Das Geld floss von einer Baarer Briefkastenfirma zur anderen

Nicht nur die Baarer Piccor AG wird derzeit liquidiert, sondern auch die Swiss Finance Group AG. Beide sollen Teil des gleichen Schneeballsystems gewesen sein. Auch Prominente sind unter den Opfern der dubiosen Vermögensverwalter.

Christopher Gilb
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Einstiges Klingelschild der Swiss Finance Group AG an der Baarermattstrasse 6 in Inwil. (Bild: Christopher Gilb (5. Oktober 2018))

Einstiges Klingelschild der Swiss Finance Group AG an der Baarermattstrasse 6 in Inwil. (Bild: Christopher Gilb (5. Oktober 2018))

Das Bürogebäude an der Baarermattstrasse 6 in Inwil. Hier war bis vor kurzem – mindestens auf dem Papier – die Swiss Finance Group AG beheimatet. Denn wer den Aufwand einging, und ein Blick in die Büroräumlichkeiten warf, sah rudimentäre Einrichtungsgegenstände und eine Kaffeemaschine, mehr nicht. Verwaltungsratspräsident war ein Berliner Treuhänder. Er soll der Kopf hinter einer Gruppe gewesen sein, die unter verschiedenen Namen wie Picam, Piccor und Piccox mehr als 316 Millionen Euro von deutschen Anlegern eingesammelt hat. Sie warb mit «Vermögensmanagement nach Schweizer Qualität» und versprachen mit ihren Geldanlagen sogenannten DAX-Futures Renditen von bis zu 30 Prozent. Doch existierten diese wohl ebenfalls nur auf dem Papier. Ende 2017 blieben Zahlungen aus. Seitdem warten rund 2500 Anleger auf ihr Geld. Die Ermittlungen in Deutschland und auch in Zug laufen.

Wie Unterlagen nun nahe legen, wurden rund 74 Millionen von den eingenommenen Anlegergeldern durch die Konten der Swiss Finance Group geschleust und rotierten dann zwischen verschiedenen Ländern, darunter Luxemburg und Liechtenstein, hin und her. Sie kamen von der Piccor AG, die ebenfalls in Baar domiziliert war. Über die Piccor AG hat unsere Zeitung bereits mehrfach berichtet. Mit ihr schlossen die Anleger Vermögensverwaltungsaufträge ab. Sie stand also am Anfang des mutmasslichen Schneeballsystems, an dem die Beteiligten mit Hilfe von Provisionen und Gebühren rund 40 Millionen verdient haben sollen, so die Vorwürfe der deutschen Ermittlungsbehörden.

Das Konkursverfahren läuft

Im Februar 2018 hatten die Ermittlungsbehörden dann zugeschlagen und Büros und Wohnungen in Deutschland und in Baar untersucht. Denn auch ein Treuhänder aus Baar war ein Thema, er fungierte bei der Piccor AG, die wohl ebenfalls nicht mehr als eine Briefkastenfirma war, als einziger Verwaltungsrat. Nachdem er anfänglich noch seine mutmasslichen Geschäftspartner in Schutz genommen und die Schuld stattdessen auf einen dubiosen Dritten in Gibraltar geschoben hatte, zog er sich Ende 2018 aus der Firma zurück: «Ich bin aus dem Verwaltungsrat ausgeschieden, da ich Grund zur Annahme habe, dass Unrechtmässiges mit der Firma betrieben wurde und ich keine Möglichkeiten habe, diese Handlungen zu kontrollieren», sagte er damals gegenüber unserer Zeitung.

Wegen Organisationsmangel wird die Firma, die wie die Swiss Finance Group auf der Finma-Warnliste stand, derzeit liquidiert. Bei Verfahren mit einem engen Bezug zueinander werde im Normalfall der gleiche Sachbearbeiter damit betraut, so Andreas Hess, Amtschef des Zuger Handelsregister- und Konkursamts. «Aufgrund der Grösse und Komplexität der Verfahren stehen wir aber noch am Anfang.» Deswegen könnten auch noch keine weiteren Aussagen gemacht werden, etwa dazu, ob überhaupt noch Gelder da seien. Mutmasslich Geschädigte könnten nun aber ihre Forderungen anmelden, müssten diese aber ausreichend begründen, etwa mit Belegen und Zahlungsnachweisen. «Einige Gläubiger haben dies auch bereits getan», so Hess. Dann werde gemäss Schweizer Konkursrecht ein sogenannter Kollokationsplan erstellt, in dem aufgeführt werde, welche Forderungen zugelassen würden und welche nicht. Sei Geld vorhanden, erhalte dann jeder Gläubiger einen Anteil gemäss der Grösse seines Anspruchs. Erst würden aber Ansprüche von Gläubigern der Klasse 1, beispielsweise Angestellte der besagten Firmen, und der Klasse 2, beispielsweise Ausgleichskassen, befriedigt.

Auch zwei ehemalige Profisportler betroffen

Fraglich ist jedoch, ob das Zuger Konkursamt überhaupt auf allfällige Gelder zugreifen könnte, wurden doch übereinstimmenden Medienberichten zu Folgen in Deutschland bereits Vermögenswerte in zweistelliger Millionenhöhe von den Konten der Piccor AG bei der Berliner Volksbank arrestiert. Ziel sei natürlich, die ganze Konkursmasse in die Schweiz zu bekommen, so Hess. Dafür versuche man dann auch, mit den deutschen Behörden in Kontakt zu treten, um herauszufinden, was herausgegeben werden könne und welche Interessen jeweils Vorrang hätten.

Wie Recherchen des deutschen «Handelsblatts» ergeben haben, befinden sich unter den Geschädigten auch Prominente. Wer sich beteiligen wollte, habe mindestens 50'000 Euro aufbringen müssen. Eine interne Liste nenne zahlreichen Investoren, die bis zu 1,5 Millionen Euro angelegt hätten. Darunter finden sich auch zwei ehemalige Spieler der deutschen Fussball-Nationalmannschaft und der Vorsitzende der CDU-Fraktion einer mittelgrossen deutschen Stadt.

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