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Das ganze Leben in einer Krippe

Das Museum Kloster Muri bringt die weihnächtliche Provence ins Freiamt. Noch bis am 15. Februar 2019
sind im Kloster Muri 60 Figuren, so genannte «Santons» zu sehen.
Eddy Schambron
Rudolf Velhagen mit einigen seiner Santons. (Bild: Eddy Schambron)

Rudolf Velhagen mit einigen seiner Santons. (Bild: Eddy Schambron)

Zu Weihnachten in eine andere Welt eintauchen? Ach was, in mehrere andere Welten? MuriKultur macht das möglich mit der Ausstellung einer provenzalischen Krippe. Eine solche Krippe ist mehr als die farbenfrohe Erzählung der Geburt Jesu, sie ist ein gesellschaftliches Modell, eine Einheit aus Religiosität,
Literatur, Kultur und Volkskunde. Der Kunsthistoriker Rudolf Velhagen, Leiter Historische Sammlung beim Museum Aargau in Lenzburg, baute eine solche Krippe mit 60 Figuren, «Santons», im Museum Kloster Muri auf. Die Krippendarstellung wird sich im Lauf der Zeit bis zum 15. Februar 2019 verändern. Zwangsläufig, wie Velhagen darstellt. Die Hirten sind ja nicht Knall auf Fall im Stall beim Christkind. Mehr noch: Die meisten Santons stellen Figuren des alltäglichen Lebens aus der Provence dar und müssen keinen direkten Bezug zur Weihnachtsgeschichte haben.

Es gibt den Briefträger, den Arzt oder den Bäcker. Sie werden aber nicht zufällig an ihren Platz gestellt, sondern sehr bewusst platziert. Damit kann man mit der Krippe Botschaften, sogar politische, vermitteln. «Die Figuren repräsentieren auch eine Gesellschaftsordnung und bieten einen Querschnitt durch die Kultur der Provence.» In Südfrankreich haben diese Krippen eine sehr lange Tradition, die bis heute intensiv gepflegt wird. «Aus dem Haus des bekannten Kreateurs Marcel Carbonel in Marseille gibt es rund 800 Figuren», weiss Velhagen. «Jedes Jahr gestaltet er eine neue Krippenfigur aus Ton, die mit Ungeduld erwartet wird». Der Kunsthistoriker besitzt inzwischen rund 70 Stück davon, «und es hört nie auf», wie der Sammler in ihm lachend eingesteht. Jedes Jahr fährt er nach Paris, wo er beim legendären Georges Thuillier an der Place Saint Sulpice neue Figuren und Dekorationselemente kauft. Jetzt hat er auch einen Fluss, «er glitzert so schön». Seine Krippe stellt er in Muri zum ersten Mal aus.

Verschiedene Traditionen umkreisen die Figuren

Velhagen unterrichtete von 1998 bis 2000 im Auftrag der Ecole du Louvre, Paris, in Marseille Kunstgeschichte. Dort entdeckte er die Santons von Marcel Carbonel und verfiel den zarten, bunt gemalten Figuren mit einer Grösse zwischen vier und 15 Zentimetern. Er bemerkte den Zusammenhang der Santons mit der Literatur schnell. Eine wichtige Inspirationsquelle für die Figuren sind die «Lettres de mon moulin» von Alphonse Daudet (1840 bis 1897). Um die Krippen kreisen zudem verschiedene Traditionen, wie beispielsweise der Brauch der «Treize Desserts». Sie gehören zur provenzalischen Weihnacht, es handelt sich um die Desserts am Ende des festlichen Essens am Weihnachtsabend. Es gibt verschiedene Kreateure von Santons. «Ich habe mich für die Familie von Marcel Carbonel entschieden, weil die Farben so leuchtend sind», erklärt der Kunsthistoriker. Andere mischen auch Santons verschiedener Manufakturen. «Aber da bin ich Purist».

Rudolf Velhagen liess sich beim Aufbau der Krippe im Klostermuseum über die Schultern schauen. «Viele haben schon in den Ferien solche Santons gekauft und mit nach Hause genommen», weiss er. «Aber ich kann und will nicht andere Figuren in meiner Krippe aufnehmen», rät er Besuchern davon ab, ihre Figuren mitzubringen. Velhagen wird Vincent, den Korbflechter, oder die Korsin in ihrer schwarzen Tracht ganz bewusst hinstellen, vielleicht den Bartoumieu nochmals umplatzieren oder die Fileuse an die richtige Stelle schieben, die Zypressen gezielt «einpflanzen». Am Schluss wird es eine einzigartige Krippe sein, die mehr erzählt als von der Geburt Jesus und weit über die Region hinaus auf Interesse stossen wird.

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