Corona-Pandemie

Selbsternannter Therapeut aus Morgarten dispensierte Leute von der Maskenpflicht – jetzt wird gegen ihn ermittelt

Ohne medizinische Qualifikation hat ein 65-Jähriger Atteste gegen die Maskenpflicht ausgestellt. Im Dezember führte die Polizei eine Hausdurchsuchung durch. Der Mann ist nach wie vor überzeugt, richtig gehandelt zu haben.

Rahel Hug
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Die Maskenpflicht ist dem Oberägerer Ingenieur ein Dorn im Auge.

Die Maskenpflicht ist dem Oberägerer Ingenieur ein Dorn im Auge.

Symbolbild: Severin Bigler

Die Kommentare auf der Website www.maskenattest.ch sind hämisch. Leute, die sich über diese Website einen Maskendispens haben ausstellen lassen, berichten hier von ihren Erfahrungen. «Dein Attest zieht jedes Mal und erstickt jede Diskussion im Keim. Das ist ein echter Freifahrtschein in dieser neuen Maulkorbwelt. Vielen Dank, dass du diese Möglichkeit geschaffen hast», schreibt einer. «Gesichtswindel» nennen die Teilnehmer in diesem Forum die Maske.

Der 65-jährige A. G. aus Morgarten, der ihnen die Zeugnisse gegen die Maskenpflicht ausgestellt hat, muss sich nun vor den Strafverfolgungsbehörden verantworten. Wie die «Sonntags-Zeitung» publik machte, wurde beim diplomierten Ingenieur Anfang Dezember eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Dabei hat die Polizei die Computer des Mannes beschlagnahmt.

Gelder flossen angeblich in den Verein gegen 5G

Wie Frank Kleiner, Mediensprecher der Zuger Strafverfolgungsbehörden, bestätigt, wurde gegen den Oberägerer eine Untersuchung eingeleitet: «Die Staatsanwaltschaft des Kantons Zug hat am 23. November 2020 gestützt auf eine entsprechende Mitteilung der Gesundheitsdirektion des Kantons Zug eine Strafuntersuchung gegen A. G. eröffnet.» Untersucht werde der Verdacht auf Übertretung des Gesundheitsgesetzes, auf Widerhandlung gegen das Übertretungsstrafgesetz und auf Ungehorsam gegen amtliche Verfügungen sowie eventuell der Verdacht auf Widerhandlung gegen das UWG (Bundesgesetz gegen den unlauteren Wettbewerb) und auf Betrug.

Die Atteste gegen die Maskenpflicht konnte man über die Website bestellen. Es gebe sie «geschenkt», schreibt A. G., er verlangte jedoch als Entgelt eine Spende für seinen Verein 5Gfrei.ch, mit dem er gegen die 5G-Technologie kämpft. Was treibt den Mann, der sich als «freier und unabhängiger Therapeut» bezeichnet, an? Auf eine schriftliche Anfrage unserer Zeitung antwortet er postwendend. «Ich sah so viele unter der Maske leiden», erklärt er.

«Dann haben diverse Ärzte diese Atteste ausgestellt und die wurden dafür massiv angegriffen. Es war nicht mehr erlaubt, eine andere Sichtweise zu haben.»

Da habe er unentgeltlich helfen wollen. «Die Besteller sind sehr dankbar dafür.» Um gesund zu bleiben, benötige man eher mehr als weniger Sauerstoff, Masken würden leicht verschimmeln und dann «die Lungen verpilzen».

Tatverdächtiger zeigt sich uneinsichtig

Auf die Frage, wann er mit dem Ausstellen der Bescheinigungen gestartet und wie viele er ausgestellt hat, will der Mann nicht antworten. Ob ihm bewusst war, dass er sich möglicherweise strafbar macht? «Mir war und ist immer noch bewusst, dass das keinesfalls strafbar ist», zeigt er sich uneinsichtig. Er stehe nach wie vor zu seinem Vorgehen.

«Die Covid-19-Verordnung sieht diese Ausnahmen ausdrücklich vor und spricht nur von ‹Nachweisen›, nicht von Attesten eines Dr. med.»

Da er sich auch nicht als zugelassener Arzt ausgegeben habe, liege keine falsche Präsentation seines Angebots vor, ist A. G. überzeugt.

Und dann wird er deutlich: «Die Covid-Pandemie ist der Versuch, eine faschistische Weltdiktatur zu etablieren», schreibt er. Und: «Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zu Pflicht.» Er verwendet weitere Begriffe wie «Coronalügengebäude», «Plandemie» oder «Lügenmedien» und zitiert Thomas Jefferson, der Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: «Nur die Lüge braucht die Stütze der Staatsgewalt, die Wahrheit steht von alleine aufrecht.»

Lediglich eine «Meinungsverschiedenheit»

Auf der Website teilt der selbsternannte Reiki-Meister (ein esoterisches Konzept der «Energiearbeit») etwa ein Interview mit dem Briten David Icke, der als Verschwörungstheoretiker gilt und Zusammenhänge zwischen Covid-19 und der 5G-Mobilfunkstrahlung herstellt. Zudem hat A. G. seine Beschwerde gegen zwei Verbotsverfügungen des Zuger Kantonsarztes aufgeschaltet. Im 22-seitigen Dokument kommt er zum Schluss, dass es keine Pandemie und keine Übersterblichkeit gebe. Auch über die Polizeiaktion im Dezember erstattet er Bericht. Er vergleicht die Hausdurchsuchung mit einer «vorzeitigen Anwendung des Anti-Terror-Gesetzes». Sein mutmasslicher Betrug ist für ihn lediglich eine «Meinungsverschiedenheit».

Das dürften die Strafverfolgungsbehörden anders sehen. Auf die Frage, welches Strafmass dem Esoteriker und Coronaleugner blühen könnte, geht Frank Kleiner nicht näher ein. Da es sich um eine laufende Strafuntersuchung handelt, können, so der Mediensprecher, noch keine weiteren Auskünfte erteilt werden.