind einfach übermächtig. Aber natürlich ist alles eine Frage der Psyche ...

Klappte es beim Rauchstopp von einem Tag auf den anderen?

Rima: Ich brauchte schon einige Anläufe, um definitiv aufhören zu können, aber dann habe ich es radikal durchgezogen. Ich war ja bis 34 Nichtraucher und bin froh, es wieder zu sein. Ich muss aber knallhart mit mir sein, um es zu bleiben. Wenn ich eine Zigarette in den Mund nähme, wäre es um mich geschehen. Vielleicht gelingt mir ja diese konsequente Haltung eines Tages auch mit gewissen Lebensmitteln ... (Lacht.)

Helfen die Tourneen beim Abnehmen?

Rima: Ja, nach 16 Uhr gibt es vor einem Auftritt nichts mehr zu essen, und wenn ich danach nur noch etwas trinke, bin ich schnell ein paar Kilos los. Die Tournee war aber auch eine zusätzliche Motivation, vor kurzem eine dreiwöchige Fastenkur in Thailand zu machen, von der mir ein Freund vorgeschwärmt hatte. Das war ein tolles Erlebnis: Die ersten drei Tage, in der man nur Wasser und etwas Kleie als Ballaststoff bekommt, hatte ich keine Probleme. Dann ist der Entzug aber voll eingefahren. Ich checkte bei Emirates sogar ab, ob ein vorzeitiger Heimflug möglich wäre! Ich hätte für einen Salat töten können! (Lacht.) Als diese Phase überstanden war, hat mir der Mix aus Laufen, Lesen, Massagen und guten Gesprächen mit Fastengenossen sehr gutgetan.

In der TV-Aufzeichnung von «Humor Sapiens» konnten Sie sich selber das Lachen öfters nicht verkneifen. Versuchen Sie es gar nicht mehr, weil es sympathisch wirkt?

Rima: Nein, ich kämpfe immer dagegen an, doch an diesem Abend ist einiges aus dem Ruder gelaufen. Mir sind Pointen eingefallen, die wir wieder rausgestrichen hatten, um den roten Faden der Ge-schichte zu bewahren. Und dabei hat es mich fast «verputzt»!

Das Lachen ist Ihnen sicher auch vergangen, als wir vom Terroranschlag auf «Charlie Hebdo» erfahren haben. Welches waren Ihre ersten Gedanken?

Rima: Mich erschüttern solche Sachen immer. Die Show, die Hollande und andere Politiker danach abgezogen haben, hat mich aber geärgert. Frankreich hat seine Zeit unter Nazi-Herrschaft und als Kolonialmacht nie richtig aufgearbeitet, ist aber sehr schnell mit von der Partie, wenn es darum geht, in anderen Ländern militärisch zu intervenieren. Hollande spielt sich gegenüber Putin auf, obwohl Russland im Kampf gegen Hitler weit mehr Opfer brachte als die Alliierten. Vielleicht muss Europa nochmals scheitern, um neu entstehen zu können?

Könnten Sie sich angesichts solcher Gedanken nicht vorstellen, auch einmal ein politischeres Programm zu machen?

Rima: Das wäre schon vorstellbar, aber ich habe mich nun mal entschieden, die Leute mit meinen Geschichten zu unterhalten, die nicht weltbewegend sind, sondern mit uns zu tun haben. Andererseits beschäftigen mich jedoch Themen wie die Asylpolitik oder unsere Schule immer mehr. Ich würde gerne mal alle Parteipräsidenten zu einem Mittagessen einladen, um meine lösungsorientierte Idee zur Diskussion zu stellen: Weshalb verteilen wir die Asylbewerber nicht auf alle Gemeinden? Das wären im Schnitt 10 Menschen pro Gemeinde. So könnte man die Ballung vermeiden und für alle eine Beschäftigung auf Bauernhöfen, im Wald, in der Pflege oder im öffentlichen Dienst finden, wo sie selbst etwas verdienen könnten.

Möchten Sie Politiker werden? Im Zuger Kantonsparlament werden vielleicht nach dieser viel diskutierten Affäre Sitze frei ...

Rima: Nein, danke! Die beiden tun mir wirklich leid. Es würde sich anbieten, diese Affäre auf der Bühne zu verbraten, aber ich mache das nicht aus Respekt vor den Kindern und Ehepartnern. Und vor diesen beiden Menschen, die in eine Situation geraten sind, in der sie die Kontrolle verloren haben und danach im Umgang mit den Medien schlecht beraten waren.

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