Das Zuger Herti-Stadion: Ein Abenteuerland, in dem es nach Schwefel roch

Vor zehn Jahren fand das letzte Eishockeyspiel im Zuger Herti-Stadion statt. Unser Redaktor beschreibt seine persönlichen Erinnerungen.

Raphael Biermayr
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Gänsehautmoment: Beim Einlauf des Teams während der Playoffs brannten im Hertistadion jeweils Tausende Wunderkerzen. Hier zu sehen vor einem Viertelfinalspiel 1999 gegen den SC Bern.

Gänsehautmoment: Beim Einlauf des Teams während der Playoffs brannten im Hertistadion jeweils Tausende Wunderkerzen. Hier zu sehen vor einem Viertelfinalspiel 1999 gegen den SC Bern.

Bild: PD/EVZ

Es war ein unrühmliches Ende. Am 5. April 2010, fast auf den Tag genau vor zehn Jahren also, fand das letzte Spiel im Herti- Stadion statt. Unrühmlich, weil er EVZ die Partie im Playoff-Halbfinal gegen Servette mit 2:7 verlor. Unrühmlich, weil das Stadion bei weitem nicht ausverkauft war. Und unrühmlich, weil es bei diesem Tag um den Ostermontag und damit um ein Nachmittagsspiel handelte. So war es draussen noch hell, als drinnen nach 43 Jahren die Lichter ausgingen. Ein Video zum Abschied gibt es hier.

Nach dem Spielende waren seltsame Szenen zu sehen. Denn die Enttäuschung der EVZ-Fans mischte sich mit dem Wunsch, Abschied zu nehmen. So verliessen viele frustrierten Anhänger den Ort der Schmach nicht, sondern gingen auf das Eis. Eigentlich wäre dieser Akt einem Meistertitel des EVZ vorbehalten gewesen. Doch an diesem frühen Abend im April war ein für alle Mal klar: Im Herti-Stadion würde es niemals einen zu feiern geben. Der Meisterpokal war zwar bereits einmal in Zug vergeben worden. Doch es war Berns Captain Roberto Triulzi, der ihn im Jahr 1997 in die Höhe reckte.

Wenn sich heute Anhänger über die Mängel in der Bossard-Arena beschweren und darauf hinweisen, dass dieses oder jenes im Herti-Stadion besser war, ist das ein Ausdruck sehnsuchtsbedingter Verblendung. Oder es zeigt, dass die Erinnerung dieser Personen erst in den Nullerjahren einsetzt. Die Verpflegungssituation war nämlich traurig. Das gilt auch für den Zugang zu Toiletten. Nachdem die Curlinghalle eröffnet worden war, machten sich manche in der Pause zwecks Erleichterung dorthin. Und die Collagen von Tausenden Plastikbechern, Kartons, Wurstpapiere und Servietten, die nach jedem einzelnen Match auf den Stufen klebten, sind heute schlichtweg unvorstellbar. Ganz zu schweigen vom Stadionrestaurant, dem «Pögg». Der stets mürrische Kellner und die stets gefühlte 80 Grad abstrahlenden Radiatoren trugen zu einer nicht immer herrschenden Wohlfühlatmosphäre bei.

Als sogar Davos mehr Zuschauer hatte

Nein, für erwachsene und damit etwas bequemere Zeitgenossen war das Herti-Stadion in den letzten Jahren eine Zumutung. Es lag sicherlich nicht nur an den sportlichen Misserfolgen im Nachgang zum (in Davos errungenen) Meistertitel von 1998, dass der EVZ jahrelang zu den Clubs mit den tiefsten Zuschauerzahlen gehörte. In der Qualifikation der letzten Herti-Stadion-Saison, die die Zuger auf dem guten 3. Platz abschlossen, lag der Besucherschnitt bei gerade einmal 4316. Nur Ambri und Lugano zogen weniger Publikum an. Oder anders ausgedrückt: Sogar Rapperswil-Jona und Davos wiesen einen höheren Zuschauerzuspruch auf!

Aber das Herti-Stadion war im Gegensatz zu den modernen Arenen ein grossartiger Ort, um gross zu werden. Es war ein düsterer und irgendwie geheimnisvoller Ort; verwinkelt und daher mit vielen Möglichkeiten, sich zu verstecken. So war es trotz der gut sichtbaren Rauchverbotstafeln kein Problem, diesem Laster zu frönen. Und nicht alle hatten dabei nur Tabak angezündet. Doch weil die Florentiner-Bratwürste einen in mehrfacher Hinsicht unvergleichlichen Geschmack und Geruch hatten, fielen die Kiffer nicht einmal gross auf. Cannabis, Flüche, Schmährufe und -gesten, Bier, Euphorie, der Spiessrutenlauf an der gegnerischen Stehrampe vorbei zum Kiosk, und die immer wiederkehrenden Gerüchte über extra angereiste ZSC-Fans, die irgendwo in Stadionnähe die Lugano-Fans zur Prügelei erwarteten (oder wahlweise umgekehrt). Ein Heimspiel war ein Abenteuer. Und das Herti-Stadion das Abenteuerland aus Beton.

Früher war nicht alles besser, aber wilder

Die beste Art, nicht aufzufallen, war, in der Masse abzutauchen. Diese war weit bunter als heutzutage, und das lag nicht nur an der aus jetziger Sicht abartigen Gestaltung der Trikots. Vieles war freier als unter den strengen Auflagen der Gegenwart. So wurden dumme Aktionen, wie der Spielabbruch wegen einer gezündeten Rauchbombe in der ZSC-Fankurve im Oktober 2009, begünstigt. Aber auch Hühnerhautmomente. So wie die in Tausenden Händen brennenden Wunderkerzen beim Einlauf des Zuger Teams in den Playoffs, die das Stadion in einen – wie man damals dachte – Schwefelgeruch hüllten. Oder die legendäre Choreografie «Das Feuer in Zug brennt wieder» vom Oktober 2004.

Diese stand stellvertretend für die Tatsache, dass die Stimmung von den Fans selbst kommen musste, weil es im Herti- Stadion – von den scheppernden Lautsprechern abgesehen – schlichtweg keine technischen Hilfsmittel gab, die das übernahmen. So ist es als Sündenfall des Vereins zu werten, als er in seiner Verzweiflung wegen der rückläufigen Zuschauerzahlen einen Teil der Stehkurven zu Gunsten von Sitzplätzen opferte. Denn von den Stehplätzen sind damals wie heute die Entladungen ausgegangen, die die Atmosphäre in allen Sportstadien prägen.

Ja, im Herti-Stadion war die Atmosphäre wirklich grossartig, wenn alles zusammenpasste. Wie etwa beim Aufstiegsspiel zur NLA im Jahr 1987, als weit mehr als die offiziell 8052 Zuschauer den 6:2-Sieg gegen den ZSC bejubelten. Oder als Dino Kessler den EVZ im Frühjahr 1994 mit seinem Tor gegen Berns Goalielegende Renato Tosio in der Verlängerung erstmals in den Halbfinal schoss. Die Videoversion ist hier zu finden.

Das letzte Mal, als es im Herti-Stadion richtig laut wurde, war wenige Tage vor dem unrühmlichen letzten Spiel. Am 23. März 2010 erzielte Paul Di Pietro das entscheidende Tor zum 2:0 gegen die ZSC Lions. Das Herti-Stadion war ausverkauft. Es war Abend. Es war schön.