HINGESCHAUT: Das «Credo» eines Mehrspartenhauses

Hoch über der Bühne verbildlichen 17 Kinderfiguren die Künste, welche im Theater Casino Zug seit über 100 Jahren gepflegt werden.

Andreas Faessler
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Ein ganzer Kinderreigen im reich gestalteten Korbbogenfeld über der Bühne verbildlicht die unterschiedlichen Formen der darstellenden Kunst, welche im Theater Casino Zug seit 110 Jahren Platz haben.

Ein ganzer Kinderreigen im reich gestalteten Korbbogenfeld über der Bühne verbildlicht die unterschiedlichen Formen der darstellenden Kunst, welche im Theater Casino Zug seit 110 Jahren Platz haben.

Bild: Andreas Faessler (19. November 2019)

Wer der Architektur von Opern- und Theaterhäusern – insbesondere historischen – Aufmerksamkeit schenkt, dem fallen gelegentlich Hinweise auf die im Haus praktizierten Formen und Unterformen der darstellenden Kunst auf. Meist sind es Inschriften entweder aussen an der Schaufassade des Theatergebäudes oder gelegentlich findet man sie auch im Inneren. Häufig werden die verschiedenen Disziplinen zusätzlich plastisch in die Architektur eingebunden dargestellt. Auch Büsten der bedeutendsten Vertreter in der Geschichte der jeweiligen Kunstform dienen schon mal für die symbolische Verbildlichung.

Von der Komödie zur Tragödie

Im 1909 nach Plänen des Zuger Architekten Dagobert Keiser (1879–1959) fertiggestellten Theater Casino in Zug finden wir diese Hinweise in einer gestalterisch sehr ansprechenden Form als Kombination von Inschrift und bildlich-allegorischer Darstellung – im grossen Korbbogenfeld über dem Bühnenportal am Übergang zur Saaldecke. Insgesamt 17 reliefierte, leicht pummelige Kinder tummeln sich im Feld und führen die jeweilige Kunstform vor; im Theater Casino Zug sind deren fünf vermerkt – auf Latein. Es beginnt links mit der «comoedia», der Komödie. Zwei Knaben halten eine lachende Maske, mit der auf den erheiternden Inhalt des Lustspiels verwiesen wird. Es folgt die «musica», die Musik, die sich hier in erster Linie in einem Schalmeien spielenden Knäblein zeigt, was jedoch auch schon auf die nächste Kunstform hinweist: Die Doppelflöte versinnbildlicht zugleich die lyrische Poesie. In zweiter Linie verbildlichen zwei sich sichtlich zugewandte Kinder die Musik als gefühlsbetonte Kunst. In der Mitte steht die «poesia», die Dichtung. Es gibt ganz unterschiedliche Allegorien auf die Poesie. Ein häufig verwendetes Attribut dabei sind Blumen- oder Laubkränze. Solche sehen wir in unserem Beispiel, wo zwei Kinder um ein drittes scharwenzeln und ihm einen Blumenkranz umlegen. Auf die «poesia» folgt die «saltatio», die Kunst des Tanzes. Hier bewegen sich drei weitere Kinderchen ganz lebhaft – wohl zu den Klängen, die von der «musica» herüberdringen. Als fünfte Disziplin folgt das Gegenstück zur «comoedia», die «tragoedia». Sinnbild für das tragische Drama sind hier die Kinder, welche die kummervolle Maske halten.

Das reich gestaltete Bogenfeld im Theater Casino mit den symbolisch dargestellten Kunstformen ist ein zentraler Blickfang des Jugendstilsaals und steht bis heute für die Funktion des historischen Gebäudes am See als vielspartiger Kunst- und Musentempel für das Volk.

Hinweis
Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.

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Andreas Faessler