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Das Bild der Kirche wankt

Der bekannte Investigativjournalist Gianluigi Nuzzi bringt mit «Erbsünde» den Heiligen Stuhl in weitere Bedrängnis. Das Buch hat in Italien bereits hohe Wellen geschlagen. Nun liegt es auch in Deutsch vor.
Andreas Faessler
Über dem Vatikan ziehen Wolken auf. Der Autor Gianluigi Nuzzi beschreibt die erschreckenden Zustände, die hinter Berninis Kolonnaden herrschen.(Bild: Andreas Faessler)

Über dem Vatikan ziehen Wolken auf. Der Autor Gianluigi Nuzzi beschreibt die erschreckenden Zustände, die hinter Berninis Kolonnaden herrschen.(Bild: Andreas Faessler)

Blut, Geld, Sex – die Zustände hinter den barocken Mauern des Vatikans sind haarsträubend. Kaum erfassbare, aber enorm einflussreiche, pyramidal aufgebaute und weitverzweigte Machtblöcke ziehen geschickt die Fäden, sorgen auf perfide Weise für Repressalien und Korruption. ­Sexueller Missbrauch, Mord und die Gier nach Macht werfen immer dunklere Schatten auf das Herz der katholischen Kirche. Selbst die Rolle des Papstes wird allmählich hinterfragt. Weiss er überhaupt um die erschütternden Zustände in seinem Haus? Wenn ja, was weiss er, und inwiefern ist er Teil dieses Systems?

Der italienische Investigativjournalist Gianluigi Nuzzi zeichnet mit seinem neusten Enthüllungsbuch «Erbsünde» ein mehr als bedenkliches Bild des Vatikans. Nachdem seine Erkenntnisse in Italien bereits Lawinen ausgelöst haben, präsentiert der ­Autor nun die deutsche Version von «Erbsünde». Zehn Jahre lang hat der Journalist recherchiert, hat seine engen Beziehungen zu hohen Würdenträgern und einflussreichen Personen mit direktem Draht mitten ins Innere des Heiligen Stuhls spielen lassen, hat Einsicht erhalten in Dokumente, die bis dato streng ­geheim gehalten worden sind. «Während meiner Recherchen bin ich auf unglaubliche Dinge ­gestossen», sagt Nuzzi an der Schweizer Buch­präsentation in Zürich. «Erbsünde» gibt zumindest ansatzmässig eine schlüssige Antwort auf die grosse Frage: ­Warum will es selbst Franziskus nicht gelingen, die katholische Kirche zu erneuern? Innerhalb der Kurie spielen hochkomplexe Mechanismen, die still, aber effizient jeg­liche Reformregung im Keim ersticken, ist Nuzzi überzeugt, legt es in seinem Buch anschaulich dar und konkretisiert vieles, über das man mit Blick auf den Vatikan bisher nur mutmasste.

Was weiss der Vatikan wirklich?

Dafür nimmt sich der Autor rätselhaften, nicht abschliessend geklärten Ereignissen der jüngeren Geschichte des Vatikans an und schafft es, anhand im Buch erstmals publizierter, geheimer Dokumente und Aufzeichnungen aufzuzeigen, wie dubios die jeweilige Rolle des Heiligen Stuhls wirklich ist. Etwa im Falle des rätselhaften Verschwindens von Emanuela Orlandi, der Tochter eines päpstlichen Bediensteten, im Jahre 1983. Nuzzi legt offen, dass der Vatikan viel mehr weiss als bisher vermutet. Auch die Episode mit der Vatikanbank unter dem Regime von Erzbischof Marcinkus, als zweifelhafte Machenschaften wie Geldwäscherei und die Verschiebung von Drogengeldern für einen weltweiten Skandal sorgten, beleuchtet Nuzzi ausführlich mit neuen Erkenntnissen.

Ebenfalls ein wichtiger Fokus von Nuzzis Recherchen ist die einflussreiche Schwulenlobby im Vatikan, von der man lange nichts hat wissen wollen, bis Benedikt XVI. schliesslich eingestehen musste, dass es sie tatsächlich gibt. Dass man sie dann allerdings wirksam zerschlagen habe, deckt Nuzzi als Unwahrheit auf – die homosexuellen Seilschaften im Vatikan scheinen mächtiger denn je. Anhand von Gesprächen mit direkt Betroffenen wie auch mit hohen Geist­lichen schildert der Autor, wie Missbrauch, sexuelle Hörigkeit, Erpressung und eine unerträgliche Doppelmoral hochwirksame Machtinstrumente sind.

«Wie viel Zeit bleibt ihm noch?»

Aber wie sind diese erschütternden Zustände innerhalb eines Zwergstaates, wo alles so überschaubar scheint, überhaupt möglich? «Es ist ein System der Einschüchterung und der Vertuschung», umschreibt es Gianluigi Nuzzi. «Sobald die Tür einen kleinen Spalt aufgeht und das Dunkel zu erhellen beginnt, wird sie innert Kürze wieder zugeschlagen.» Nuzzi ist überzeugt, dass der Rücktritt von Papst Benedikt im Jahre 2013 aus dessen Machtlosigkeit gegenüber der unhalt­baren Zustände in der Kurie erfolgte. «Und diesen Entschluss hatte der Heilige Vater bereits 2011 gefasst», ist Nuzzi sicher, da seinen Recherchen zufolge bereits zwei Jahre vor dem Rücktritt die Anweisung gegeben worden sei, das Kloster Mater Ecclesiae, wo Benedikt heute residiert, zu räumen und zu renovieren. Mit obig geschilderten Verhältnissen hat seit dem Papstwechsel auch Franziskus zu kämpfen. Ob er jemals eine Reform in der Kirche durchbringen wird? Nuzzi ist skeptisch und konkretisiert seine Zweifel, indem er anhand eines Beispiels beschreibt, wie schleppend Änderungen im Vatikan vorangehen – wenn überhaupt. «Papst Franziskus hat allein fünf Jahre gebraucht, um einen unbeliebten Kardinal loszuwerden. Somit können Sie sich vorstellen, wie lange es dauern würde, die ganze Kirche zu reformieren. Wie viel Zeit bleibt ihm noch?»

Jeder Veränderungswille zum Scheitern verurteilt

Gianluigi Nuzzis Fazit zur katholischen Kirche ist ernüchternd. Sie komme keinen Schritt vorwärts, sämtliche Regungen werden behindert oder bereits im Keim erstickt, meint er und kommt im Buch zum Schluss: «Solange es nicht gelingt, sich von dem erpresserischen Sumpf der düsteren, ungeklärten Geschichten zu befreien, wird jeder Veränderungswille, unter welchem Papst auch immer, zum scheitern verurteilt sein.»

Gianluigi Nuzzi, «Erbsünde – Papst Franziskus’ einsamer Kampf gegen Korruption, Gewalt und Erpressung», 2018, gebunden, ca. 350 Seiten, Orell Füssli, Fr. 34.90

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