Leserbrief

Das Gleichgewicht ist labil – und droht zu kippen

«Medtech-Firma zieht nach Zug», Ausgabe vom 20.Februar

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Die Berichte über Firmen, beispielsweise aus der Medtech-Branche, welche in den Kanton Zug ziehen, reissen nicht ab. Im gleichen Atemzug wird jeweils betont, dass damit wieder Hunderte von Kaderleuten mitziehen werden, und das Steueramt kann jubeln: Oftmals handelt es sich dabei um Grossverdienende, welche sich den eh schon knappen Zuger Wohnraum leisten können und die Wohnpreis-Spirale aufwärts treiben. Dass die vielen Ex-Patriots unter den Zuzügern «von Bergen und See begeistert» sind, ist nicht erstaunlich. Erstaunlich respektive bedenklich ist hingegen, dass unsere verantwortliche Politik und die Wirtschaftsförderung diese Entwicklung seit Jahren anheizen. Als direkte Folge wird für viele Einheimische der eh schon teure Zuger Wohnraum unbezahlbar. Wissen Sie, dass in benachbarten Gemeinden wie Knonau, Mettmenstetten, Sins oder Oberrüti ganze Kolonien von verdrängten Zugern wohnen?

Jedes Wachstum hat Grenzen, welche zu überschreiten mehr Nachteile als Vorteile bringt. Meiner Ansicht nach sind diese Grenzen im Kanton Zug erreicht, auch was die Überbauung von fruchtbarem Boden betrifft. Stürmisches Wachstum spaltet zudem Kultur und Gesellschaft, da es immer Gewinner und Verlierer gibt. Die Verständnislosigkeit vieler Expats über die Tatsache, dass wir hier unsere eigene Kultur und Sprache leben und halt etwas langsamer reagieren, wenn jene uns in englisch ansprechen, ist schon etwas anmassend. Wenn die Verlierer die Einheimischen sind, ist es besonders bitter. Zwar verdankt der Kanton Zug seinen Wandel vom armen Bauernkanton zu Ansehen und Wohlstand im Wesentlichen zugezogenen Firmen und zugeflossenem Kapital aus anderen Kantonen und anderen Ländern. Aber der ursprünglich angestrebte Zweck der Tiefsteuer-Strategie kippt langsam ins Gegenteil. Ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen ist immer labil – leider gerät es langsam aus den Fugen.

Ueli Krasser, Hagendorn