Kolumne

Staatlich verordnete Entschleunigung

Der Redaktor Andreas Faessler beschreibt, wie sich die Massnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus auf seinen Alltag auswirken.

Andreas Faessler
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Andreas Faessler.

Andreas Faessler.

Wer hätte gedacht, dass Toilettenpapier jemals eine so beispiellose Popularität erhält wie jüngst. Neben zahllosen Bilderwitzchen und Spottsprüchen kursieren im Netz diverse Filmchen von Leuten, die sich im Supermarkt die Köpfe einschlagen im Kampf um eine Packung Klopapier. Das ist an Absurdität nicht zu toppen. In seinem innersten Wesen ist der Mensch halt doch nur ein dummes, primitives Tier geblieben, wie solche Episoden eindrücklich zeigen. Die grosse Frage «Warum WC-Papier? Warum nur?» – sie bleibt nicht schlüssig beantwortet. Ein Psychologe hat im deutschen Fernsehen einen Erklärungsansatz versucht: Der menschliche Instinkt sei von Natur aus stärker auf dasjenige fokussiert, was der Körper loswird, als auf das, was er aufnimmt – so sinngemäss seine Erörterung. Na, ich weiss nicht. An Hunger stirbt man schliesslich garantiert, aber bestimmt nicht an einem schmutzigen... egal.

Eins ist sicher: Klopapier prägt meinen persönlichen Alltag in Zeiten des Coronavirus in keiner Weise, sondern anderes, Immaterielles. Obschon ich besorgt verfolge, wie die Pandemie weltweit viel Leid verursacht, kann ich selbst dieser Krise nämlich auch Gutes abgewinnen. Ich seh’s als eine Art staatlich verordnete Entschleunigung. Sie zwingt mich, mehrere Gänge zurückzuschalten. Plötzlich verfüge ich neben dem Homeoffice über ein gesteigertes Kontingent an Zeit. Zeit, dieses wertvolle Gut. Ich erledige Dinge, die ich seit Monaten, ja teils seit Jahren vor mir hergeschoben habe. Sozialkontakte finden im Moment fast nur über digitale Plattformen statt – man ist ja verantwortungsbewusst. Selbst dies kann für einmal befreiend sein, weil plötzlich Platz für eine neue Ich-Wahrnehmung ist.

Insofern versuche ist, das Beste aus der Situation zu machen und die Teilquarantäne so sinnvoll wie möglich zu nutzen. Allerdings in der Hoffnung, dass die Dauer dieses Zustandes bald absehbar wird, es haben ja wahrlich nicht alle das Glück, das Ganze auf eine vergleichsweise leichte Schulter nehmen zu können. Ich denke da primär an die Einsatzkräfte in den Krankenhäusern, die Unmenschliches leisten. Oder an diejenigen, welche die Versorgung aufrecht erhalten, etwa an der Kasse im Supermarkt sitzen und einen kühlen Kopf bewahren, obschon sie sich täglich einer gewissen Gefahr aussetzen. Und diesen Menschen gebühren grosser Dank.

Schön ist auch zu sehen, dass in der Gesellschaft tatsächlich eine gewisse Grundsolidarität zu existieren scheint. Allmählich wird wohl jedem bewusst, dass wir alle im selben Boot sitzen – weltweit. Und zu sehen, wie dieses Gefühl der Gemeinsamkeit und eine vielerorts aufflammende Hilfsbereitschaft die Menschen wieder etwas näher zusammenrücken lässt – ausser es geht um Klopapier natürlich! –, macht Freude. Wie das alles aussehen wird, wenn irgendwann wieder Normalität einkehrt, steht allerdings auf einem anderen Blatt.